• Vorlesen
  • A A A

PKV publik 6.2013

Professor Norbert Bolz spricht auf der Mitgliederversammlung der PKV

Professor Norbert Bolz

 

1 | 2 | 3

Damit werde das erklärte Ziel der Bundesregierung erfüllt, insbesondere auch junge Leute zu mehr Vorsorge zu motivieren. „Das freut mich ganz besonders“, sagte Schulte. Damit helfe die Politik den jüngeren Generationen, sich vorzubereiten auf die unausweichlichen demografischen Probleme in Deutschland – durch ein Vorsorgeprodukt, das die Generationengerechtigkeit in der Pflege stärkt.

Während Bahr und Schulte vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung auf die Notwendigkeit von mehr Kapitaldeckung hinwiesen, schaute der Medienwissenschaftler Professor Norbert Bolz aus einem etwas anderen Blickwinkel auf die Notwendigkeit privater Vorsorge. Er wies auf eine „Eskalation der Ansprüche“ infolge eines verfehlten Gerechtigkeitsbegriffs hin, die zur einer „Selbstüberforderung des Sozialstaates“ führen würde. Denn in den vergangenen Jahrzehnten habe sich mehr und mehr das Konzept des vorsorgenden Sozialstaats in Deutschland durchgesetzt.

Dabei nehme der Staat seinen Bürgern immer mehr Entscheidungen ab. Es komme zu einer „Herrschaft der Betreuer“, die zu einer „erlernten Hilflosigkeit“ bei den Bürgern führe, warnte Bolz. Sie seien immer weniger zu eigenen Entschlüssen fähig, wenn ihnen zu viele Entscheidungen für ihr eigenes Leben abgenommen würden. In der Folge werde der Sozialstaat dabei zu einem schwachen Staat, weil er immer mehr Erwartungen erfüllen müsse.

Diese Entwicklung sei im Wesentlichen auf einen antiquierten Begriff von „Sozialer Gerechtigkeit“ zurückzuführen. Allerdings komme es seit einiger Zeit zu einer Reorganisation des Sozialen. Dieser Prozess werde vor allem durch den Umgang mit sozialen Netzwerken im Internet beschleunigt: „Was dort produziert wird, ist sozialer Reichtum“, beschrieb Bolz die Möglichkeiten dieser Netzwerke. Die dort Aktiven seien häufig Menschen mit klaren Wertebekenntnissen und der Bereitschaft zu sozialem Engagement. Hinzu kämen die neuen technischen Möglichkeiten, Inhalte schnell und unkompliziert miteinander zu verknüpfen. In der Konsequenz werde es durch die sozialen Netzwerke zu spürbaren Machtverschiebungen in unserer Gesellschaft kommen – weg von Politik, Unternehmen und Experten und hin zu Bürgern, Kunden und Laien. Schon heute spiegele sich in dieser Entwicklung die Formatierung eines „neuen Begriffs des Sozialen“ wider.

Bolz zeigte sich überzeugt, dass diese neue Bewegung nicht im Widerspruch zu den ökonomischen Anforderungen der sozialen Marktwirtschaft stehe. Er sei sich sicher, dass sich das Bedürfnis der Menschen nach Gerechtigkeit einerseits und ihr Profitstreben andererseits nicht ausschließen müssten. Zukünftig könnten daher Geschäftsmodelle entwickelt werden, in denen beides ausbalanciert sei. Als Analogie für eine ähnliche Entwicklung führte er den Umgang mit den ökologischen Herausforderungen an: Dass man heute in jedem Billig-Supermarkt Bioprodukte kaufen könne, habe man vor 20 Jahren nicht für möglich gehalten.

Eine solche Machtverschiebung  bedeutet eine Stärkung der Eigenverantwortung und damit der Bereitschaft zur Eigenvorsorge. Dies jedoch ist praktizierte Generationensolidarität. Und davon – so lässt sich die Kernbotschaft der Jahrestagung mit den Worten von Reinhold Schulte zusammenfassen – „brauchen wir künftig mehr und nicht weniger, wenn wir im demografischen Wandel bestehen wollen.“

1 | 2 | 3