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PKV PUBLIK AUSGABE 04/2013

PFLEGE

Raus aus dem Pflegebett
Mit gezielten Maßnahmen könnten viele Pflegebedürftige ihren Alltag selbstständiger gestalten

Das Zentrum für Qualität in der Pflege hat untersucht, wie die Bewegungsfähigkeit von Pflegebedürftigen in stationären Einrichtungen mit geeigneten Präventionsmaßnahmen erhalten werden kann.

 
 

Die Anforderungen an die pflegerische Versorgung in stationären Einrichtungen haben sich in den letzten 10 Jahren grundlegend geändert. Immer mehr Menschen mit zum Teil chronischen und komplexen Erkrankungen werden in Heimen gepflegt. Eine aktuelle Studie der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) verdeutlicht diesen Trend: Drei Viertel der Bewohner in Pflegeheimen sind in ihrer Alltagskompetenz stark eingeschränkt. Viele können sich nicht mehr selbstständig fortbewegen und leiden unter psychischen und kognitiven Störungen. Allerdings zeichnet sich aktuell auch noch ein weiterer Trend in Pflegeeinrichtungen ab: Präventive Möglichkeiten werden nach wie vor nur unzureichend genutzt. Fast jeder fünfte Bewohner könnte seinen Alltag selbstständiger gestalten, wenn gezielte therapeutische Maßnahmen eingeleitet und die Hilfsmittelversorgung optimiert würden.

„Schon wenn es gelänge, Alltagskompetenzen möglichst weitgehend zu erhalten und einen vorschnellen Abbau dieser Fähigkeiten zu verhindern, wäre dies ein Erfolg und ein wichtiger Beitrag zur Lebensqualität der Bewohner“, betont Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des ZQP. Annähernd jeder fünfte Bewohner ist stark übergewichtig. Gerade für sie wären neue Programme zur Bewegungsförderung wichtig, so Suhr. Daraus folgt: Wer sich ausreichend bewegt, reduziert nicht nur sein Sturz- und Dekubitusrisiko, sondern fühlt sich auch wohler und bleibt länger selbstständig. Aber: Welche Präventionsmaßnahmen sind in Pflegeeinrichtungen überhaupt geeignet – und welche fördern die Bewohner und welche nicht?

Bewegungsangebote gezielter einsetzen

Eine wesentliche Voraussetzung für spezielle Bewegungsprogramme ist, dass die Anforderungen der Maßnahmen den Fähigkeiten der Senioren entsprechen. Pflegeexperten sind sich einig: Positive Auswirkungen auf die Bewegungsfähigkeit sind nur dann zu erwarten, wenn die Bewohner weder über- noch unterfordert werden und die Übungen mit einer gewissen Regelmäßigkeit wiederholen. Als Untergrenze gilt hier eine zweimal wöchentliche Beteiligung mit mindestens 60 bis 75 Minuten körperlicher Aktivität. Allerdings variiert das körperliche Leistungsniveau der Bewohner innerhalb einer Pflegeeinrichtung erheblich. Deshalb sollten unterschiedliche präventive Maßnahmen zum Einsatz kommen, um möglichst vielen ein passendes Angebot zu machen.

Jedoch ist es angesichts der Vielzahl bestehender Konzepte zur Bewegungsförderung schwierig, einen Überblick über die geeigneten Präventionsmaßnahmen zu gewinnen. Für viele lässt sich selten auf den ersten Blick erkennen, welche personellen und materiellen Voraussetzungen für ein bestimmtes Angebot notwendig sind. Diese Informationen spielen für Pflegeeinrichtungen aber bei der Entscheidungsfindung ebenfalls eine wichtige Rolle.

„Präventionsdatenbank“ unterstützt Einrichtungen

Ein aktuelles Projekt des ZQP, das von der Universität Bielefeld durchgeführt wird, sammelt, bewertet und bündelt nun Informationen zu bewegungsfördernden Maßnahmen, um Pflegeeinrichtungen bei einem gezielten Einsatz zu unterstützen. Die Ergebnisse sollen in einer Präventionsdatenbank zusammengefasst werden. Zugleich entwickelt die Stiftung ein Analyseinstrument, das Pflegeeinrichtungen helfen wird, die Potenziale der Bewohner besser einzuschätzen. Gezielter als bisher können hierdurch geeignete und wirksame Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und Prävention Hochaltriger ergriffen werden. „Mit Projekten wie diesen wollen wir maßgeblich dazu beitragen, dass die Gesundheitsförderung von Menschen mit Pflegebedarf noch stärker als bisher in den Blickpunkt pflegerischer Versorgung rückt“, so Suhr.

Daher forscht das Zentrum für Qualität in der Pflege zurzeit auf dem Gebiet der Prävention in unterschiedliche Richtungen. In einem laufenden Pilotprojekt wird beispielsweise untersucht, wie sich der Einsatz von Tablet-Computern auf die Lebensqualität, das Aktivitätsniveau und die soziale Teilhabe von demenzerkrankten Bewohnern auswirkt. Ein anderes Präventionsprojekt, welches vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird, testet die Wirksamkeit von Kneippmaßnahmen in Senioreneinrichtungen. Hier wird insbesondere darauf geschaut, welchen Einfluss Kneippanwendungen auf den Gesundheitszustand von Bewohnerinnen und Bewohnern sowie der Belegschaft hat. „Wir werden unsere Forschungsanstrengungen im Bereich Prävention weiter vorantreiben“, verspricht Suhr.

 
 

Themenabend im ZQP: Politisches Gespräch und Vernissage „Ein Leben“

Das Zentrum für Qualität in der Pflege veranstaltet am 6. Juni 2013 in seinen Berliner Geschäftsräumen einen Themenabend. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage: „Ein Leben – was vergeht und was überdauert?“ Dazu hat das ZQP hochkarätige Gäste aus Kunst und Gesellschaft eingeladen. Zum Auftakt des Abends findet ein Publikumsgespräch mit Dr. Henning Scherf statt, Bürgermeister a.D. der Freien Hansestadt Bremen und „Aktivbürger“ für ein tatkräftiges, selbstbestimmtes Alter. Er wird von seinen Vorstellungen und Erfahrungen berichten. Anschließend wird die Fotoausstellung von Knut Maron unter dem Titel „Ein Leben“ eröffnet. Maron führte im Haus seiner Mutter über die letzte Phase ihres Lebens ein fotografisches Tagebuch. Dabei entstanden berührende Bilder von körperlicher Zerbrechlichkeit und der sichtbaren Ordnung eines langen Lebens. Sein Werk wird im Anschluss an die Ausstellung im Zentrum für Qualität in der Pflege in New York zu sehen sein. Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei (Einlass ab 18.30 Uhr). Die Ausstellung ist im Zeitraum vom 12. Juni bis zum 22. August im ZQP, Reinhardtstraße 45, Berlin Mitte, zu sehen. Öffnungszeiten: mittwochs und donnerstags 12 – 17 Uhr (nach Anmeldung).