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PKV PUBLIK AUSGABE 01/2013

IM GESPRÄCH

„Wir nehmen den Jojo-Effekt vorweg”

 

Herr Richter, viele Bürger haben als Folge des Unisex-Urteils erwartet, dass die neuen einheitlichen Beiträge irgendwo in der Mitte zwischen den bisherigen Männer- und Frauenbeiträgen liegen müssten. Warum ist das nicht so?

Richter: In einem Tarif, in dem dauerhaft gleich viele Männer und Frauen versichert sind, könnte der Unisex-Beitrag tatsächlich in der Mitte zwischen den bisherigen Männer- und Frauenbeiträgen liegen. Doch Sie können im Vorhinein natürlich nie genau wissen, wie sich der Versichertenbestand in einem neuen Tarif zusammensetzen wird. Hinzu kommt die Besonderheit der Privaten Krankenversicherung, dass die Kunden ein lebenslanges Recht zum Wechsel zwischen verschiedenen Tarifen ihres Versicherungsunternehmens haben; das gilt selbstverständlich auch für den Wechsel von der Bisex- in die Unisex-Welt. Deshalb haben Sie bei der Kalkulation eines PKV-Tarifs keine Gewissheit, wie viele Männer und Frauen auf Dauer in diesem Tarif sein werden. Das hat aber massive Auswirkungen auf die Kalkulation.

Warum wirkt sich die Bestandszusammensetzung so stark auf die Kalkulation aus?


Richter: Der Europäische Gerichtshof kann zwar mit seinem Urteil die bisher für Versicherungen ausdrücklich erlaubte Differenzierung nach geschlechtsbezogenen Kostenmerkmalen für neue Verträge ab dem 21. Dezember 2012 abschaffen, aber er kann nicht die Gesetze der Medizin und der Mathematik außer Kraft setzen. So bleibt es unverändert bei der Tatsache, dass Frauen über weite Teile ihres Lebens im Schnitt höhere Gesundheitskosten haben als Männer und dass auch ihre Lebenserwartung einige Jahre höher ist. Vereinfacht ausgedrückt: Je mehr Frauen in einen PKV-Tarif kommen, desto höher sind also die Aufwendungen in diesem Tarif, was sich entsprechend auf die Höhe der Beiträge auswirken muss.


Welche Auswirkungen haben nun die Unisex-Vorschriften auf die Kalkulation eines neuen Versicherungstarifs?


Richter:
Eine Unisex-Mischkalkulation entsprechend dem Bevölkerungsanteil von etwa 50:50 würde bei jüngeren Frauen zu deutlichen Beitragssenkungen führen, bei jüngeren Männern entsprechend zu Erhöhungen. Die Folge einer solchen Kalkulation wäre, dass Frauen aus den geschlechtsabhängig kalkulierten Tarifen (die so genannte Bisex-Welt) in die für sie günstigeren Unisex-Tarife wechseln würden – mit der Konsequenz, dass dort der Frauenanteil steigt und entsprechend höhere Gesundheitskosten anfallen. Die Krankenversicherer tragen aber die Verantwortung dafür, dass die Versicherungsleistungen im Sinne des Versicherungsaufsichtsgesetzes ausreichend kalkuliert sind. Deshalb muss ein ordentlicher und gewissenhafter Aktuar den Wechsel junger Frauen von vorn­herein einkalkulieren.

Dabei droht jedoch eine Art Jojo-Effekt: Wenn die Unisex-Tarife zu hoch kalkuliert wären und der einkalkulierte Bestandswechsel von Frauen aus anderen Tarifen ausbleiben würde, wären die Kosten niedriger als kalkuliert und in der Folge müssten die Beiträge deutlich gesenkt werden. Das würde dann wiederum den Wechsel von Frauen aus anderen Tarifen auslösen, sodass die Kosten steigen und der Beitrag wieder deutlich erhöht werden müsste. Das alles muss der Verantwortliche Aktuar jedes Unternehmens bei der Erstkalkulation der Unisex-Tarife berücksichtigen, denn er hat eine besondere Sorgfaltspflicht.


Wie lässt sich denn ein Jojo-Effekt bei der Beitragskalkulation vermeiden?


Richter: Die Deutsche Aktuar Vereinigung hat einen Fachgrundsatz zur Erstkalkulation der Unisex-Beiträge erarbeitet. Hier werden in einem iterativen, also schrittweisen mathematischen Verfahren die zu erwartenden Tarifwechsel-Bewegungen der Versicherten zusammen mit den voraussichtlichen Neugeschäftsanteilen simuliert. So nehmen wir den Jojo-Effekt quasi vorweg. In der Regel oszillieren die Ergebnisse zwischen einem höheren und einem niedrigeren Beitragsniveau. In der letzten Stufe zwischen den beiden Beitragsniveaus soll der Aktuar dann das sichere, also das höhere Beitragsniveau ansetzen. Auch dieser Sicherheitszuschlag führt dazu, dass die Unisex-Beiträge nun in der Nähe der früheren Frauenbeiträge liegen. Hinzu kommt, dass die Einführung der neuen Tarife in vielen Fällen auch mit einer Erhöhung des Leistungsniveaus einhergeht.