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PKV PUBLIK AUSGABE 01/2013

PFLEGE

Im Dunkeln
Beim Thema Gewalt in der Pflege wird häufig weggeschaut. Zudem sind vermutlich viele Fälle gar nicht bekannt.

Eine aktuelle Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege zeigt: Beim Thema Pflege und Gewalt besteht dringend gesellschaftlicher Aufklärungsbedarf.

 
Großmutter hinter verregneter Scheibe
 

Gewalt in der Pflege ist ein Tabuthema in Deutschland. Wenn es im Alltag der rund 2,3 Millionen hilfebedürftigen Menschen nicht mit rechten Dingen zugeht, wird darüber meist geschwiegen. Nur schwerste Misshandlungen provozieren öffentliche Skandale. Hinzu kommt: Es gibt wenig wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema. „Die Datenlage zum faktischen Ausmaß von Gewalt in der Pflege ist dünn, zuverlässige Aussagen kaum möglich“, sagt Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender der Stiftung „Zentrum für Qualität in der Pflege“ (ZQP). Experten warnen vor einer hohen Dunkelziffer, zumal Betroffene aufgrund von Einschränkungen und Abhängigkeitsbeziehungen häufig nicht in der Lage sind, sich zu Wort zu melden.

Welche Bedeutung dem Thema „Gewalt in der Pflege“ zukommt, verdeutlicht eine aktuelle Untersuchung des ZQP: In der repräsentativen Befragung von 1.000 Bundesbürgern gibt jeder Fünfte an, bereits mit gewaltbehafteten Situationen im Kontext Pflege in Berührung gekommen zu sein – sei es als Außenstehender oder direkt Beteiligter. Bei den Deutschen mit eigener Pflegeerfahrung hat jeder Dritte schon einmal entsprechende kritische Situationen erlebt.

Definition des Gewalt-Begriffs

Allerdings ist es schwierig, eine einheitliche Definition von Gewalt in der Pflege zu finden. Denn dazu gehören nicht nur verschiedene Formen von körperlichen, sondern ebenso von psychischen Misshandlungen, die sich gleichermaßen gegen Pflegende und Gepflegte richten können. „Gewalt kann sich eben auch dadurch ausdrücken, dass ein alter Mensch vernachlässigt und sein Wille missachtet wird, oder dass Schmerzen der Patienten von den Pflegenden nicht wahrgenommen werden“, so Prof. Christel Bienstein, Leiterin des Departments für Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke und Präsidentin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe, jüngst auf einer Fachtagung des ZQP.

Gerade im Bereich der häuslichen Pflege zeigt sich Gewalt meist als Aneinanderreihung von mehr oder minder schweren Fällen von Unterlassen und Kränkungen bis zu Handgreiflichkeiten. Die Pflegebedürftigen werden dann beispielsweise angeschrien, geschubst oder geschlagen, weil sie bei einer als notwendig erachteten Maßnahme nicht mitmachen. Für Zündstoff sorgt dabei insbesondere auch die Beziehungsebene. Denn Pflegender und Gepflegter sind häufig eng miteinander verbunden. Die Pflegebeziehungen können auch von den Folgen lang zurückliegender familiärer Konflikte und Rollenzuschreibungen geprägt sein. Dabei versagen zugleich die klassischen Täter- und Opfer-Kategorien: Pfleger und Gepflegter werden in wechselseitiger Weise gewalttätig. Denn auch Pflegebedürftige können handgreiflich werden oder andere Machtmittel einsetzen – angefangen bei mangelnder Anerkennung.

Die Pflege im Heim ist dagegen in aller Regel von anderen Beziehungen und damit von anderen Formen der Gewalt geprägt. Weit verbreitet sind hier beispielsweise freiheitsbeschränkende Maßnahmen. Experten sprechen von rund 400.000 Fixierungen an Bett oder Stuhl pro Tag. Ein weiteres Problem in Heimen ist „medikamentöse Gewalt“.Dabei werden etwa Demenzkranke mit Medikamenten behandelt, nur um sie ruhigzustellen.

Eine Ursache: Überforderung

Der Mangel an personellen und finanziellen Ressourcen gepaart mit Überforderung gilt oft als auslösender Faktor für Gewalt bei professioneller und häuslicher Pflege, ist aber keinesfalls allein verantwortlich. Hinzu kommt mangelndes Wissen – etwa über das zugrunde liegende Krankheitsbild bei dementiellen Erkrankungen. „Aber auch die fehlende gesellschaftliche Anerkennung für die Betreuung hilfebedürftiger Menschen als verantwortungsvolle Aufgabe spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle“, so ZQP-Chef Suhr.

Vor allem in der häuslichen Betreuung fühlen sich die Angehörigen oft allein gelassen. Hier bietet sich ein Ansatzpunkt, denn zwei von drei Pflegebedürftigen werden in ihrer vertrauten Umgebung betreut. Neuere wissenschaftliche Untersuchungen zeigen dabei, dass Pflegende besonders stark von einem unterstützenden Umfeld profitieren. Je mehr sie sich in ihren vielfältigen Aufgaben von ihrem sozialen Umfeld verstanden, aufgefangen und gewürdigt fühlen, desto besser kommen sie mit den hohen Belastungen und Anforderungen der Pflegearbeit zurecht – insbesondere auch bei herausforderndem Verhalten von Pflegebedürftigen.

Mehr Beratungsstellen, konkrete Hilfsangebote und kurzfristige Unterbringungsmöglichkeiten in Fällen akuter Gefährdung können einen Beitrag zur Prävention leisten. Ärzte, professionell Pflegende und Beratungsstellen können zudem Risikokonstellationen frühzeitig erkennen und Gewaltpotenziale einschätzen. Zwar gibt es bereits einige Hilfsangebote für Pflegende – hier ist im Bereich der Privaten Pflegeversicherung vor allem die COMPASS Pflegeberatung zu nennen. Allerdings ist das Wissen über solche Angebote in der Gsamtbevölkerung aber nur unzureichend vorhanden. So kennen laut ZQP-Umfrage 65 Prozent der Bundesbürger keine Beratungseinrichtung vor Ort, an die sie sich im Bedarfsfall wenden könnten. Vor allem das Angebot der Pflegeberatung in den Stützpunkten der Sozialen Pflegeversicherung ist wenig bekannt – sie werden nur von zwölf Prozent der Befragten als mögliche Anlaufstelle genannt.

Wegsehen hilft niemandem, weder Pflegebedürftigen noch pflegenden Opfern von Gewalt – schon gar nicht den Pflegenden, die überfordert sind und Hilfe benötigen. Wie eine zufriedenstellende Pflege aussehen sollte, verdeutlicht der ethische Imperativ von Dr. Michael Wunder, Mitglied des Deutschen Ethikrates: „Verhalte dich so, begleite so, helfe so, pflege so, wie du willst, dass dir in einer vergleichbaren Situation geholfen wird, wie du begleitet und gepflegt werden willst.“

 

www.zqp.de bietet eine Datenbank mit Beratungsangeboten, die sich auf das Thema „Gewalt in der Pflege“ spezialisiert haben. Zudem hat die Stiftung kürzlich eine Podiumsdiskussion zum Thema veranstaltet. Anzusehen ist die ZQP-Dokumentation „Freiheit, Sicherheit, Gewalt?!“ auf YouTube: www.youtube.com/user/stiftungzqp