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PKV publik 1.2013

Alles neu

Die Versicherungsunternehmen haben die Unisex-Tarife pünktlich eingeführt

Die Private Krankenversicherung hat die Unisex-Regelungen erfolgreich umgesetzt. Viele Unternehmen haben die Umstellung genutzt, um neuen Kunden noch mehr Leistung und Sicherheit als bisher schon zu garantieren.


 

Mit der Neuauflage ihrer Tarife haben die Unternehmen der Privaten Krankenversicherung (PKV) das so genannte Unisex-Urteil des Europäischen Gerichtshofes punktgenau umgesetzt. Diese Umstellung war für die Versicherungsunternehmen und ihre Mitarbeiter mit einem Kraftakt verbunden, denn die Tarifangebote mussten dabei komplett neu kalkuliert werden.

Viele PKV-Unternehmen haben diese Herausforderung einer neuen Tarifwelt als Chance genutzt, um den Leistungsumfang deutlich zu vergrößern. Mit diesen zusätzlichen Leistungen werden Forderungen von Verbraucherschützern umfassend erfüllt. So wurden häufig erweiterte Hilfsmittelkataloge sowie mehr Leistungen bei der ambulanten Psychotherapie und bei der Suchtentwöhnung in die neuen Tarife „eingebaut“.

Um die langfristige Finanzierbarkeit der neuen Unisex-Tarife zu stärken, verbinden viele Unternehmen die Neukalkulation der Tarife auch mit einem niedrigeren Rechnungszins. Dies wirkt angesichts der anhaltenden Niedrigzinsphase in Europa als zusätzliche Sicherung und hält die Beiträge auch in Zukunft stabil.

Auswirkungen auf die Beiträge

Diese Vorgaben für die neue Tarifwelt wirken sich natürlich auch auf die Höhe der Monatsbeiträge aus. Schon allein die Unisex-Umstellung führt zwangsläufig zu einem höheren Beitrag für Männer, da die im statistischen Durchschnitt höheren Gesundheitskosten von Frauen nunmehr gleichmäßig auf beide Geschlechter verteilt werden müssen. Aber auch der vergrößerte Leistungsumfang und der neue Rechnungszins wirken sich für beide Geschlechter auf die Beitragshöhe aus.

Die Unisex-Tarife betreffen nur neu abgeschlossene Verträge, sodass schon der marktwirtschaftliche Preiswettbewerb zwischen den Versicherungsunternehmen um neue Kunden Ansporn für ein möglichst preiswertes Beitragsniveau ist. Unter dem Strich bekommen neue Kunden, Männer wie Frauen, in der Unisex-Welt noch mehr Leistungen und noch mehr Sicherheit als bisher schon.

Für Bestandskunden, die schon vor dem Stichtag der Unisex-Umstellung am 21. Dezember 2012 versichert waren, ändert sich hingegen nichts. Sie haben allerdings jederzeit das Recht, in einen Unisex-Tarif zu wechseln, wenn sie das wollen.

Viele Bürger haben nach dem Unisex-Urteil erwartet, dass die neuen Beiträge sich in der Mitte zwischen den bisherigen Frauen- und Männerbeiträgen einpendeln würden. Die Experten der Versicherungsbranche haben indes frühzeitig darauf hingewiesen, dass die neue Kalkulation sich eher in der Nähe der bisher höheren Frauenbeiträge bewegen muss. So ist es nun auch gekommen.

Um die Anforderungen einer nachhaltig tragfähigen Kalkulation zu erfüllen, müssen angesichts der ungewissen Bestandszusammensetzungen der neuen Unisex-Tarife zusätzliche Sicherheitspuffer eingebaut werden. Denn es ist nicht vorhersehbar, wie viele Frauen möglicherweise vom Recht zum Wechsel aus bestehenden PKV-Tarifen in neue Unisex-Tarife ihres Versicherers Gebrauch machen werden. Dies beeinflusst die Kalkulation der Tarife jedoch beträchtlich, da Frauen im Schnitt deutlich höhere Gesundheitskosten verursachen als Männer.

Einfache Rechnung

Eine vereinfachte Rechnung (ohne Berücksichtigung der Alterungsrückstellungen und Verwaltungskosten) zeigt, wie die neuen Unisex-Regeln sich auf die Kalkulation auswirken. In unserem fiktiven Beispiel verursachen die Frauen im Schnitt Gesundheitskosten von 100 Euro pro Monat, die Männer 50 Euro. Entsprechend unterschiedlich sind bisher die Beiträge kalkuliert: 100 Euro pro Frau, 50 Euro pro Mann. Angenommen, in unserem Beispielstarif sind 1.000 Frauen und 1.000 Männer versichert, dann muss er Gesamtkosten von 150.000 Euro abdecken:100.000 für die Frauen und 50.000 für die Männer. Die Beitragseinnahmen betragen insgesamt ebenfalls 150.000 Euro, alles ist im Lot.

Ein neuer Unisex-Beitrag genau in der Mitte zwischen den bisherigen Männer- und Frauenbeiträgen würde bei 75 Euro liegen, wäre für Frauen also 25 Prozent billiger. Diese Ersparnis wäre ein Anreiz für Frauen, aus ihren alten Bisex-Tarifen in die neue Unisex-Welt zu wechseln.

Angenommen, 500 Frauen entscheiden sich für diesen Wechsel. Dann umfasst der neue Unisex-Tarif plötzlich 1.500 Frauen und 1.000 Männer. Das hat wiederum Auswirkungen auf die Gesamtkosten. Sie betragen dann 200.000 Euro, nämlich 150.000 Euro für die 1.500 Frauen und weiterhin 50.000 für die Männer. Die Beitragseinnahmen von einheitlich 75 Euro ergeben bei 2.500 Versicherten insgesamt aber nur 187.500 Euro. Das heißt, der Unisex-Tarif hätte eine Finanzlücke von 12.500 Euro. Die Folge wäre eine Beitragserhöhung. Um diese Gefahr einer Unterkalkulation zu vermeiden, liegt der neue Beitrag also zwangsläufig oberhalb des theoretischen Mittelwerts.

Das Versicherungsaufsichtsgesetz verpflichtet die verantwortlichen Aktuare, also die Chef-Mathematiker der Unternehmen, durch ordentliche und gewissenhafte Berechnungen zu vermeiden, dass Tarife unzureichend kalkuliert sind. Deshalb müssen sie die möglichen Anreize zum Tarifwechsel und deren Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Versichertenbestände gründlich und vorsichtig vorausberechnen (siehe Interview auf Seite 7).

Keine rückwirkende Regelung


Sollte sich die Kalkulation später als zu vorsichtig herausstellen, sodass weniger Kosten anfallen, erhalten die Versicherten ohnehin den allergrößten Teil der entstehenden Überschüsse zurück. Denn mindestens 80 Prozent der Überschüsse müssen den Versicherten gutgeschrieben werden. In der Praxis verwenden die PKV-Unternehmen freiwillig sogar mehr als 88 Prozent des Überschusses für ihre Versicherten.

Als ob die versicherungsmathematischen Folgen des Unisex-Urteils nicht schon kompliziert genug wären, haben sich nun auch einzelne Juristen mit exotischen Minderheitsmeinungen zu Wort gemeldet. Sie diskutierten die Frage einer eventuellen Rückwirkung für die am Stichtag schon bestehenden Verträge. Doch dafür besteht keine rechtliche Grundlage. Für die bestehenden Verträge vor dem Stichtag beruht die geschlechtsabhängige (Bisex-) Kalkulation auf Artikel 5 Abs. 2 der Richtlinie 2004/113/EG. Diese Regelung hatte der Europäischen Gerichtshof (EuGH) ausdrücklich nur mit Wirkung für die Zukunft für ungültig erklärt.

Auslöser der kuriosen juristischen Debatte war der Umstand, dass sich die formale Umsetzung der europäischen Unisex-Regeln in deutsches Recht verzögert hat. Das entsprechende Gesetz ist in einem Paket enthalten, das in einem Vermittlungsverfahren zwischen Bundestag und Bundesrat noch umstritten ist, wobei sich der politische Streit auf völlig andere Bestandteile des Gesetzespakets bezieht.

Keine Änderung bestehender Versicherungsverhältnisse

Die PKV-Versicherten können aber unbeschadet dieser Verzögerung auf den Bestand ihrer Verträge vertrauen. Durch die Unisex-Rechtsprechung des EuGH ändert sich nichts für die bereits bestehenden privaten Krankenversicherungsverhältnisse. Dies ist die übereinstimmende Auffassung der EU-Kommission, der Bundesregierung, der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) sowie der weit überwiegenden Rechtswissenschaft und der Versicherungswirtschaft.

Demnach gilt die aus dem EuGH-Urteil folgende europarechtliche Verpflichtung, ab dem 21. Dezember 2012 nur noch Unisex-Tarife anzubieten, nur für neue Verträge – ungeachtet der verzögerten Umsetzung in deutsches Recht. Unisex-Tarife gelten also nur für die erstmals ab dem Stichtag abgeschlossenen privaten Krankenversicherungsverträge. Eine Rückwirkung wäre auch unvereinbar mit dem europarechtlich und verfassungsrechtlich gebotenen Schutz des Vertrauens in den Bestand der am Stichtag bestehenden Verträge.

 

Häufig gestellte Fragen zu den neuen Unisex-Tarifen

Ab welchem Zeitpunkt gilt die Unisex-Regelung?
Sie gilt ab dem Stichtag 21. Dezember 2012. Mithin werden bestehende Verträge, die vor dem 20. Dezember 2012, 24.00 Uhr, geschlossen wurden, von der Unisex-Regelung nicht erfasst. Ebenso gilt, dass ab dem Stichtag kein Vertrag mehr nach den bisherigen Bisex-Regeln geschlossen werden kann, er wäre unwirksam.


Führt ein Tarifwechsel zur Umstellung auf Unisex?
Nein, ein Tarifwechsel gemäß § 204 Versicherungsvertragsgesetz kann innerhalb der Bisex-Welt durchgeführt werden. Ein freiwilliger Wechsel von der Bisex- in die Unisex-Welt ist aber natürlich möglich.


Führt eine Veränderung des Versicherungsschutzes nach dem Stichtag zur Umstellung auf Unisex?
Grundsätzlich nicht. Eine Umstellung auf Unisex ist vorzunehmen, wenn eine so wesentliche Änderung vorgenommen wird, dass der geänderte Vertrag einem Neuabschluss gleichkommt. In der Regel wird bei Vertragsänderungen das ursprüngliche versicherte Risiko nur in einem anderen Versicherungsumfang abgesichert, was keine wesentliche Vertragsänderung wäre.


Führt die Vereinbarung oder Änderung eines Selbstbehalts zur Umstellung auf Unisex?
Nein. Die Vereinbarung oder Erhöhung des Selbstbehalts ist wie das Tarifwechselrecht zu behandeln. Der Vertrag verbleibt in der bisherigen Bisex-Welt bestehen.


Führt die Änderung eines Krankentagegeldtarifs zur Umstellung auf Unisex?
Nein. Die Erhöhung des Krankentagegeldes oder die Änderung der Karenzzeit innerhalb eines bestehenden Krankentagegeldtarifs führt nicht zu einer Umstellung.


Was gilt für die Kindernachversicherung, wenn die Eltern in einem Bisex-Tarif versichert sind?
Die Nachversicherung kann im Unisex-Tarif durchgeführt werden, wenn dessen Versicherungsschutz vergleichbar dem der Eltern ist, also eine Schlechterstellung des Kindes vermieden wird. Nach Angaben der Finanzaufsichtsbehörde BaFin muss auf Verlangen der Eltern auch eine Nachversicherung im Bisex-Tarif der Eltern möglich gemacht werden.