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PKV PUBLIK AUSGABE 10/2012

EDITORIAL


Liebe Leserinnen und Leser,

am 21. Dezember beginnt für die Versicherungsbranche eine neue Zeitrechnung. Denn ab diesem Tag darf bei der Tarifkalkulation nicht mehr nach Männern und Frauen unterschieden werden. So will es ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs. Offenkundige Unterschiede in der Lebenserwartung und bei der Inanspruchnahme von Leistungen zwischen den Geschlechtern werden also zukünftig nicht mehr berücksichtigt.

Die Unternehmen der Privaten Krankenversicherung haben in den zurückliegenden Monaten mit Hochdruck an der Entwicklung der neuen Unisex-Welt gearbeitet, um sie pünktlich anbieten zu können. Diese Leistung ist beachtlich, denn schließlich musste in der Krankenversicherung jeder Tarif – vom Vollschutz bis zur Zahnzusatzpolice – neu berechnet werden. Hinzu kommt die zusätzliche Belastung durch die Kalkulation der neuen staatlich geförderten Pflegezusatzversicherung (siehe Seiten 4 – 9) und die Vorbereitung auf die einheitlichen europäischen Solvabilitätsvorschriften.

Die Effekte, die die Umstellung auf die Unisex-Welt haben wird, sind dabei wesentlich komplizierter als sich viele vorstellen. Die oft gehörte Faustformel „Für Frauen wird es günstiger, für Männer teurer“ funktioniert nämlich nicht uneingeschränkt. Denn erstens haben jüngere Frauen zwar höhere, ältere Frauen aber niedrigere Leistungsausgaben als die jeweils gleichaltrigen Männer. Das heißt, für ältere Frauen bringen die neuen Tarife tendenziell höhere Beiträge. Zweitens bringt das Recht auf einen Wechsel von der alten in die neue Tarifwelt kalkulatorische Ungewissheiten mit sich. Noch ist nicht absehbar, wie viele Versicherte von diesem Recht Gebrauch machen werden. Würde man ihre Zahl unterschätzen, wäre die Kalkulation je nach Wechselszenario bald nicht mehr ausreichend und die Beiträge müssten angepasst werden. Damit dies nicht geschieht, haben die Unternehmen entsprechend vorsichtig kalkuliert. So können die Beiträge über einen längeren Zeitraum stabil bleiben.

Gleichzeitig nutzen die Unternehmen die neue Unisex-Welt für eine umfassende Modernisierung ihrer Tarife. Viele von ihnen kalkulieren mit einem niedrigeren Rechnungszins, was zu einer langfristigen Beitragsstabilisierung beiträgt. Die meisten Versicherer nutzen zudem die Gelegenheit, um ihr Leistungsangebot weiter auszubauen. So werden zum Beispiel viele Tarife der neuen Welt mehr Leistungen für Psychotherapie sowie erweiterte Hilfsmittelkataloge vorsehen. Die Privatversicherten profitieren also künftig von einem noch besseren Versicherungsschutz.

Volker Leienbach