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PKV PUBLIK AUSGABE 08/2012

TITEL

Zeit zum Gegensteuern
Die demografische Entwicklung vollzieht sich langsam. Noch ist es nicht zu spät, die Sozialsysteme zukunftssicher zu gestalten


Die Folgen der alternden Bevölkerung in Deutschland sind seit langem bekannt. Noch bleibt Zeit, nachhaltige Lösungen im Sinne der jungen Generationen zu finden.

 

Diese Krise kommt schleichend. Die Alterung der Bevölkerung Deutschlands vollzieht sich schon seit Jahrzehnten. Der Bevölkerungswissenschaftler Professor Herwig Birg nennt sie die „bestprognostizierte Krise“, die er kennt. So sagt das Statistische Bundesamt in seiner jüngsten Bevölkerungsvorausberechnung einen Rückgang der Einwohner Deutschlands von heute 82 Millionen auf unter 65 Millionen Menschen im Jahr 2060 voraus. Gleichzeitig nimmt der sogenannte Altenquotient – also der Anteil der über 67-Jährigen an je 100 Personen im erwerbsfähigen Alter von 20 bis 67 Jahren – von 29 auf 59,4 Prozent zu. Mit anderen Worten: Immer mehr ältere stehen immer weniger jüngeren Menschen gegenüber.

Die Konsequenzen dieser Entwicklung sind hinlänglich bekannt: Die jeweils junge und arbeitende Generation muss immer mehr Geld aufbringen, um den größer werdenden Anteil der nicht mehr Erwerbstätigen zu finanzieren. Die sozialen Sicherungssysteme werden dabei über kurz oder lang an ihre Grenzen stoßen.

Denn die soziale Absicherung erfolgt in Deutschland für den überwiegenden Teil der Bevölkerung im so genannten Umlageverfahren. Das gilt sowohl für die Kranken- als auch für die Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung. Die Finanzierung dieser Systeme wird zum überwiegenden Teil durch die Beiträge der erwerbstätigen Bevölkerung getragen. Die so eingenommenen Mittel werden allerdings postwendend für die Kosten der Leistungsempfänger ausgegeben. Rücklagen werden nicht gebildet. Im Gegenteil: Schon heute reichen zum Beispiel die Beitragseinnahmen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) nicht aus, um die laufenden Ausgaben zu decken. Allein in diesem Jahr muss das System daher mit 14 Milliarden Euro aus Steuermitteln unterstützt werden.

Welche drastischen Auswirkungen die Alterung der Bevölkerung auf dieses Finanzierungssystem haben wird, kann sich jeder ausmalen, der sich die Zahlen der Wissenschaftler ansieht: So betragen zum Beispiel die durchschnittlichen Krankheitskosten der Gesamtbevölkerung rund 3.100 Euro pro Kopf und Jahr. In der Gruppe der über 85-Jährigen betragen die Kosten hingegen 14.840 Euro. Unter anderem aus diesem Grund prognostiziert das Institut für Gesundheits-System-Forschung Kiel (IGSF) der GKV eine annähernde Verdreifachung der Leistungsausgaben von 162 Milliarden Euro im Jahr 2008 auf 470 Milliarden Euro im Jahr 2060. Im gleichen Zeitraum wird die Zahl der Beitragszahler nach den Berechnungen des Instituts von 51 Millionen auf nur noch 40 Millionen sinken. Die möglichen Folgen wären gravierend: Bei gleichbleibendem Leistungsumfang in der GKV müsste der Beitragssatz nach Angaben des Instituts bis zum Jahr 2060 auf 52 Prozent steigen.

Ähnlich dramatisch wird sich der demografische Wandel auf die Soziale Pflegepflichtversicherung auswirken. Denn Pflegebedürftigkeit entsteht in der Regel in der Spätphase des Lebens. Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes wird sich jedoch der Anteil der über 80-Jährigen an der Gesamtbevölkerung von heute 5 auf 14 Prozent im Jahr 2060 erhöhen. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird daher in Zukunft deutlich zunehmen. Für den Beitragssatz prognostiziert das IGSF daher einen Anstieg auf über 5 Prozent.

Selbst wenn man die Rentenversicherung außer Acht lässt, über deren existenzsichernde Wirkung ja just wieder diskutiert wird, wird klar: Hier steht die Generationengerechtigkeit in Deutschland auf dem Spiel. Auch die Großeltern-Generation will gewiss nicht, dass sie ihre Enkel übermäßig belastet. Denn diese Jahrgänge werden es auch so schwer genug haben: Sie können als „Generation Praktikum“ oft erst sehr spät auskömmlich bezahlte Erwerbsarbeitsplätze finden und erben sodann nicht nur die enormen Staatsschulden und Pensionslasten, die von den Generationen ihrer Eltern und Großeltern aufgehäuft wurden, sondern werden überdies wohl auch noch die dann fällig werdenden Bürgschaften der Euro-Finanzkrise bezahlen müssen.

Dass es nicht ratsam ist, auf diese Weise auf Kosten der jüngeren Generationen zu leben, ist übrigens ebenfalls keine neue Erkenntnis. So widmete sich bereits Anfang der 1970er Jahre der berühmte amerikanische Philosoph John Rawls in seiner „Theorie der Gerechtigkeit“ der Frage, wie die unterschiedlichen Generationen miteinander umgehen sollten. Demnach ist das richtige Prinzip, das sich jede Generation zu eigen machen sollte, dasjenige, vom dem sie will, dass sich auch frühere Generationen danach gerichtet hätten. Auf diese Weise gelangt Rawls zu einem Sparprinzip, „das unsere Pflichten gegenüber anderen Generationen fundiert: Es stützt berechtigte Beschwerden über unsere Vorgänger und berechtigte Erwartungen an unsere Nachfahren.“ Mit anderen Worten: Die älteren Generationen sollen nicht auf Kosten der jüngeren Generationen leben.

Welche Folgen ein gravierender und dauerhafter Verstoß gegen dieses Prinzip haben könnte, wird gerade in diesen Tagen mehr als deutlich. Denn in vielen Ländern Südeuropas, die derzeit besonders stark von der Eurokrise betroffen sind, ist seit vielen Jahren auf Kosten der Jugend gewirtschaftet worden. So landet etwa Griechenland in einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Sachen Generationengerechtigkeit – gemessen unter anderem an der Höhe der direkten und versteckten Verschuldung und von Rentenansprüchen – unter 31 Ländern auf dem letzten Platz. Kaum besser schneiden Italien (Platz 29), Portugal (24) und Spanien (23) ab.

Mit Platz 11 schneidet Deutschland im Hinblick auf die Generationengerechtigkeit im internationalen Vergleich zwar recht gut ab. Doch auch die OECD schreibt in ihrer Untersuchung: „Die Platzierung im oberen Mittelfeld sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass noch viele Herausforderungen gemeistert werden müssen, um tatsächlich einen fairen Ausgleich zwischen Alt und Jung herzustellen und den Wohlstand für die Zukunft zu sichern. So dreht sich die aktuelle Debatte vor allem um die Nachhaltigkeit der sozialen Sicherungssysteme, die in Deutschland immer noch hauptsächlich als Umlagesysteme konzipiert sind.“

Die Debatte um die Folgen der demografischen Entwicklung wird nun auch endlich von der Politik offensiv geführt und von ersten Maßnahmen flankiert. So heißt es im Demografiebericht des Bundesinnenministeriums: Die Entwicklungen der alternden Gesellschaft „würden ohne entsprechende Gegenmaßnahmen zu einer dauerhaften und wachsenden Finanzierungslücke im Gesundheitssystem führen.“ Auch aus diesem Grund sieht Bundeskanzlerin Angela Merkel den Kampf für zukunftssichere Sozialsysteme als eine der drängendsten Herausforderungen dieser Zeit an: „Da geht es darum, dass wir die Veränderung im Altersaufbau unserer Gesellschaft so meistern, dass auch die Jungen noch eine Chance haben, später ihr Leben zu gestalten - und die Enkel auch.“ Zudem veranstaltete die Bundesregierung in diesem Monat einen Demografiegipfel, auf dem entsprechende Lösungsansätze für mehr Nachhaltigkeit ausgiebig diskutiert wurden.

Im Pflegebereich wurden indes mit der staatlich geförderten Zusatzversicherung die Weichen bereits in die richtige Richtung gestellt: Ab dem 1. Januar 2013 unterstützt der Staat Pflegetagegeldversicherungen, die bestimmten gesetzlichen Rahmenbedingungen entsprechen, mit fünf Euro monatlich. Damit soll der Anreiz, selbst für das Pflegerisiko vorzusorgen, gestärkt werden. Gerade weil die Pflegepflichtversicherung ohnehin nur eine Teilabsicherung bietet, ist diese Neuregelung unerlässlich. Denn aufgrund des oben dargestellten Zuwachses an alten Menschen in Deutschland ist in den kommenden Jahrzehnten mit deutlich mehr Pflegebedürftigen als heute zu rechnen.

Erfreulich ist darüber hinaus, dass die Bundesregierung die Private Krankenversicherung (PKV) explizit als ein stabilisierendes Element im Gesundheitssystem anerkennt. Im Demografiebericht des Bundesinnenministeriums heißt es dazu: „Entsprechend dem privatrechtlich bestimmten Geschäftsmodell der Unternehmen der PKV werden steigende Gesundheitsausgaben in der Prämienkalkulation und bei der Bildung von Alterungsrückstellungen berücksichtigt. Neben der GKV ist die PKV ein konstitutives Element in einem freiheitlichen Gesundheitswesen. Die Bundesregierung hält an diesem bewährten zweigliedrigen System fest.“

Und tatsächlich sorgen die Privatversicherten für ihre steigenden Gesundheitsausgaben selbst vor und entlasten damit die jüngeren Generationen. Die Private Krankenversicherung ist daher in unserer alternden Gesellschaft ein Teil der Lösung und nicht ein Teil des Problems. Das sollten all diejenigen bedenken, die unser hervorragend funktionierendes duales Gesundheitssystem zu Gunsten einer Einheitsversicherung abschaffen wollen.

Die Spitze der demografischen Entwicklung wird erst in ein paar Jahrzehnten erreicht sein. Noch ist also Zeit, das Ruder herumzureißen und generationengerechte Lösungen für die drängendsten Probleme zu finden. Ein Ausbau der Umlagefinanzierung ist hingegen mit Sicherheit der falsche Weg.

 

Weitere Informationsmaterialien:

Grafik "Entwicklung Altenquotient" als PDF-Download (PDF-Dokument, 344.9 KB).

Grafik "Bevölkerung nach Altersgruppen" als PDF-Download (PDF-Dokument, 347.3 KB).