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PKV PUBLIK AUSGABE 08/2012

PFLEGE

Skepsis gegenüber dem deutschen Pflegesystem
Eine Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) zeigt, dass Migranten vor allem gegen die stationären Angebote Vorbehalte haben

Pflege und Migration sind zu einem zentralen Thema in der Betreuung älterer Menschen geworden. Eine Studie im Auftrag des ZQP hat die Alters- und Pflegevorstellungen von Zuwanderern untersucht.

 

Vor mehr als vier Jahrzehnten sind die ersten als Gastarbeiter bezeichneten ausländischen Arbeitskräfte nach Deutschland gekommen. Statt wie geplant in ihre Heimat zurückzukehren blieben viele hier, gründeten Familien und wurden Teil der Gesellschaft. Jetzt sind sie alt und viele von ihnen auf Pflege angewiesen. Die über 65-Jährigen mit Migrationshintergrund zählen zu den am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppen in Deutschland. Ihre Zahl steigt von derzeit 1,4 Millionen bis zum Jahr 2030 auf 2,8 Millionen Menschen.

Eine Situation, auf die nicht nur die Zuwanderer und ihre Familien, sondern auch die sozialen Einrichtungen schlecht vorbereitet sind. „Migration und Pflege ist ein Thema, dem bisher wenig Beachtung geschenkt wurde. Entsprechend mangelt es an konkretem Wissen über die Wünsche und Bedürfnisse pflegebedürftiger Migranten“, sagt Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP). „Vielerorts fehlen spezielle, bedürfnisorientierte Angebote, welche die kulturellen und sprachlichen Unterschiede älterer Migranten und deren Angehöriger berücksichtigen.“

Vor diesem Hintergrund haben das ZQP und das Institut für Medizinische Soziologie der Berliner Charité eine Studie durchgeführt, die Aufschluss über die Alters- und Pflegevorstellungen von Migranten geben soll. Im Fokus standen dabei ehemalige Gastarbeiter und ihre Angehörigen aus der Türkei sowie russlanddeutsche Spätaussiedler und jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion – den beiden am häufigsten vertretenen Herkunftsländern. Befragt wurden Personen der ersten und zweiten Einwanderergeneration. Dabei wurden in einer aufwendigen Untersuchung leitfadengestützte Interviews in türkischer, russischer und deutscher Sprache durchgeführt, um bewusste sowie im Unterbewusstsein verborgene Einstellungen zu Alter und Pflege herauszuarbeiten.

Die Ergebnisse zeigen: Die Pflegeeinstellungen und -erwartungen variieren stark zwischen den einzelnen Herkunftsländern. „So unterschiedlich die kulturellen Identitäten, Religionen und auch sozioökonomische Lagen sind, so heterogen gestalten sich die einzelnen Vorstellungen vom Thema Altern und Pflege. Darauf gilt es bei der Ausgestaltung von Betreuungs- und Unterstützungsangeboten Rücksicht zu nehmen“, sagt Dr. Liane Schenk, Leiterin der Abteilung medizinische und pflegerische Versorgung des Instituts für medizinische Soziologie an der Berliner Charité.

Obwohl Verallgemeinerungen daher kaum möglich sind, zeigt sich jedoch im Ergebnis eine große Gemeinsamkeit: Die grundsätzliche Skepsis gegenüber der Inanspruchnahme stationärer Pflegeangebote. „Die Befragten legen großen Wert auf eine Betreuung zuhause im Familienkreis. Sie sehen dabei insbesondere Töchter und Schwiegertöchter in der Verantwortung“, so Dr. Schenk. Besonders deutlich ist die Ablehnung institutioneller Pflegeangebote bei türkischen Zuwanderern der ersten Generation. Bei ihren Kindern hingegen zeichnet sich ein Wandel in den Einstellungen zur Inanspruchnahme (stationärer) Betreuung ab: Die Verpflichtung, seine Eltern gut zu behandeln, kann durchaus einen Aufenthalt im Pflegeheim einschließen, wenn die Versorgung dort eine bessere Fürsorge gewährleistet.

Dagegen kommt für die Nachkommen der Zuwanderer aus dem Osten die Inanspruchnahme stationärer Betreuungsleistungen einem „Abschieben“ des Menschen aus der Familie und aus seiner sozialen Rolle gleich. Das Pflegeheim wird als Ausdruck zerrissener Familienstrukturen interpretiert. Sie haben diese Haltung sogar noch stärker verinnerlicht als ihre Eltern.

Zuwanderer kehren gerade im Alter gerne zu ihren Wurzeln zurück. Wie die Erfahrung zeigt, legen sie stärker als in ihrem Berufsleben Wert darauf, gemäß den Traditionen ihres Heimatlandes zu leben. Das heißt für türkische Zuwanderer beispielsweise: Nur mit fließendem Wasser gewaschen zu werden, im Ramadan zu fasten oder muslimische Gebetsräume zu nutzen. Auf diese Besonderheiten gilt es, Rücksicht zu nehmen. „Die deutsche Altenhilfe muss sich stärker als bisher öffnen und Sensibilität für die verschiedenen Lebensstile und den damit verbundenen Bedürfnissen älterer Menschen mit Migrationshintergrund zeigen“, sagt ZQP-Vorstandsvorsitzender Dr. Suhr. „Dies bedeutet einen langfristigen Lern- und Entwicklungsprozess auf allen Ebenen.“

Die besondere Bedeutung von Pflegepersonal mit Migrationshintergrund wie auch die Weiterbildung der Mitarbeiter in den Einrichtungen zum Erwerb zusätzlicher Sozial- und Sprachkompetenzen sind hier als ein Beispiel zu nennen. In vielen Fällen sind Zuwanderer darauf angewiesen, dass das Pflegepersonal ihre Sprache spricht. Denn im Fall von Demenz verlernen Menschen in der Regel jede Sprache außer ihrer Muttersprache. Die gilt selbst für Migranten mit ausgezeichneten Deutschkenntnissen.

Zu den Herausforderungen für das deutsche Pflegesystem gehört es, Vielfalt und Besonderheiten der Bedürfnisse von Zuwanderern zu verstehen. Dies ist die Basis, um die bestehenden Barrieren zum Versorgungssystem zu verringern beziehungsweise zu überwinden.

Von zentraler Bedeutung sind auch bessere Kenntnisse der Zuwanderer über professionelle Pflegeangebote. Die Studie belegt, wie lückenhaft das Wissen ist. Hier sollten verstärkt migrationsspezifische Informationskanäle und Medien genutzt werden. Auch Migrantenorganisationen oder religiöse Gemeinden bieten sich als Multiplikatoren an und können einen Beitrag leisten, Aufklärung über Pflege und Betreuung zu leisten. Nicht zuletzt gilt es außerdem, mit weiteren Studien das Wissen zum Thema „Migration und Pflege“ auszubauen.

 

Mehr Informationen zur Studie finden Sie unter www.zqp.de