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PKV PUBLIK AUSGABE 087/2012

IM GESPRÄCH


„Eine gut prognostizierte Krise“

Im Gespräch: Prof. Herwig Birg

 

Herr Prof. Birg, der aktuelle Demografiebericht der Bundesregierung prognostiziert einen starken Rückgang der Bevölkerung und gleichzeitig einen deutlich höheren Anteil älterer Menschen in Deutschland. Was bedeutet das für unsere Zukunft?

Prof. Birg: Deutschland gleicht einem Ruderboot, bei dem die Zahl der Ruderer schrumpft und die der älteren Passagiere wächst. Das Boot wird langsamer, das Wirtschaftswachstum erlahmt. Von den schwach wachsenden Arbeitseinkommen muss ein zunehmender Anteil zur Finanzierung der Gesetzlichen Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung verwendet werden. Für die meisten Menschen bedeutet das Wohlstandseinbußen.

Welche Lebensbereiche werden von der Entwicklung hin zu einer alternden Gesellschaft in welcher Form betroffen sein?

Prof. Birg: Vielen Ruheständlern droht Altersarmut. Die niedrigen Renten könnten zwar theoretisch durch eine Erhöhung des Ruhestandsalters angehoben werden. Aber die Versorgungslücken der Gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung lassen sich damit nicht beseitigen, denn die demografische Alterung führt zu steigenden Gesundheitsausgaben. Gleichzeitig geraten die Einnahmen unter Druck, weil die Zahl der Beitragszahler sinkt und ihre Einkommen nur schwach wachsen. Es gibt jedoch auch Wachstumsbranchen wie den Gesundheitssektor, der wegen der Alterung expandiert.

Sind wir gut auf den demografischen Wandel vorbereitet, oder gibt es ungelöste Aufgaben, die wir jetzt dringend in den Griff bekommen müssen?

Prof. Birg: Beim sogenannten demografischen Wandel handelt es sich um die bestprognostizierte Krise, die ich kenne. Die Politik weiß seit über 30 Jahren, was auf uns zukommt, aber sie war und ist nicht bereit, etwas gegen die hohe Kinderlosigkeit zu unternehmen, die die Hauptursache für die niedrige Geburtenrate von 1,4 Kindern je Frau darstellt. Bei der nicht zugewanderten, deutschen Bevölkerung in den alten Bundesländern bleibt bereits jede dritte Frau zeitlebens kinderlos – Tendenz steigend. Diese wichtige Ursache der Alterung und Bevölkerungsschrumpfung findet in der Demografiestrategie der Bundesregierung keinen Niederschlag. Die Zahl der Geburten sinkt seit Jahrzehnten. Sie wird auch in Zukunft abnehmen, weil die nicht Geborenen keine Kinder haben können. Deutschland ist dabei, aus seiner demografischen Zukunft auszusteigen.

Gibt es beim demografischen Wandel neben Risiken auch Chancen?

Prof. Birg: Ich sehe fünf zentrale Auswirkungen der Alterung und Bevölkerungsschrumpfung, die Risiken bergen: 1. Die Versorgung der alten Generationen durch die schrumpfenden jungen bedeutet Verteilungsstress, nicht Chancen. 2. Das gleiche gilt für die Interessengegensätze zwischen Menschen mit Kindern und ohne. 3. Innerhalb Deutschlands stabilisieren die Landeshauptstädte und Metropolregionen ihre Bevölkerung auf Kosten der Entleerungsgebiete durch Zuwanderungen – mit der Konsequenz regionaler Konflikte. 4. Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund fühlt sich durch die schrumpfende deutsche Bevölkerung benachteiligt und diskriminiert. 5. Die europäische Finanzkrise beruht auf der Verschuldung zu Lasten künftiger, kleiner werdender Generationen. Wenn die Zuwanderung junger Europäer aus Südeuropa nach Deutschland anhält, wäre dies zwar von Vorteil für den deutschen Arbeitsmarkt, aber deshalb von „Chancen“ der Finanzkrise zu sprechen, hieße die Dinge auf den Kopf stellen.

Was kann der Einzelne heute schon tun, um sich für die Zukunft zu wappnen?

Prof. Birg: In armen Entwicklungsländern ohne Sozialversicherung müssen die Menschen Kinder haben, um im Alter und bei Krankheit abgesichert zu sein. Die Deutschen glauben, wegen des sozialen Sicherungssystems auf (eigene) Kinder verzichten zu können – ohne Rücklagen zu bilden. Aber bei einer schrumpfenden Zahl von Geburten und Beitragszahlern sinken zwangsläufig die Leistungen der Gesetzlichen Renten-, Kranken - und Pflegeversicherung. Zur Schließung der drohenden Versorgungslücken sollte jeder möglichst früh mit dem Aufbau einer durch Rücklagen gebildeten Versorgungsbasis wie bei der Privaten Krankenversicherung beginnen.