• Vorlesen
  • A A A

PKV PUBLIK AUSGABE 08/2012

TITEL

Der demografische Druck nimmt zu
Auch wenn die Barmer GEK anderes glauben machen will: Die Alterung der Menschen lässt die Gesundheitskosten weiter steigen

Eine Krankenkassen-Studie kommt zu falschen Ergebnissen:
Der demografiebedingte Anstieg der Gesundheitskosten wird nämlich keineswegs überschätzt, sondern macht vielmehr auch in der Krankenversicherung eine ergänzende Vorsorge notwendig.

 

Die Alterung der deutschen Gesellschaft setzt unsere umlagefinanzierten Sozialversicherungen unter massiven Druck: Sie werden schlichtweg überfordert, wenn immer weniger junge Menschen für immer mehr ältere aufkommen sollen, die neben der Rente ja auch verstärkt Leistungen der Kranken- und Pflegeversicherung in Anspruch nehmen. Unter Fachleuten ist deshalb nahezu unbestritten, dass die kollektiven Sicherungssysteme durch immer mehr individuelle, kapitalgedeckte Vorsorge ergänzt werden müssen.

Vor diesem Hintergrund löste eine jüngst von Deutschlands größter gesetzlicher Krankenkasse, der Barmer GEK, aufgestellte These einiges Erstaunen aus: Die Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Kosten des Gesundheitssystems würden überschätzt, teilte die Kasse einer überraschten Öffentlichkeit mit. Eine Auswertung der eigenen Ausgabenentwicklung habe ergeben, dass nur 18 Prozent der jährlichen Steigerungen auf das Altern der Bevölkerung zurückzuführen seien. Der übergroße Rest, so die Barmer GEK, entfalle auf Preissteigerungen – etwa für Medikamente und bei den Arzthonoraren – sowie den medizinisch-technischen Fortschritt.

Diese Analyse verblüfft aus gleich mehreren Gründen: So haben die Verfechter der Umlagefinanzierung – und dazu gehören naturgemäß die Krankenkassen – bislang fast prinzipiell bestritten, dass es überhaupt zu demografiebedingten Ausgabensteigerungen kommt. Sie beriefen sich dabei auf die sogenannte Kompressionstheorie, wonach sich Krankheiten bei steigender Lebenserwartung immer mehr ins hohe Alter verschieben. Die gewonnenen Jahre könnten vermehrt in Gesundheit verbracht werden, weshalb ein längeres Leben auch nicht zwangsläufig zu höheren Ausgaben für die medizinische Versorgung führe.

Dieses Szenario jedoch hat sich empirisch nie bestätigen lassen. Vielmehr konnte das Wissenschaftliche Institut der PKV (WIP) nachweisen, dass in jedem Lebensalter mehr Gesundheitsleistungen in Anspruch genommen werden und damit auch in jedem Lebensalter höhere Kosten entstehen. Von einer wachsenden Anzahl älterer Menschen ist damit auch ein weiterer, stetiger Anstieg der Gesundheitsausgaben zu erwarten. Dass sich nunmehr zumindest die Barmer GEK dieser Erkenntnis nicht mehr verschließt, ist zunächst einmal anerkennenswert.

Verblüffen muss aber die Bezifferung des „Faktors Alterung“ auf nur 18 Prozent – wirkt dieser Wert doch im Vergleich zu den übrigen Kostentreibern fast schon vernachlässigbar gering. Der demografische Wandel, so suggeriert es die Barmer GEK, sei wenn zwar schon im Gange, so aber doch nicht entscheidend für den Druck im Kostenkessel des Gesundheitswesens. Allerdings: Der Wert von 18 Prozent beruht auf wenigstens zwei gravierenden Fehlannahmen der Kassen-Studie.

So wird darin erstens unterstellt, dass die Lebenserwartung in der Bevölkerung nicht mehr weiter zunimmt. In der Realität ist hier aber keinerlei Trendumkehr zu erkennen. Vielmehr bleiben eine weiter steigende Lebenserwartung und die anhaltend niedrige Geburtenrate ursächlich für den demografischen Wandel in Deutschland. Wer einen dieser beiden Faktoren ausklammert, unterschätzt die Auswirkungen auf die Gesundheitskosten natürlich ganz erheblich.

Zweitens ist die Trennung in durch Demografie bedingten Kostenanstieg einerseits und solchen, der auf medizinisch-technischen Fortschritt andererseits zurückgeht, irreführend: So schlägt die Studie Kosten für Eingriffe, die aufgrund schonender Operationsmethoden mittlerweile auch an älteren Menschen vorgenommen werden, ausschließlich dem medizinischen Fortschritt zu. Dabei hat es natürlich auch mit der steigenden Lebenserwartung zu tun, wenn in Zukunft immer mehr Ältere entsprechend behandelt werden können.

Medizinisch-technischer Fortschritt ist grundsätzlich nicht unabhängig von der Demografie. Denn während Krankheiten, die häufig in jüngeren Jahren auftreten wie etwa Infektionen, in der Regel längst behandelbar sind, zielen Forschung und Innovation zunehmend auf altersbedingte Krankheiten wie zum Beispiel Alzheimer. Hier ist Fortschritt wünschenswert und hoffentlich auch möglich. Mehr ältere Menschen bedeuten dann aber auch mehr Patienten, die vom medizinisch-technischen Fortschritt profitieren wollen – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Gesundheitsausgaben.

Die Studie der Barmer GEK rechnet den Anteil der demografischen Entwicklung am Anstieg der Gesundheitskosten also systematisch klein. In der Presse wurde daraufhin bereits über einen Zusammenhang mit dem schwelenden Honorarstreit zwischen Krankenkassen und Ärzteschaft spekuliert. Wer wie die Barmer den Kostenanstieg gering halten wolle, „schiebt die Schuld daran deshalb auf Faktoren, die sich beeinflussen lassen“, schrieb etwa Spiegel online. Und das sind eher die Arztkosten als die Alterung der Menschen in Deutschland.

Die taktischen Erwägungen der Krankenkassen im Zuge laufender Honorarverhandlungen sollten aber nicht dazu führen, die Folgen des demografischen Wandels zu bagatellisieren. Denn der Druck im Kessel nimmt weiter zu. Und auf die tendenziell immer kleiner werdende berufstätige Generation kommt neben einer absehbar wachsenden Belastung im Steuersystem und in der Rentenversicherung eben auch eine zunehmende Belastung in der Krankenversicherung zu.