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PKV PUBLIK AUSGABE 07/2012

PKV

Je mehr Bewegung desto besser

Das Zentrum für Qualität in der Pflege hat die Mobilität
älterer Menschen untersucht

 

Die Zahl der Bundesbürger ab 65 Jahren hat sich seit 1990 von rund zwölf auf 17 Millionen erhöht. Inzwischen ist jeder fünfte Deutsche 65 Jahre und älter. Bis 2030 wird der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe auf fast 30 Prozent wachsen. Ein Anstieg der Pflege- und Krankheitskosten bei insgesamt rückläufiger Bevölkerung ist vorprogrammiert und mit großen finanziellen Herausforderungen für die Kostenträger verbunden. Vor diesem Hintergrund rücken Präventionsmaßnahmen zur Gesunderhaltung zunehmend in das Blickfeld der Kranken- und Pflegeversicherungen.

Von zentraler Bedeutung ist dabei die Steigerung der körperlichen Aktivität der Senioren. Längst ist erwiesen, dass Bewegung im Alter entscheidenden Einfluss auf den Gesundheitszustand hat. „Rüstige“ Rentner sind in der Lage, länger selbstständig und ohne fremde Hilfe zu leben. Gleichzeitig sinken die Kosten für medizinische Leistungen und Pflege. Doch mehr als 70 Prozent der Senioren bewegen sich zu wenig. Eine Pilotstudie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) und der Klinik für Geriatrische Rehabilitation des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart sollte deshalb herausfinden, wie Bundesbürger ab 65 Jahren zur körperlichen Aktivität motiviert werden können und wie sie auf Bewegungsangebote reagieren.

Interesse an Sportgruppen

Insgesamt 86 Personen nahmen an dieser Untersuchung teil – darunter sowohl Senioren ohne große körperliche Einschränkungen als auch Pflegebedürftige. Alle erhielten für sieben Tage einen Bewegungssensor, der am Bein aufgeklebt oder in einem Gürtel am Rücken getragen wurde, um die gesamte Dauer des Gehens aufzuzeichnen. Ergänzend wurden im Rahmen eines Hausbesuchs zu Beginn der Studie die physische Kapazität, also etwa die Beweglichkeit beim Aufstehen oder Gehen, sowie psychosoziale Umstände der Teilnehmer ermittelt.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Selbst die „rüstigen“ Studienteilnehmer bewegten sich zu wenig. Im Rahmen ihrer körperlichen Fähigkeiten hätten sie wesentlich mehr Aktivitäten zeigen können. Dieses wurde den Teilnehmern in einem anschließenden Beratungsgespräch auch mitgeteilt, verbunden mit individuellen Empfehlungen zur Verbesserung ihrer Ausdauer, Balance und Kraft. 15 Prozent haben ihr Aktivitätsniveau daraufhin erhöht, wie eine Nachbefragung zwei Monate später ergab. Bei einem konkreten Angebot zur Teilnahme an einer Sportgruppe zeigte jeder Dritte Interesse.

Anstoß von außen

Die Studie sowie Praxis-Erfahrungen belegen ein großes Potenzial von Maßnahmen zur Steigerung der körperlichen Aktivität. 20 bis 25 Prozent der Senioren sind hochgradig interessiert, sich mehr zu bewegen. Weitere 40 bis 50 Prozent zeigen eine grundsätzliche Bereitschaft dazu. Doch sie schaffen es ohne Unterstützung oft nicht, aktiver zu werden. Hier bedarf es des Anstoßes von außen – durch den Hausarzt, die Kommunen oder die Kranken- und Pflegeversicherungen.

Auch Kostenträger könnten profitieren

„Es handelt sich um die erste Studie dieser Art. Die Informationen geben uns wichtige Hinweise – beispielsweise wie wir willige, aber eher träge Senioren dazu bringen können, mehr als bisher körperlich aktiv zu werden“, so der die Studie durchführende Experte für Prävention und Rehabilitation im Alter, Privatdozent Dr. Clemens Becker vom Robert-Bosch-Krankenhaus. Gerade auch für die Kostenträger könnten sich seiner Ansicht nach Programme unter Einbeziehung des Bewegungssensors empfehlen. So koste die Messung einer Person einschließlich Hausbesuch und nachfolgender Beratung rund 170 Euro – eine Investition, die sich durch verringerte medizinische Aufwendungen und Pflegekosten in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum rechnen dürfte. Die Aktivitätsmonitore könnten beispielsweise von Apotheken oder Ärzten an die Versicherten ausgegeben werden. Auch bei der Auswertung der Daten bieten sich Kooperationen mit diesen Partnern an. Vorstellbar sei ebenfalls eine Integration in die Pflegeberatung, deren Ansprechpartner in den Regionen zudem über detaillierte Informationen zu Bewegungsangeboten vor Ort verfügten.

„Die Ergebnisse des Pilotprojektes sind vielversprechend“, so Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des Zentrums für Qualität in der Pflege. Gleichwohl müsse das Thema der Förderung der körperlichen Aktivität im Alter noch mehr Bedeutung erlangen. Denn: „Die Stärkung vorhandener Mobilitäts-Potentiale älterer oder pflegebedürftiger Menschen ist vor allem eines: ein entscheidender Beitrag zum Erhalt der Selbstbestimmtheit und zur Verbesserung der Lebensqualität“, so Suhr.