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PKV PUBLIK AUSGABE 07/2012

GASTBEITRAG

Medizin von morgen: Der Patient im Zentrum

Bei der Medizin von morgen wird die Behandlung mehr und mehr als Gesamtkomplex gesehen. Teamarbeit am Patienten über Fächer- und Sektorengrenzen hinweg – das hat bereits Vorläuferstrukturen, die Mut machen. Hier liegt das Qualitäts- und Wirtschaftlichkeitspotenzial der Zukunft. Von Prof. Dr. med. Werner Schlake

 

Beispiel Tumormedizin: Die Behandlung ist in diesem Bereich komplex. Jährlich erkranken in Deutschland ca. 400.000 Menschen neu. Hier haben sich regional Organkrebs- bzw. Tumorzentren herausgebildet. Interdisziplinär entwickelte Leitlinien und Anforderungskataloge bilden die Grundlage der Kooperation der Ärzte (und weiterer Professionen) im ambulanten und stationären Bereich. Das Spezialwissen der einzelnen Fachdisziplinen wird unter dem Aspekt der gemeinsamen Krankenbehandlung gebündelt. „PatientIn im Zentrum“ ist hier in doppelter Bedeutung zu verstehen.

Die eher unverbundene Parallel­behandlung vieler Fachdisziplinen wurde zugunsten der Patienten von einem Konzept des gemeinsamen und koordinierten Vorgehens abgelöst. Sichtbarster Ausdruck der interdisziplinären Zusammenarbeit ist die zwingende Vorgabe der Tumorkonferenz. Hier werden die Krebserkrankungen der Patienten wöchentlich interdisziplinär besprochen. Diskrepanzen werden abgeglichen. Hier fällt die gemeinsame Entscheidung über die weitere Therapie. Patientenpfade gelten für alle Beteiligten. In regelmäßigen Audits wird deren Einhaltung geprüft. Die zielgenaue Bündelung der Kompetenzen hilft ÄrztInnen wie PatientInnen. Das Krebszentrum ist eine Art „virtueller Gesamtarzt“.

Diese Strukturen, die mittlerweile für mehr als 800 Zentren gelten, gibt es eigentlich im Sozialgesetzbuch nicht. Der Gesetzgeber hat gerade mit dem Versorgungsstrukturgesetz (VStG) zum 1. Januar 2012 über die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) einen Schritt in diese Richtung gemacht. Bei den Zentren hat die ärztliche Profession – mit der Deutschen Krebsgesellschaft als ordnender Macht im Hintergrund – bewiesen, dass sie Gesundheitsversorgung selbst gestalten kann. Respekt vor den vielen ÄrztInnen, die dies in mehr als einem Jahrzehnt freiwilliger Arbeit entwickelt und zur Funktionsreife gebracht haben.

Es ist eine Skizze für neue Versorgungslandschaften: Die Behandlung eines Versicherten ist mehr und mehr als Gesamtkomplex zu sehen, als Teamarbeit mehrerer Fachgebiete, am besten über die Sektorengrenzen hinweg, orientiert an Vorgaben mit hoher Evidenz, z.B. Leitlinien, in gemeinschaftlichen Strukturen: Das wird die Medizin von morgen sein.