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PKV PUBLIK AUSGABE 06/2012

PKV

PKV-Mitgliederversammlung
Demografische Entwicklung und die Zukunft des Arztberufs standen im Mittelpunkt der Jahrestagung 2012

Ärztepräsident Dr. Frank Ulrich Montgomery dokumentiert den Zusammenhang zwischen Alter und Krankheit, die Parlamentarischen Geschäftsführer von Union und FDP erläutern ihre Politik in Zeiten des demografischen Wandels.

 
Dr. Frank Ulrich Montgomery
 

Die Herausforderungen des deutschen Gesundheitssystems und des Arztberufes durch die demografische Entwicklung standen im Mittelpunkt der Jahrestagung 2012 des Verbandes der Privaten Krankenversicherung (PKV) in Berlin. Dabei eröffnete Ärzte-Präsident Dr. Frank Ulrich Montgomery als Gastredner einen weiten Ausblick auf die Zukunft der ärztlichen Versorgung in Deutschland.

„Vor 10 Jahren haben uns Gesundheitsökonomen noch zu erzählen versucht, dass die demografischen Veränderungen keine dramatischen Veränderungen an Personal und Finanzierung des Gesundheitswesens bedeuteten“, erinnerte Montgomery und verwies unter anderem auf das damalige Sachverständigenrats-Mitglied Prof. Karl Lauterbach, den jetzigen SPD-Abgeordneten. „Heute ist klar, dass die demografischen Veränderungen mehr Infrastruktur, Personal und Geld zwingend erforderlich machen“, betonte der Präsident der Bundesärztekammer.

Montgomery dokumentierte den engen Zusammenhang zwischen Alter und Krankheit. Während sich nur 12 Prozent der 20- bis 30-Jährigen und 19 Prozent der 30- bis 40-Jährigen als „krank“ einstuften, seien dies in der Altersgruppe der 70- bis 80-Jährigen schon 78 Prozent. Bei den Über-80-Jährigen seien sogar 86 Prozent krank. Und die Zahl der Menschen über 80 in Deutschland wird bis zum Jahr 2050 mehr als zweieinhalb Mal höher sein als heute.

Infolge dieser Entwicklung lassen die Erfahrungen mit den „typischen“ Krankheitsbildern älterer Menschen erwarten, dass bis 2050 die Zahl dieser Erkrankungen massiv ansteigen wird. Zudem handelt es sich dabei um Krankheiten, deren medizinische Behandlung besonders teuer ist. So wird sich durch die demografische Entwicklung die Zahl der Herzinfarkte und Schlaganfälle verdoppeln, die Zahl der Oberschenkelhalsbrüche wird sich mehr als verdoppeln. Demenzerkrankungen werden um das Zweieinhalbfache zunehmen, die Zahl der Lungenentzündungen wird sich sogar verdreifachen.

Dieser absehbar steigenden Nachfrage nach medizinischer Betreuung stehen wiederum beträchtliche Strukturveränderungen bei den Ärzten gegenüber. Allein in den kommenden zehn Jahren bestehe ein Ersatzbedarf an fast 120.000 neuen, aktiven Ärzten, doch der erwartete Nachwuchs aus Medizinstudenten und Ärzten in Ausbildung umfasse derzeit nur rund 80.000 Personen.

Der Ärztepräsident erläuterte die scheinbar paradoxe Entwicklung, dass die Statistik derzeit steigende Arztzahlen aufweise, zugleich aber von einem zunehmenden Ärztemangel die Rede sei. Seine Erklärung: „Immer mehr Ärzte stellen immer weniger Arbeitszeit zur Verfügung.“ Etwa 20.000 ausgebildete Ärzte unter 65 Jahren, darunter vor allem Frauen, arbeiteten überhaupt nicht in ihrem Beruf. Zudem verliere Deutschland jedes Jahr circa 1.000 ausgebildete Ärzte durch Abwanderung ins Ausland. Montgomery sprach von sinkenden Realeinkommen der Ärzte und verwies auf Umfragen, die eine wachsende Frustration zeigten. Immer mehr Ärzte dächten über einen Ausstieg aus der medizinischen Versorgung nach.

Eine weitere folgenreiche Strukturveränderung brachte Montgomery auf die Formel: „Die Medizin wird weiblich.“ Zwei Drittel der Medizinstudenten seien heute Frauen. Die weiblichen Ärzte legten jedoch aus nachvollziehbaren Gründen deutlich mehr Wert auf eine ausgewogene „Work-Life-Balance“ und Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Konsequenz: „Drei Frauen stellen einem Arbeitgeber so viel Lebensarbeitszeit zur Verfügung wie zwei Männer.“ Mit Blick auf diese großen Trends zog Montgomery das Fazit: „Wir brauchen viel mehr Ärzte als gedacht.“

Mit den Folgen der demografischen Entwicklung in Deutschland setzten sich bei der Jahrestagung der Privaten Krankenversicherung auch die beiden Parlaments-Manager der Regierungsfraktionen von CDU/CSU und FDP, Michael Grosse-Brömer und Jörg van Essen, auseinander. In ihren Ämtern als „Erste Parlamentarische Geschäftsführer“ tragen sie große Verantwortung für das Funktionieren des gesetzgeberischen Räderwerks im Bundestag. Sie sind die politischen Macher hinter den Kulissen, die – insbesondere in kritischen Situationen – handlungsfähige parlamentarische Mehrheiten sichern. Und kritische Situationen gibt es nicht zuletzt wegen der europäischen Staatsschuldenkrise derzeit mehr als genug.

Grosse-Brömer hatte erst wenige Tage zuvor dieses Amt von Peter Altmaier übernommen, der wiederum die Nachfolge von Bundesumweltminister Norbert Röttgen angetreten hat. Der CDU-Politiker hob die Verantwortung der heute handelnden Regierungen für die langfristigen Auswirkungen ihrer Politik hervor. Sie müssten beherzigen, dass sowohl die Folgen der Schuldenkrise als auch die demografischen Veränderungen die Lebenschancen künftiger Generationen nicht übermäßig einschränken dürften. Als Leitlinie für seine politische Orientierung beschrieb Grosse-Brömer, dass stets die Eigenverantwortung der Menschen Vorrang haben müsse und staatliche Lösungen erst dann greifen sollten, wenn der Einzelne in seinen Kräften überfordert oder unverschuldet in Not geraten sei.

FDP-Fraktionsmanager Jörg van Essen wertete die aktuelle Pflege-Reform seines Parteifreundes, Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr, als Beleg dafür, dass die Politik sehr wohl nachhaltige Lösungen für die Herausforderungen des demografischen Wandels gestalten könne. Freimütig bekannte er sich zu seinem „politischen Fehler“, als junger Abgeordneter Mitte der 90-er Jahre für die Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung in Form eines Umlageverfahrens gestimmt zu haben. Er habe zwar schon damals das Kapitaldeckungsverfahren nach dem Vorbild der Privaten Krankenversicherung für besser geeignet gehalten, doch habe er sich am Ende dem Drängen des größeren Koalitionspartners um den damaligen Sozialminister Norbert Blüm (CDU) gefügt. Dies würde er aus der heutigen Erfahrung heraus nicht wieder tun, betonte van Essen. Umso wichtiger sei daher, dass jetzt mit der Förderung der zusätzlichen privaten Pflege-Vorsorge die Weichen zu mehr Kapitaldeckung gestellt würden. Das sei die richtige Antwort auf die demografischen Probleme.