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PKV PUBLIK AUSGABE 01/2012

PKV

Rübergemacht

Trotz gesetzlicher Hürden wollen sich immer mehr Menschen privat krankenversichern

 

„Konkurrenz belebt das Geschäft“ lautet eine bewährte Weisheit aus dem Wirtschaftsleben. Das Sprichwort trifft nicht nur auf die Geschäftsbeziehungen zwischen einzelnen Unternehmen zu, sondern auch auf das Gesundheitssystem insgesamt. Denn dass das Leistungsniveau des deutschen Gesundheitswesens weltweit seinesgleichen sucht, liegt nicht zuletzt am produktiven Nebeneinander von Privater und Gesetzlicher Krankenversicherung. Diese beiden Säulen des Gesundheitssystems stehen in direkter Konkurrenz zueinander und umwerben diejenigen Kunden, denen es das Gesetz erlaubt, sich für eine der beiden Versicherungsarten zu entscheiden.

Um diese sogenannten freiwillig Versicherten bemühen sich beide Systeme. Dadurch sind die Anbieter permanent dazu veranlasst, die Qualität ihres Angebots zu verbessern, um die potenziellen Kunden vom Vorzug des jeweiligen Systems zu überzeugen. Fiele die Konkurrenz durch das jeweils andere System fort, würde dieser Anreiz zu Leistungsverbesserungen sofort wegfallen. Das bestätigte auch die Chefin des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), Doris Pfeiffer: „Ohne die Konkurrenz von Privatversicherungen wäre die Gefahr, dass der Leistungskatalog auf eine minimale Grundversorgung reduziert wird, größer. In einem Einheitssystem ließen sich die Leistungen leichter reduzieren.“

Schon in den vergangenen Jahren wurde der Leistungskatalog in der GKV aufgrund der finanziellen Situation von der Politik immer weiter beschnitten. Leistungskürzungen beim Zahnersatz, bei Brillen und bei rezeptfreien Medikamenten sowie die Einführung von Praxisgebühren und Zuzahlungen auf Arzneimittel sind nur einige Beispiele aus jüngerer Zeit.

Diese Kürzungen im Leistungsangebot blieben an der Schnittstelle zwischen GKV und PKV nicht ohne Folgen: Jedes Jahr streben weit mehr als 200.000 Menschen aus der Gesetzlichen in die Private Krankenversicherung: Weil sie dort einen umfangreicheren Schutz bekommen, weil sie ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis erhalten und weil es in der PKV zudem möglich ist, sich den gewünschten Versicherungsschutz nach den eigenen Bedürfnissen zusammenzustellen.

Die hohe Zahl der Wechsler ist umso bemerkenswerter, als das Sozialgesetzbuch V den wechselwilligen GKV-Versicherten zahlreiche Steine in den Weg legt. Davon sind vor allem die Angestellten betroffen. Sie müssen erst ein regelmäßiges Bruttoeinkommen von derzeit mindestens 50.850 Euro im Jahr nachweisen, bevor sie in die Private Krankenversicherung wechseln dürfen. Dies verlangt nicht etwa die PKV, deren Beiträge völlig unabhängig vom Einkommen sind, sondern das schreibt der Gesetzgeber durch die sogenannte Versicherungspflichtgrenze vor. Überdies galt noch bis 2010 sogar zusätzlich eine Dreijahresfrist, die es erforderlich machte, dass das Einkommen eines Arbeitnehmers drei Jahre hintereinander über der Versicherungspflichtgrenze liegen musste. Zum Wohle der Wahlfreiheit der Arbeitnehmer wurde dieses unter SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt eingeführte zusätzliche Hindernis zum Jahr 2011 von der Regierungskoalition aus CDU/CSU und FDP wieder rückgängig gemacht.

Aber auch andere Personengruppen werden in der GKV pflichtversichert. So etwa Studenten, Bezieher staatlicher Renten oder Arbeitslose. Unter bestimmten Voraussetzungen gibt es zwar Möglichkeiten zur Befreiung von der Versicherungspflicht. Hierfür gelten aber strenge Fristen. Wer die verpasst, hat Pech gehabt. Er muss in der GKV bleiben, ob er will oder nicht. Lediglich Selbstständigen und Beamten steht es unabhängig vom Einkommen frei, sich für die PKV zu entscheiden.

Mit dem zu Jahresbeginn 2012 in Kraft getretenen GKV-Versorgungsstrukturgesetz hat es zudem noch für eine weitere Personengruppe Einschränkungen gegeben: Teilnehmer dualer Studiengänge sind – abweichend von der bisherigen Regelung – der Versicherungspflicht in der GKV unterworfen.

Aber damit nicht genug: Diejenigen, die freiwillig in der GKV bleiben, werden spätestens als Rentner auch noch deutlich schlechter gestellt als die Pflichtversicherten. Denn während bei denjenigen, die immer in der Gesetzlichen Krankenversicherung pflichtversichert waren, der Beitrag im Alter nur auf die Renteneinkünfte erhoben wird, müssen die freiwillig Versicherten im Alter den Beitragssatz auf alle Einkünfte zahlen. So werden etwa Einnahmen aus Mieten, aus Kapitalanlagen oder Lebensversicherungen zum Krankenkassenbeitrag herangezogen. Die oft sauer ersparte Altersvorsorge wird dadurch natürlich geschmälert.

Natürlich gibt es auch Personen, die von der Privaten Krankenversicherung zurück in eine gesetzliche Kasse wechseln. Hierbei ist aber ein wesentlicher Unterschied zu beachten: Während ein Eintritt in die PKV immer freiwillig erfolgt, geschieht der Wechsel in umgekehrter Richtung in nahezu allen Fällen gezwungenermaßen. Die allermeisten Rückkehrer in die GKV werden aufgrund der gesetzlichen Regelungen dazu gegen ihren erklärten Willen gezwungen.
Beispiele für eine unfreiwillige Rückkehr in die GKV gibt es viele: So werden etwa privatversicherte Kinder, die in ihrem gesamten Leben nie anders versichert waren, mit Beginn des Studiums oder der Ausbildung in die GKV gezwungen. Auch privatversicherte Studenten müssen sich mit Beginn eines Arbeitsverhältnisses in der Regel bei den gesetzlichen Kassen versichern.

Auch Angestellte, deren Einkommen unter die Versicherungspflichtgrenze sinkt, werden in der GKV grundsätzlich versicherungspflichtig. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie eine neue Stelle mit geringerem Gehalt antreten oder lediglich ihre Arbeitszeit reduzieren. Selbstständige, die in ein Angestelltenverhältnis eintreten, müssen ebenfalls zurück in die GKV, wenn sie unter der Versicherungspflichtgrenze verdienen – unabhängig davon, was sie selbst wollen und wie lange sie zuvor privatversichert waren.

Und auch bei der Frage, wann die Versicherungspflichtgrenze überschritten wird, lauern häufig mehr Hürden als gedacht. Ausschlaggebend ist nämlich lediglich das regelmäßig erzielte sozialversicherungspflichtige Einkommen. Das heißt, wer die Grenze von 50.850 Euro lediglich unter Hinzurechnung von Bonuszahlungen oder einer erfolgsabhängigen Vergütung überschreitet, muss feststellen, dass ihn die gesetzlichen Kassen nicht aus der Versicherungspflicht entlassen. Da aber eine Bezahlung mit leistungsbezogenen Komponenten in vielen Branchen üblich ist, wird zahlreichen Arbeitnehmern durch die engen Vorschriften des Sozialgesetzbuchs V der Weg in die PKV versperrt.

Da auf diese Weise in jedem Jahr der Wechsel von mehr als 100.000 Versicherten von der PKV in die GKV erzwungen wird, ist es umso bemerkenswerter, dass dennoch unter dem Strich jedes Jahr deutlich mehr Menschen aus der GKV in die Private Krankenversicherung wechseln als umgekehrt (siehe Grafik gegenüber). Der Saldo der Wanderungsbewegungen zeigt Jahr für Jahr einen großen Abstand zu Gunsten der PKV. Im Jahr 2011 ist der Vorsprung der PKV in der Wanderungsbilanz gegenüber dem Vorjahr sogar noch gewachsen.

Die unbestreitbaren Fakten der alljährlichen Wanderungsbilanz widerlegen auch eindrucksvoll die Behauptung einiger Vertreter der gesetzlichen Kassen, die Anfang des Jahres den Eindruck erwecken wollten, es würden immer mehr Privatversicherte in die GKV wechseln. Dafür gäbe es auch keinen Grund, denn die allermeisten Privatversicherten sind mit ihrer Krankenversicherung rundum zufrieden. Das zeigt sich schon an der äußerst geringen Beschwerdequote in der PKV: Gerade einmal 6.500 Versicherte beschwerten sich im Jahr 2011 beim Ombudsmann der PKV. Gemessen an der Gesamtzahl der knapp 41 Millionen privaten Versicherungsverträge, für die der PKV-Ombudsmann zuständig ist (dazu gehören PKV-Vollversicherung, Zusatz- und Pflegeversicherung), betrug die Beschwerdequote 2011 lediglich 0,016 Prozent. Das ist ein Wert, von dem andere Branchen nur träumen können.

Dies gilt umso mehr, als angesichts der durchschnittlich mehr als einem Dutzend jährlichen Arztbesuche jedes Deutschen eine Vielzahl von Rechnungen bei der Krankenversicherung eingereicht wird. Angesichts dieser Fülle von zig Millionen Abrechnungsvorgängen jedes Jahr sind gelegentliche Missverständnisse, Fehler oder Meinungsunterschiede nach menschlichem Ermessen wohl unvermeidbar.

Anders als einige grell aufgemachte Medienberichte über außerordentlich starke Beitragserhöhungen in einzelnen Tarifen glauben machen wollen, sind diese Fälle für Privatversicherte keineswegs typisch, sondern eine Ausnahme. So hat etwa das unabhängige Analysehaus Morgen & Morgen ermittelt, dass es bei 45 Prozent der PKV-Tarife in diesem Jahr überhaupt keine Beitragserhöhung gibt. Insgesamt liegt der Beitragsanstieg im Jahr 2012 durchschnittlich bei 4,4 Prozent. Hier wirken sich die stark gestiegenen Kosten der medizinischen Leistungen aus, die seit vielen Jahren immer deutlich stärker steigen als die allgemeine Preisentwicklung in Deutschland.

Bei den Beitragsanpassungen gibt es in Einzelfällen zwar auch Ausreißer nach oben. Doch selbst in solchen Fällen eines prozentual höheren Anstiegs liegen die Kosten für eine Private Krankenversicherung häufig noch deutlich unter dem Preis, den die Betroffenen in der Gesetzlichen Krankenversicherung zahlen müssten. Und für alle Privatversicherten, die – etwa wegen eines geringeren Alterseinkommens – ihren PKV-Beitrag absenken wollen, bieten sich mehrere Optionen. So hat jeder PKV-Versicherte das Recht, in einen anderen Tarif seines Unternehmens zu wechseln, um so die Höhe des monatlichen Beitrags zu senken.

Überdies besteht für langjährige Privatversicherte in diesen Fällen längst ein günstiger Sozialtarif: der Standardtarif. Er bietet Leistungen auf GKV-Niveau, dies aber in den allermeisten Fällen zu einem deutlich günstigeren Beitrag, weil hier die Alterungsrückstellungen aus dem früheren PKV-Tarif voll zu Buche schlagen und sich stark beitragssenkend auswirken.

Kein Wunder also, dass sich immer mehr Menschen für die Private Krankenversicherung entscheiden. Neben Wahlfreiheit, Kostentransparenz und einer Garantie für lebenslang unkürzbare Leistungen bietet sie auch denjenigen, die ihren Beitrag im Alter reduzieren möchten, zahlreiche Möglichkeiten. Damit ist die PKV eine voll funktionsfähige Säule im deutschen Krankenversicherungssystem, die als Konkurrenzangebot an der Schnittstelle zur GKV ein hohes Niveau der gesamten Gesundheitsversorgung gewährleistet.