• Vorlesen
  • A A A

PKV PUBLIK AUSGABE 08/2011

ZAHNARZT

Sagen Sie mal „Ooh!“
Die neue zahnärztliche Gebührenordnung führt zu Kostensteigerungen


Die GOZ-Novelle verteuert die Zahnbehandlung. Eine wirkliche Reform auf Basis betriebswirtschaftlicher Kalkulation bietet sie jedoch nicht. Die PKV bleibt dazu bereit, gemeinsam mit der Zahnärzteschaft eine moderne Gebührenordnung zu entwickeln.

 

„Diese Reform geht jeden etwas an“, vermeldete PKV Publik Anfang des Jahres, als sich abzeichnete, dass die Bundesregierung eine Novellierung der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) in Angriff nimmt. Vor deftigen Preissteigerungen warnte dann im Sommer – als ruchbar wurde, welche Richtung diese Novelle einschlagen könnte – Johann-Magnus von Stackelberg, Vizechef des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen. Seit kurzem ist nun klar, dass sowohl die Schlagzeile als auch der Kassen-Obere richtig lagen. Denn der Ende September vom Bundeskabinett verabschiedete GOZ-Entwurf bewirkt vor allem zweierlei: Die Behandlungskosten beim Zahnarzt werden erstens spürbar anziehen. Und sie werden dies zweitens für alle Patienten gleichermaßen.

Denn die Zahnärzte rechnen nicht nur bei Privatversicherten nach der GOZ ab. Auch bei Kassenpatienten ist dieses Verzeichnis ihre Berechnungsgrundlage für alle Leistungen, die nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Und der Anteil dieser Leistungen wird durch zunehmende Leistungseinschränkungen in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zunehmend größer. Spätestens seit 2005, als die Festzuschüsse beim Zahnersatz eingeführt wurden, hat sich die GKV im Bereich der Zahnleistungen zu einer Teilkaskoversicherung entwickelt. So beträgt etwa beim Zahnersatz der Anteil der nach der GOZ abgerechneten Leistungen bei einem gesetzlich Versicherten bis zu drei Viertel der Kosten. Bei einigen Leistungen rechnet der Zahnarzt sogar bis zu 100 Prozent nach der Gebührenordnung ab.

Durch die GOZ-Novelle werden sich die entsprechenden Beträge nochmals erhöhen – und das weitaus stärker, als das federführende Bundesministerium für Gesundheit bislang einräumt. 345 Millionen Euro oder umgerechnet 6 Prozent Honorarzuwachs gesteht die Novelle den Zahnärzten offiziell zu. Diese Berechnung unterstellt allerdings eine schrittweise Rückkehr der Ärzte zur Rechnungslegung mit 2,3-fachem Steigerungsfaktor, dem sogenannten Regelhöchstsatz. Doch diese Regel ist längst zur Ausnahme geworden: Wurden im Jahr 2000 noch knapp 68 Prozent aller zahnärztlichen Leistungen mit maximal 2,3-fachem Faktor abgerechnet, waren es 2009 lediglich noch 47 Prozent. Bezogen auf den Umsatz hat sich die Häufigkeit von Steigerungsfaktoren über dem Regelhöchstsatz zwischen 2000 und 2009 um fast 65 Prozent erhöht.

Die Annahme, dieser Trend ließe sich umkehren, erscheint unrealistisch. Zwar mahnt das Gesundheitsministerium in seiner Pressemitteilung vom 21. September extra einen „verantwortungsvollen und maßvollen“ Umgang mit der Gebührenordnung an. Doch wenn den Zahnärzten die Möglichkeit belassen wird, ihre Rechnungen optimierend an den Behandlungsaufwand anzupassen, wird sich niemand wundern dürfen, wenn sie dies auch weiterhin tun. Dann aber kommen nach PKV-Berechnungen auf die offiziell zugestandenen 6 Prozent noch weitere 8 Prozent Honorarvolumen obendrauf. Da sich zahnärztliche Leistungen überdies in Zukunft stärker zu den im Rahmen der GOZ-Novelle höher dotierten Positionen verlagern dürften, könnten am Ende insgesamt sogar 20 Prozent Mehrkosten für die Patienten herauskommen.

Doch ob nun 6, 14 oder 20 Prozent mehr: Eigentlich gibt es beim Zahnarzthonorar gar keinen Nachholbedarf. Denn die Vergütungen aus der GOZ sind in den vergangenen Jahren bereits überdurchschnittlich stark gestiegen. So wuchsen die Ausgaben der PKV für Zahnmedizin in den letzten 10 Jahren um 36 Prozent, also mehr als doppelt so stark wie die allgemeine Preissteigerung, die im selben Zeitraum bei 17 Prozent lag.

Die Auswertungen der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) zur Kostenstruktur in Zahnarztpraxen zeigen ebenfalls ein eindeutiges Bild. Aus den Daten der KZBV geht hervor, dass im Jahr 2008 je Inhaber einer niedergelassenen vertragszahnärztlichen Praxis Umsätze von durchschnittlich 368.419 Euro erzielt worden sind. Auf Privatabrechnungen entfiel hierbei ein Anteil von 49,4 Prozent des Umsatzes, also rund 182.000 Euro. Die Einnahmen außerhalb des Systems der Kassenzahnärztlichen Vereinigungen machen damit fast die Hälfte der Gesamteinnahmen des Zahnarztes aus. Acht Jahre vorher lag dieser Anteil lediglich bei 39,2 Prozent. Diese Zahlen belegen, dass der Anteil der privatärztlichen Behandlung am Umsatz der Zahnärzte in den vergangenen Jahren rasant zugenommen hat (vgl. PKV Publik 1/2011).

Neben den Honorarsteigerungen an sich ist aber auch zu bedauern, dass es die GOZ-Novelle im Wesentlichen bei diesem einen Element bewenden lässt. Die Gelegenheit, eine moderne Gebührenordnung zu entwickeln, wurde leider verpasst. Denn dazu hätte unbedingt ein Bezug auf transparente betriebswirtschaftliche Kostendaten gehört. Zudem hätte die Bildung eines unabhängigen Instituts wertvolle Hilfe bei der Entwicklung eines Verfahrens zur rascheren Integration des medizinischen Fortschritts in die GOZ leisten können. Vor allem aber wurde es versäumt, eine Öffnungsklausel, die Vertragsverhandlungen zwischen PKV und Zahnärzten zulässt, in der GOZ zu etablieren.

Eine solche Klausel ist jedoch erforderlich, um über die starren Strukturen der staatlichen Gebührenordnung hinaus partnerschaftliche Regelungen zu Qualitätsstandards sowie Mengen und Preisen in der Behandlung der Patienten vereinbaren zu können. Dabei hätte sich auch für die Zahnärzteschaft eine gute Chance geboten, die von ihr gewünschte Erfassung des zahnmedizinischen Leistungsgeschehens auf dem neuesten Stand zu vereinbaren.

Die Private Krankenversicherung ist und bleibt dazu bereit, gemeinsam mit der Zahnärzteschaft eine moderne Gebührenordnung auf betriebswirtschaftlicher Kalkulationsgrundlage zu entwickeln. Das ist beim jetzt vorliegenden GOZ-Entwurf nicht geschehen. Gerade weil dieser nur einige Anpassungen im hergebrachten System und keine substanziellen Neuerungen enthält, kann er auch keine Vorentscheidung für die angekündigte neue Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) bedeuten. Denn bei dieser ist eine grundlegende Strukturreform nach Auffassung aller Betroffenen zwingend erforderlich.