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PKV PUBLIK AUSGABE 07/2011

GASTBEITRAG

Empowerment und Patientenorientierung

Der Verband der Privaten Krankenversicherung fördert zusammen mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, der Gesetzlichen Krankenversicherung und der Deutschen Rentenversicherung Bund die Versorgungsforschung mit dem Leitthema „Chronische Krankheiten und Patientenorientierung“. Die wesentlichen Botschaften eines Vortrags, den Professor Faller im Rahmen des Forschungsschwerpunktes gehalten hat, gibt er an dieser Stelle wieder.
Von Prof. Hermann Faller

 

Chronisch kranke Menschen wollen Information, denn Information mildert die Hilflosigkeit, die eine Erkrankung auslöst. Je besser sie informiert sind, desto mehr können sie auch bei Therapieentscheidungen mitwirken. Die Bedürfnisse nach Information und Mitentscheidung werden jedoch nicht ausreichend befriedigt. Hier setzt Empowerment ein.

Empowerment ist ein Prozess, in welchem ein kranker Mensch in Eigenregie und/oder in Kooperation mit professionellen Experten Kompetenzen (Wissen, Motivation, Einstellungen, Fertigkeiten) erwirbt, mit dem Ziel, ihn dazu zu befähigen, informierte, selbstbestimmte Entscheidungen hinsichtlich seiner Gesundheit zu treffen.

Empowerment gründet auf Autonomie und Subsidiarität. Autonomie, das heißt Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, ist ein hoher Wert der medizinischen Ethik. Subsidiarität ist dazu komplementär: Was jemand selbst tun kann, soll ihm nicht von einer höheren Instanz abgenommen werden. Wenn einer etwas nicht alleine tun kann, darf er selbstverständlich nicht im Stich gelassen werden, sondern muss Hilfe erhalten – aber nur so lange, bis er es selber kann: Hilfe zur Selbsthilfe.

Empowerment wird oft über seine Ziele definiert: Selbstmanagement und partnerschaftliche Mitwirkung bei medizinischen Entscheidungen, ein besserer Gesundheitszustand, mehr Lebensqualität oder eine bestmögliche Gesundheitsversorgung. Diese Ziele sind jedoch nicht spezifisch für Empowerment, sondern müssen mit den Betroffenen verhandelt werden. Empowerment ist prinzipiell ergebnisoffen, was die Entscheidung für ein bestimmtes Handeln betrifft. Letztlich geht es um die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und die Verantwortung dafür zu übernehmen, um ein selbstbestimmtes (nicht notwendigerweise gesundheitsförderliches) Handeln zu erreichen.

Das Ziel von Empowerment – mehr Selbstbestimmung über die eigene Gesundheitsversorgung – sollte auch schon im Weg hin zu diesem Ziel sichtbar werden. Auch der Veränderungsprozess sollte von den Betroffenen wesentlich mit gesteuert werden. Man kann niemanden gegen seinen Willen zur Selbstbestimmung befähigen. Dies setzt eine patientenorientierte, partnerschaftliche Beziehung zwischen Patienten und Experten voraus. Damit sind Gesichtspunkte angesprochen wie z.B. Respekt und Sensibilität für die Bedürfnisse und Sorgen der Patienten; Ermutigung, die eigene Sichtweise einzubringen; individualisierte, auf die Bedürfnisse der Betroffenen abgestimmte Information; Gelegenheit, eigene Sorgen und Ängste zu äußern; psychische Unterstützung; und nicht zuletzt ausreichend Zeit. Der Experte ist dann eher ein Begleiter, und er muss es auch akzeptieren können, wenn ein Patient sich gelegentlich anders entscheidet, als es ihm lieb ist.

Auf Seiten der Experten wie auch der Patienten können Hindernisse auftreten, die Empowerment entgegenstehen. Die ärztliche Gesprächskompetenz ist sicherlich oft optimierungsfähig. Aber auch für Patienten ist eine aktive Rolle häufig ungewohnt. Kommunikationstrainings für Ärzte und Schulungsprogramme für Patienten können hier Abhilfe schaffen.

www.zentrum-patientenschulung.de