• Vorlesen
  • A A A

PKV PUBLIK AUSGABE 06/2011

GASTBEITRAG

Die Illusion der Gewissheit: Zum Umgang mit Risiken und Unsicherheiten


Besser informierte Patienten und Ärzte können ein Weg sein, der Kostenexplosion im Gesundheitswesen zu begegnen und gleichzeitig zu einer besseren Versorgung führen.
Von Professor Gerd Gigerenzer
 

Eine effiziente Gesundheitsversorgung braucht gut informierte Ärzte und Patienten. Das Gesundheitssystem, das uns das 20. Jahrhundert hinterlassen hat, erfüllt beides nicht. Viele Ärzte und noch mehr Patienten verstehen die verfügbaren medizinischen Daten und Forschungsergebnisse nicht. Verantwortlich für den Wissensmangel sind unter anderem eine irreführende Berichterstattung in Medien und medizinischen Zeitschriften, aber auch defensive Medizin und Ärzte, die statistische Evidenz mangelhaft verstehen. Ergebnis dieser Fehler ist ein teilweise ineffizientes Gesundheitssystem, das Steuergelder für unnötige oder sogar schädliche Tests und Behandlungen verschwendet und medizinische Forschungen finanziert, die für Patienten nur begrenzte Relevanz haben.

So werden Patienten etwa bei der Früherkennung von Krebserkrankungen – den so genannten Screenings – immer wieder mit irreführenden Angaben über die Erfolgsaussichten solcher Maßnahmen konfrontiert. Ein Beispiel ist die Verwendung von so genannten Überlebensraten. Häufig wird argumentiert, dass die 5-Jahres-Überlebensrate bei Personen, die sich diesen Screenings unterziehen, höher ist als bei Personen, die darauf verzichten. Nicht gesagt wird, dass die Überlebensrate wahrscheinlich nur deshalb höher ist, weil der Krebs früher erkannt wird und nicht, weil die Betroffenen länger leben.

Stellen wir uns ein Szenario vor, in dem eine Gruppe von Personen an Krebs erkrankt. All diese Patienten sterben im Alter von 70 Jahren an der Krankheit. Bei der Gruppe, die nicht zum Screening geht, wird der Krebs aufgrund der Symptome im Alter von 67 Jahren diagnostiziert. Die 5-Jahres-Überlebensrate ist also null. Bei den Personen, die zum Screening gehen, wird die Erkrankung zum Beispiel im Alter von 60 Jahren erkannt. Sie haben von diesem Zeitpunkt an noch zehn Jahre zu leben. Die 5-Jahres-Überlebensrate wäre hier 100 Prozent. Obwohl also beide Gruppen eine gleich hohe Mortalitätsrate haben, ist die Überlebensrate völlig unterschiedlich.

Nun soll nicht grundsätzlich von solchen Screenings abgeraten werden. Ziel muss es aber sein, möglichst viele Menschen in die Lage zu versetzen, Nutzen und Risiken einer solchen Früherkennung korrekt einschätzen zu können. Dazu gehört auch das Wissen, dass eine früh erkannte Krebserkrankung eine große psychische Belastung mit sich bringen kann, die Restlebenserwartung dadurch aber nicht unbedingt höher sein muss. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie schwierig es für einen Patienten sein kann, den Schwall von Fehlinformationen zu durchbrechen und eine fundierte Entscheidung zu treffen.

Steuererhöhungen oder Rationierung der Gesundheitsversorgung werden oft als die einzigen praktikablen Alternativen zur Kostenexplosion im Gesundheitswesen angesehen. Es gibt jedoch eine dritte Option: Aufklärung kann bessere Gesundheitsversorgung für weniger Geld ermöglichen. Das 21. Jahrhundert soll das Jahrhundert des Patienten werden. Regierungen und Institutionen müssen einen anderen Kurs einschlagen. Das heißt: ehrliche, transparente Informationen liefern und damit den Weg zu besseren Ärzten, besseren Patienten und letztlich auch einer besseren Gesundheitsversorgung bahnen.