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PKV PUBLIK AUSGABE 06/2011

PFLEGE

Die Zukunft der Pflegeversicherung

Wenn die junge Generation nicht überfordert werden soll, muss schnell mit dem Aufbau eines Kapitalstocks begonnen werden

Derzeit wird eine ergänzende kapitalgedeckte Pflegeversicherung unter Experten eifrig diskutiert. So auch auf der PKV-­Jahrestagung und auf der Pflegetagung des Instituts für Wirtschaft und Soziales. An der Notwendigkeit einer zusätzlichen Absicherung zweifelt dabei kaum jemand.

 

Volker Ulrich brachte es auf den Punkt: „Die Reform der Pflegeversicherung ist nichts für verzagte Gemüter“, sagte der Professor für Volkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaft aus Bayreuth auf der Tagung „Kapitaldeckung in der Pflege“ in Berlin. Hinter dieser einfachen Feststellung steckt die Tatsache, dass die Zahl der Älteren – und damit die Zahl der Pflegebedürftigen – in den kommenden Jahrzehnten rasant zunehmen wird. Gleichzeitig gibt es immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter, die die daraus entstehenden Kosten tragen können, die sie im umlagefinanzierten System der gesetzlichen Pflegeversicherung jedoch finanzieren müssen.

Möchte man angesichts dieser Entwicklung das bestehende Niveau der Leistungen aus der Pflegeversicherung wenigstens halten oder sogar noch erweitern, bieten sich letztlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder die zusätzlichen Belastungen werden den zukünftigen Generationen aufgebürdet, indem schlichtweg nichts unternommen wird. Oder man sorgt heute schon mittels Kapitaldeckung für die Zukunft vor. Die erste Möglichkeit verbietet sich eigentlich von selbst. Denn Nichtstun hieße, die Augen vor der Realität zu verschließen und den heutigen Kindern eine schier nicht zu bewältigende finanzielle Belastung aufzubürden. Die zweite ist die vernünftige. Denn damit könnten die zukünftigen Lasten zumindest zu einem Teil schon heute vorfinanziert werden. Dies bedeutet aber auch, dass heute schon jeder einen zusätzlichen Teil seines Einkommens in die Vorsorge investieren muss. Diese Tatsache indes wird von vielen Politikern nur ungern offen ausgesprochen. So vermied selbst der ehemalige Gesundheitsminister Philipp Rösler, der 2011 zum Jahr der Pflege ausgerufen hatte, öffentlich über die Finanzierungsseite der geplanten Pflegereform zu sprechen. Statt dessen beschränkte er sich lieber darauf, Pläne für mögliche Mehrleistungen zu entwerfen. Und auch sein Nachfolger Daniel Bahr hat sich bisher noch nicht dazu geäußert wie die im Koalitionsvertrag vereinbarte zusätzliche Kapitaldeckung in der Pflege konkret umzusetzen sei. Sie ist gleichwohl zwingend notwendig.

So kommt das Statistische Bundesamt in seiner koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung zu dem Ergebnis, dass der Anteil der Personen im erwerbsfähigen Alter an der Gesamtbevölkerung in den nächsten Jahrzehnten um mehr als ein Viertel schrumpfen wird. Hingegen wird sich der Anteil der über 80-jährigen bis zum Jahr 2050 verdreifachen. Gleichzeitig zeigt die Statistik, dass jeder Dritte über 80 Jahre ein Pflegefall ist. Allein anhand dieser wenigen Fakten wird deutlich, dass die Finanzierung der gesetzlichen Pflegeversicherung recht bald an ihre Grenzen stoßen wird.

Und die Veränderung der Altersstruktur ist noch längst nicht der einzige Faktor, der die Ausgaben im Pflegebereich verteuern wird. Professor Fritz Beske, Direktor des Kieler Instituts für Gesundheits-System-Forschung, stellte auf der Jahrestagung des Verbandes der Privaten Krankenversicherung neben dem demografischen Wandel noch weitere bedenkliche Entwicklungslinien vor. So ist aus seiner Sicht der medizinische Fortschritt der teuerste Faktor im Gesundheitswesen und damit auch im Pflegebereich. Beske argumentierte, der medizinische Fortschritt sei entscheidend für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung. Deswegen dürfe niemand von ihm ausgeschlossen werden.

Zudem änderten sich zunehmend die Versorgungsstrukturen Pflegebedürftiger. So sei in den Großstädten bereits heute jeder zweite Haushalt ein Einpersonenhaushalt. Wenn sich dieser Trend fortsetze – und danach sehe es aus – sänken auch die Möglichkeiten für eine häusliche Pflege durch Angehörige. Damit wird aber zunehmend eine Betreuung durch professionelle ambulante Pflegedienste oder in Pflegeheimen in Anspruch genommen werden. Das treibt wiederum die Kosten. Hinzu kommen angesichts des wachsenden Pflegebedarfs Investitionskosten in Milliardenhöhe für neue Pflegeplätze sowie steigende Personalkosten.

Als Fazit dieser Entwicklungslinien stellte Beske fest: „Es kommt der Zeitpunkt, zu dem es nicht mehr möglich sein wird, den bisherigen Leistungsumfang in Gesundheit und Pflege zu finanzieren.“

Vor dem Hintergrund der genannten Entwicklungen ist dabei das Hauptproblem, dass in der sozialen Pflegeversicherung (SPV), über die rund 90 Prozent der Menschen in Deutschland versichert sind, kaum Rücklagen bildet. Denn im Umlageverfahren der SPV werden die Einnahmen der Beitragszahler quasi postwendend zur Finanzierung der in Anspruch genommenen Leistungen verwendet. Eine nennenswerte Rücklage gibt es nicht. Die anfänglich gebildeten Reserven werden bald aufgebraucht sein. Wenn nun durch die demografische Entwicklung wie oben gezeigt immer mehr Pflegebedürftige immer weniger Beitragszahlern gegenüber stehen, wird klar, dass dieses System über kurz oder lang an seine Grenzen stößt.

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