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PKV PUBLIK AUSGABE 05/2011

IM GESPRÄCH

„Das ist eine Verbrauchertäuschung ersten Ranges“


Der Chefredakteur der Zeitschrift „Finanztest“, Hermann-Josef Tenhagen, spricht über unseriöse Werbeanzeigen und gibt Tipps für die Suche nach einer privaten Krankenversicherung.

 

Im Internet stößt man regelmäßig auf Anzeigen, mit denen private Krankenvollversicherungen für unter hundert Euro im Monat angeboten werden. Wie bewerten Sie solche Offerten?

Tenhagen:
Das ist eine Verbrauchertäuschung ersten Ranges. Denn viele private Krankenversicherungen bieten in der Regel sehr gute Leistungen an, die jedoch nicht billig sein können. Nach unseren Erfahrungen sollte ein 40jähriger für eine Vollversicherung rund 400 Euro monatlich einplanen. Deswegen bin ich über solche Billig-Angebote sehr irritiert.

Wer steckt hinter diesen Angeboten?

Tenhagen: Soweit wir das sehen, handelt es sich bei diesen Angeboten oft um Adresshändler, die die gesammelten Daten häufig an tatsächliche Versicherungsvermittler verkaufen, die dann damit arbeiten. Hier sehe ich auch die Versicherer in der Pflicht, die auf diesen Markt einen gewissen Einfluss haben. So sollten sie ihren Vertrieb dazu anhalten, von solchen Händlern keine Daten zu erwerben. Darüber hinaus gibt es auch viele Versicherer, die selbst offensiv mit sehr preiswerten Versicherungsbeiträgen für junge Menschen werben. Die Branche müsste aber deutlich machen, dass für ein gutes Produkt auch gutes Geld bezahlt werden muss. Das heißt auch, dass die Beiträge im Laufe eines Versichertenlebens normalerweise deutlich höher sind als in der gesetzlichen Krankenversicherung - das muss bei einem höheren Leistungsangebot auch so sein.

Viele Betreiber solcher Seiten sitzen im Ausland. Ist es möglich, gegen diese vorzugehen?

Tenhagen: Das gibt es. Aber man darf nicht vergessen, dass das Geschäft, das damit gemacht wird, auf den deutschen Markt abzielt. Schließlich werden die Adressen deutscher Kunden gesammelt und auch hier wieder verkauft. Deswegen sehe ich vor allem die Versicherungsunternehmen in der Pflicht, dagegen vorzugehen.

Wie sollten die Menschen mit solchen Lockvogel-Angeboten umgehen?

Tenhagen: Entsprechende Anzeigen im Internet sollten schlicht ignoriert werden. Gegen unerwünschte Werbe­mails haben sich Spam-Filter als recht wirkungsvoll erwiesen. Allerdings sollte man dann wöchentlich kontrollieren, ob nicht versehentlich eine seriöse Mail herausgefiltert wurde.

Was empfehlen Sie denjenigen, die doch ihre Daten auf einer dieser Seiten hinterlassen haben?

Tenhagen: Der erste Schritt sollte sein, vom Versender die sofortige Löschung der Daten zu fordern. Sollte das nicht zum Erfolg führen, empfehle ich, die Verbraucherzentralen zu informieren, die die Betreiber dann eventuell abmahnen können.

Welche Vorgehensweise empfehlen Sie, wenn sich jemand von sich aus für eine private Krankenversicherung interessiert und sich umfassend informieren möchte?

Tenhagen: Das wichtigste ist, sich darüber im Klaren zu sein, dass mehr Leistung auch mehr kostet und dass gegebenenfalls auch Ehepartner und Kinder eigene Beiträge zahlen müssen. Wenn man weiß, dass man dieses Geld auf Dauer aufbringen kann oder wenn man Beamter ist, bei denen die Beihilfe einen Teil der Krankheitskosten trägt, kann man bei einer privaten Krankenversicherung einen sehr guten Schutz erwarten. Die Stiftung Warentest bietet auf ihrer Internetseite eine Checkliste an, die dabei hilft, den Leistungsumfang von Angeboten zu prüfen. Wenn man diesen Service nutzt, kann man nicht all zuviel falsch machen. Aber immer daran denken: Eine gute private Krankenversicherung kann nicht billig sein.