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PKV PUBLIK AUSGABE 04/2011

TITEL

Hilfe im Pflegealltag

Die private Hilfe im PflegealltagPflegeberatung COMPASS unterstützt pflegende Angehörige bei der Suche nach Entlastungsmöglichkeiten


Eine Umfrage der privaten Pflegeberatung zeigt, dass bisher nur wenige Menschen von der neuen Familienpflegezeit Gebrauch machen wollen. Gleichzeitig ist der Beratungsbedarf pflegender Angehöriger sehr hoch.

 

Alfred Bergmann versorgt seit drei Jahren seine Ehefrau. Beide sind bereits über 80. Rita Bergmann hat Probleme beim Gehen, sie benutzt einen Rollator und kann sich auch nicht mehr alleine an- und ausziehen. Nachts wacht sie häufig auf und findet sich nur schwer zurecht. Zudem leidet die alte Dame an einer leichten Altersdepression. Das stellt Alfred Bergmann im Alltag vor große Probleme. Denn vieles, das seiner Frau früher Spaß gemacht hat, reizt sie aufgrund der Krankheit kaum mehr. Er versucht, sie in die Arbeiten in und um das eigene Haus einzubinden. Kartoffeln für das Mittagessen schälen, aufräumen, kleinere Arbeiten im Garten – der alte Herr muss jeden Tag aufs Neue überlegen, wie er seine Frau animieren kann, am gemeinsamen Alltag teilzuhaben.

Das ist eines der Themen, die Alfred Bergmann mit Johanna Wurm, der Pflegeberaterin von COMPASS, besprechen will. Er hat die Kontaktdaten von Frau Wurm von einem ehemaligen Arbeitskollegen erhalten, mit dem er noch in Verbindung steht. Viele Freundschaften pflegt der Rentner aus dem Bergischen Land inzwischen nicht mehr, da er sich fast ausschließlich um seine Frau kümmert. Ein Fulltime-Job, wie er der Pflegeberaterin bei ihrem ersten Gespräch berichtet. Sein ehemaliger Arbeitskollege hat sich an COMPASS gewandt, weil er ebenfalls Rat und Unterstützung bei der Versorgung seiner Frau brauchte. Sie hatte einen Schlaganfall erlitten und trotz körperlicher Einschränkungen war für das alte Ehepaar sofort klar: Sie bleiben auch bei Pflegebedürftigkeit zu Hause und organisieren Unterstützung durch Haushaltshilfe und ambulanten Pflegedienst. Das überlegt Alfred Bergmann nun ebenfalls. „Ich fühle mich manchmal mit der Situation überfordert. Die Kinder und Enkel kommen zwar häufig vorbei, aber der Großteil der Arbeit liegt doch bei mir“, erzählt er Johanna Wurm. „Früher haben wir gerne gemeinsam Urlaub gemacht. Zuerst zusammen mit den Kindern und als die beiden aus dem Haus waren, wir beide ganz alleine. Als wir jung verheiratet waren, konnten wir uns das nicht leisten“, erinnert sich der 83-Jährige. Die gemeinsamen Urlaube mit seiner Rita vermisst Alfred Bergmann sehr. „Ich weiß, dass wir wohl nicht mehr zusammen verreisen werden“, bedauert er. Johanna Wurm kann diesen Wunsch gut nachvollziehen und sieht eine Urlaubsreise des Ehepaares als gute Möglichkeit, um aus dem Alltagstrott herauszukommen und gemeinsam mal wieder etwas anderes zu sehen. Deshalb greift sie den Wunsch des Klienten auf und beginnt mit der Recherche.

In ihrem nächsten Beratungsgespräch kann sie Alfred und Rita Bergmann einige Angebote zeigen. Denn inzwischen haben sich einige Hotels nicht nur in Deutschland, sondern auch anderen europäischen Ländern auf den Urlaub von Menschen mit Hilfebedarf spezialisiert. Hier können pflegebedürftige Angehörige einmal eine Auszeit vom anstrengenden Pflege-Alltag genießen und neue Kraft tanken – zusammen mit ihrem pflegebedürftigen Familienmitglied. Fachkräfte übernehmen die Versorgung des Hilfebedürftigen. „Pflegehotels werden immer bekannter und beliebter. Wir erhalten zunehmend Fragen zum gemeinsamen Urlaub mit dem Pflegebedürftigen von unseren Anrufern“, sagt Helga Espeter aus der telefonischen Pflegeberatung von COMPASS. Die Entlastung pflegender Angehöriger sei häufig ein Grund für den Anruf bei der COMPASS-Pflegeberatung.

Denn die Familie bleibt Deutschlands Pflegedienst Nummer 1. Rund zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt – entweder vom Partner, den Kindern oder Enkelkindern alleine oder mit Unterstützung von ambulanten Einrichtungen. Oft genug betreuen und versorgen die Angehörigen ihr pflegebedürftiges Familienmitglied neben dem Beruf. Eine immense zeitliche, körperliche und emotionale Belastung für die Pflegenden, wie die Pflegeberaterinnen und Pflegeberater in ihrem Alltag immer wieder erfahren.

Die Bundesregierung hat mit der neu geschaffenen Familienpflegezeit auf die Herausforderung Pflege und Beruf reagiert. Ab Januar nächsten Jahres können Angehörige für zwei Jahre im Beruf kürzer treten, um sich um einen pflegebedürftigen Angehörigen zu kümmern. Dabei können sie für zwei Jahre ihre Arbeitszeit bis auf 50 Prozent reduzieren, erhalten aber mindestens 75 Prozent ihres vollen Gehalts. Als Gegenleistung müssen sie im Anschluss an die Familienpflegezeit bei ebenfalls 75 Prozent des Lohns Vollzeit arbeiten, bis das Zeitkonto wieder ausgeglichen ist. Eine Umfrage von COMPASS unter 1.077 Ratsuchenden in der telefonischen und aufsuchenden Pflegeberatung im Februar ergab, dass rund 25 Prozent der Befragten die Familienpflegezeit nutzen würden. Die Umfrage zeigt auch: Von der geltenden Regelung – maximal sechs Monate für die Pflege eines Angehörigen aus dem Beruf auszusteigen – machen lediglich rund 10 Prozent Gebrauch. Die Mehrzahl der Angehörigen lehnt einen vollständigen Ausstieg oder eine Reduzierung der Arbeitszeit aus finanziellen Gründen oder Furcht vor beruflichen Nachteilen ab. Dies bedeutet: Die Familien organisieren die Pflege des Familienmitglieds zusätzlich zu Job und anderen familiären Verpflichtungen. Eine Wahrnehmung, die auch die COMPASS-Pflegeberaterinnen und Pflegeberater im Gespräch mit den Ratsuchenden machen. „Für viele ist es selbstverständlich, die Eltern oder Großeltern mit zu versorgen, wenn diese pflegebedürftig werden. Oft genug können die Kinder oder Enkelkinder die Betreuung jedoch nicht vollständig übernehmen, zum Beispiel weil sie nicht in der gleichen Stadt oder der gleichen Region wohnen“, sagt Nicole Reinhardt, Abteilungsleiterin der COMPASS-Pflegeberatung.

Und selbst wenn mehr Menschen von den Möglichkeiten der Pflegezeit und der Familienpflegezeit Gebrauch machen würden, bliebe die Pflege von Angehörigen noch immer eine große körperliche und seelische Belastung. Daher werden die Entlastungsmöglichkeiten im Pflegealltag wohl auch in Zukunft zu den häufigen Anfragen in den Beratungsgesprächen von COMPASS zählen.

Eine Möglichkeit, um neue Kraft für die Pflege zu tanken, sind eben Pflegehotels. Sie bieten einen umfassenden Service sowohl für die pflegenden Angehörigen als auch für den Pflegebedürftigen. Mit Schlafzimmern, die durch eine Tür verbunden sind, oder auch in getrennten Schlafzimmern, damit der pflegende Angehörige im Urlaub auch einmal nachts durchschlafen kann, während eine Fachkraft den Partner versorgt. Mit einem Pflegebett, den notwendigen Hilfsmitteln und vor allem mit Pflegefachkräften, die sich um die hilfebedürftigen Urlaubsgäste kümmern. Johanna Wurm hat für die Bergmanns ein solches Pflegehotel gefunden. Direkt am Strand, an der Ostsee. Während eine Altenpflegerin Rita Bergmann morgens beim Waschen und Anziehen hilft, hat ihr Mann Zeit für sich selbst. Und nachts kümmert sich ebenfalls eine Altenpflegerin um Frau Bergmann, während Alfred Bergmann im Nebenzimmer durchschlafen kann.

Das Pflegehotel, sagt Johanna Wurm, ist nicht nur eine Alternative für Paare, die trotz Pflegebedürftigkeit noch gemeinsam ihren Urlaub verbringen wollen. Auch für Familien mit einem pflegebedürftigen Elternteil oder Kind bietet das Pflegehotel eine Möglichkeit, gemeinsam den Urlaub zu verbringen und sich dennoch Entlastung zu verschaffen. „Gerade wenn Kinder oder Schwiegerkinder Mutter oder Vater zu Hause versorgen, brauchen sie hin und wieder eine Auszeit vom anstrengenden Pflegealltag, um neue Kraft zu tanken“, weiß Johanna Wurm. Auch Eltern mit einem pflegebedürftigen Kind haben häufig das Gefühl, dass Geschwisterkinder zu kurz kommen. Im Pflegehotel übernehmen Fachkräfte während der Urlaubszeit die Versorgung der Pflegebedürftigen, sodass mehr Zeit für sich selbst, den Partner und die Kinder bleibt. Um die Pflegebereitschaft der Familie zu erhalten, sei es wichtig, den Angehörigen Entlastungs-Möglichkeiten aufzuzeigen. Das müsse nicht gleich ein Pflegehotel für den gemeinsamen Sommerurlaub sein. „Oft genügen schon wenige Stunden in der Woche, um vielleicht einem Hobby nachzugehen, Sport zu treiben, sich mit Freunden zu treffen oder einfach mal abzuschalten“, weiß Helga Espeter.

Entlastung pflegender Angehöriger – mit Fragen zu diesem Thema wenden sich viele Ratsuchende an COMPASS. Das zeigt auch eine aktuelle Klientenbefragung, die COMPASS im März 2011 durchgeführt hat. 45 Prozent der befragten Klientinnen und Klienten haben sich mit Fragen zu diesem Thema an die Pflegeberaterinnen und Pflegeberater gewandt. „Häufig wissen die Angehörigen nicht um die Möglichkeiten der Verhinderungs- und Kurzzeitpflege“, sagt Espeter. Wer ein Familienmitglied zu Hause versorgt, hat Anspruch auf eine Pflegevertretung, wenn er selbst zum Beispiel bei Krankheit verhindert ist. Verhinderungs- oder Kurzzeitpflege – die kleinen Entlastungen im Alltag, das sei für die Familien in der Regel wichtiger als etwa der gemeinsame Urlaub im Pflegehotel.

Alfred Bergmann ist begeistert von der Möglichkeit, mit seiner Frau ans Meer zu fahren. Der Urlaub ist mit Johanna Wurms Hilfe bereits gebucht. „Wir freuen uns riesig. Und ohne Frau Wurm hätten wir gar nichts von den Pflegehotels gewusst. Die Pflegeberatung ist eine tolle Sache“, resümiert der Rentner.

Hier finden Sie zwei Infografiken zum Thema als PDF-Download. (PDF-Dokument, 266.9 KB)