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PKV PUBLIK AUSGABE 04/2011

GASTBEITRAG

Keine Tabus im Arzt-Patienten-Gespräch


In einem von der PKV geförderten Projekt der Deutschen AIDS-Hilfe lernen Ärzte, wie sie mit ihren Patienten angemessen über Sexualität und sexuell übertragbare Infektionen sprechen.

Von Steffen Taubert

 

Richtig gesund fühlte sich der 41-jährige Mark schon lange nicht mehr. Immer wieder suchte er seinen Hausarzt auf: Mal war es eine langwierige Grippe, mal eine Lungenentzündung und dann eine hartnäckige Gürtelrose, die dem Schlosser zu schaffen machten. Die Ursache der ständigen Infektionen blieb im Unklaren. Mark ging es zunehmend schlechter. Nach einer Klinikeinweisung kam dann die Diagnose „HIV-positiv“ und zusätzlich „Aids-Vollbild“. Sein Arzt, so Mark, sei nie auf die Idee gekommen, einen Test zu machen.

Marks Erfahrungen sind nicht ganz untypisch. Obwohl die HIV-Infektion weltweit eine der folgenreichsten gesundheitlichen Bedrohungen darstellt, ist sie hierzulande für viele Ärzte eine seltene, fast exotische Erkrankung geblieben. Ein Grund hierfür mag darin liegen, dass sich die Virusinfektion in Deutschland nur sehr langsam und vorwiegend in bestimmten Bevölkerungsgruppen verbreitet hat. Jährlich infizieren sich etwa 3.000 Menschen neu. Männer, die Sex mit Männern haben (kurz: MSM), stellen dabei hierzulande wie in den meisten westlichen Ländern die größte Betroffenengruppe dar.

Auch wenn es nach wie vor keine Heilung gibt, kann die HIV-Infektion durch regelmäßige Einnahme antiviraler Medikamente verhältnismäßig gut behandelt werden – Aids ist heute eine vermeidbare Komplikation der HIV-Infektion.Wichtig ist jedoch der rechtzeitige Therapiebeginn, und dazu müssen Arzt und Patient um die Infektion wissen. Wenn Patienten von ihrem Arzt aber nicht als MSM wahrgenommen werden, wird an HIV oft gar nicht gedacht. Man schätzt, dass 25–30 Prozent aller HIV-Infizierten nichts von ihrer Infektion wissen.

Um auf dieses Thema aufmerksam zu machen, hat die Deutsche AIDS-Hilfe mit Unterstützung der Privaten Krankenversicherer im Herbst 2010 eine Fortbildungsreihe für Ärzte rund um das Thema Sexualität und Gesundheit gestartet.

In Tagesseminaren und Kongressworkshops erarbeiten die Trainer mit den Teilnehmern einen Zugang zu den Themen Sexualität, sexuelle Orientierung und Prävention von sexuell übertragbaren Infektionen. Hierbei geht es um Haltungen, manchmal Vorurteile, oft aber vor allem um die eigene Angst, anderen zu nahe zu treten. Wie erkenne ich, ob mein Patient über Sexualität sprechen will? Wann biete ich einen HIV-Test an und wie teile ich ein positives Ergebnis mit? Benötigen Männer, die Sex mit Männern haben, besondere Beratung?

Mit Fallbeispielen und in Rollenspielen wird geübt, mit Scham und Tabus umzugehen. Die Trainer ermuntern die Teilnehmer, authentisch zu bleiben und den Patienten offen zu begegnen. Der Austausch mit den Kollegen sowie die praktischen Übungen – das hat eine Auswertung der Uni Bayreuth ergeben – werden dabei als besonders hilfreich erlebt.

Gelegenheiten, diese Strategien kennenzulernen und zu erproben, bieten sich auch in diesem Jahr. Informationen zu den Fortbildungen in Form von Seminaren, Kongressworkshops und einem Qualitätszirkel gibt es im Internet.