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PKV PUBLIK AUSGABE 03/2011

IM GESPRÄCH

„Wir vermeiden Effekthascherei“


Die Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Prof. Dr. Elisabeth Pott, spricht über das Erfolgsgeheimnis der ausgezeichneten Präventionskampagne „Alkohol? Kenn Dein Limit.“

 
Prof. Dr. Elisabeth Pott
 

Die von der PKV ermöglichte Kampagne „Alkohol? Kenn dein Limit.“ wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. Dabei gab es Preise von Fachjurys ebenso wie vom Publikum. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?


Pott: Gerade junge Leute – die Zielgruppe dieser Kampagne – müssen so angesprochen werden, dass sie sich ernst genommen und nicht bevormundet fühlen. Der Slogan „Alkohol? Kenn dein Limit.“ appelliert daher gezielt an einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol und fordert nicht die völlige Abstinenz. Dies wäre auch unrealistisch. Gerade in der Altersgruppe der 16- bis 20-Jährigen – also denjenigen Jugendlichen, die nach dem Jugendschutzgesetz ja schon Alkohol trinken dürfen – hätten wir mit einer reinen Verbotskampagne mit Sicherheit ein Akzeptanzproblem. Mit der Botschaft „Kenn dein Limit“ empfehlen wir, dass sich Jugendliche über die Folgen von Alkoholkonsum informieren und bewusst damit umgehen. So ist eine ganz andere Akzeptanz garantiert. Dass die Kampagne auch in der Fachwelt, bei Multiplikatoren wie in der Kommunikationsbranche gut ankommt, freut mich sehr und zeigt, dass wir hohe Qualitätsstandards bei der medialen Umsetzung erfüllen.


Die Kampagne setzt bewusst nicht auf Abschreckung und auf abschreckende Bilder, wie etwa von jugendlichen Alkohol­opfern. Warum verzichten Sie auf dieses Instrument?


Pott: Je drastischer, desto wirksamer – diese einfache Gleichung geht nicht auf. Gerade schockierende Bilder haben in der Präventionsarbeit häufig einen gegenteiligen Effekt: Drastische Bilder erzeugen im ersten Moment eine hohe Aufmerksamkeit, eine ernsthafte und reflektierte Auseinandersetzung mit dem Thema Alkohol wird dadurch aber nur erschwert. Jugendliche identifizieren sich nicht mit solchen Bildern und fühlen sich auch nicht angesprochen. Es findet vielmehr ein Verdrängungsprozess statt: „So etwas würde mir ja nie passieren.“ Wir vermeiden daher Effekthascherei. Die Jugendlichen müssen sich vielmehr in dem, was sie sehen, auch wiederfinden können. Deshalb holen wir sie da ab, wo sie stehen, und das ist beispielsweise der harmlos beginnende Abend in der Diskothek oder die Trinkrunde zu Hause. Da setzt die Kampagne an und beschreibt die Situationen, die entstehen können, wenn man sein Limit eben nicht kennt und unkontrolliert mit Alkohol umgeht. Damit regen wir das kritische Nachdenken über das eigene Trinkverhalten an. Genau das ist eines unserer wichtigsten Präventionsziele.


Auf welchen Medienmix setzen Sie genau mit „Alkohol? Kenn dein Limit.“?


Pott: Eine Kampagne verdient nur dann den Namen „Präventionskampagne“, wenn sie sich aus vielfältigen Maßnahmen zusammensetzt, die auch Synergieeffekte erzeugen. Wir sprechen dann von einer integrierten Kampagne. Dazu gehören heute selbstverständlich die Massenmedien wie Zeitschriften, Jugendzeitungen und Plakate, aber natürlich zunehmend auch das Internet. Hier setzen wir auf eine interaktive Seite, die auch mit den sozialen Netzwerken Facebook, SchülerVZ oder StudiVZ verknüpft ist. So schaffen wir es, dass sich Jugendliche im Internet über die Risiken von hohem Alkoholkonsum informieren und sich dazu auch untereinander austauschen.


Dennoch sollte nicht ausschließlich die moderne Technologie im Mittelpunkt stehen, auch die persönliche Ansprache spielt eine große Rolle in der Kampagne. Deshalb haben wir die sogenannten Peers – das sind gleichaltrige Jugendliche – geschult, die bundesweit auf Konzerten oder in Diskotheken unterwegs sind und Jugendliche direkt zum Thema Alkohol ansprechen. Gerade diese Ansprache von Gleichaltrigen kommt sehr gut bei den Jugendlichen an. Es ist für sie einfach interessanter, sich auf Augenhöhe über die Risiken von Alkohol zu unterhalten.


Häufig werden stärkere gesetzliche Maßnahmen gefordert, um den Alkoholkonsum Jugendlicher einzudämmen, etwa durch ein generelles Werbeverbot für alkoholische Getränke. Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Verboten und Prävention?


Pott: Gesetzliche Regelungen sind natürlich wichtig. Ohne ein Jugendschutzgesetz, das grundlegend regelt, ab wann Jugendliche Alkohol trinken dürfen, geht es natürlich nicht. Wenn wir uns aber die Realitäten ansehen, so beobachten wir, dass selbst die unter 16-Jährigen, die noch gar keinen Alkohol trinken dürfen, ohne große Schwierigkeiten an alkoholische Getränke herankommen. Entscheidend ist daher, dass die geltenden Gesetze eingehalten werden. Es macht keinen Sinn, immer weitere Gesetze zu schaffen, ohne sicherzustellen, dass die vorhandenen auch beachtet werden. Das wiederum hängt ganz stark mit Aufklärungsmaßnahmen zusammen. Denn wenn Menschen den Sinn eines Gesetzes verstehen, werden sie sich auch eher daran halten. Im Falle des Jugendschutzgesetzes muss daher auch erklärt werden, warum Jugendliche unter 16 keinen Alkohol trinken dürfen und warum Jugendliche über 16 ihr Limit ganz genau kennen sollten.


Was muss aus Ihrer Sicht erreicht werden, damit man von einer erfolgreichen Präventionskampagne sprechen kann? Reichen die nun beobachteten leicht rückläufigen Zahlen aus oder brauchen wir eine tatsächliche Trendwende?


Pott: Man muss natürlich beachten, dass wir mit dieser von der PKV ermöglichten Kampagne in einer Zeit gestartet sind, in der es gesellschaftlich akzeptiert ist, dass zu fast jedem Anlass Alkohol getrunken wird. Ein kritischer Umgang mit Alkohol ist bei uns nicht wirklich verbreitet. Da kann man nicht davon ausgehen, dass es in kurzer Zeit (die Kampagne läuft seit etwa zwei Jahren) dramatische Änderungen geben wird. Wir beobachten aber, dass der regelmäßige Alkoholkonsum von Jugendlichen zurückgeht. Auch der Zeitpunkt des ersten Kontaktes mit Alkohol hat sich etwas nach hinten verlagert. Ein besonderes Problem stellt nach wie vor das exzessive Trinken dar. Hier können wir bislang leider noch keine deutlichen Rückgänge feststellen, an diesem Thema muss noch intensiver gearbeitet werden. Generell lässt sich aber sagen, dass man in der Präventionsarbeit immer längere Zeiträume beobachten muss, wenn man wirkliche Verhaltensänderungen feststellen will.