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PKV PUBLIK AUSGABE 02/2011

GESUNDHEITSPOLITIK

Gesundheit auf Türkisch

PKV finanziert Beratungsangebot für Menschen mit Migrationshintergrund


Die privaten Krankenver­sicherer beteiligen sich auf freiwilliger Basis an der Finanzierung der Unabhängigen Patienten­beratung Deutschland.

 

Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) hat ihren Beratungsbetrieb wieder aufgenommen. Nach einer zehnjährigen Modellphase, die Ende 2010 auslief, gehört die UPD jetzt zur gesetzlichen Regelversorgung. Ab sofort steht das Beratungsangebot für privat und gesetzlich Versicherte wieder mit Informationen zur Verfügung. Seit Februar sind eine für Anrufer aus dem Festnetz kostenfreie bundesweite Telefonberatungshotline sowie eine Informationsseite im Internet freigeschaltet worden. Im März werden 21 regionale Beratungsstellen eröffnet, in denen Juristen, Mediziner und Sozialpsychologen qualitätsgesichert und unabhängig Fragen von Patienten beantworten und Auskünfte rund um das Gesundheitswesen geben.

Die private Krankenversicherung (PKV) beteiligt sich freiwillig an der Finanzierung der Unabhängigen Patientenberatung. Diese Beteiligung entspricht einem Wunsch der Politik. Sie ist keine Selbstverständlichkeit, denn von der Sache her ist die UPD eigentlich eine rein staatliche Aufgabe, die somit aus Steuermitteln finanziert werden müsste. Aufgrund der angespannten Kassenlage des Bundes gibt es dafür auf absehbare Zeit allerdings keine realistischen Chancen. Vor diesem Hintergrund und mit Blick auf die gesamtgesellschaftliche Verantwortung der privaten Krankenversicherung hat sich der PKV-Verband freiwillig verpflichtet, sich an der Finanzierung der UPD zu beteiligen. Anders als die gesetzlichen Krankenkassen, die öffentlich-rechtliche Körperschaften sind, kann der Staat die privaten Krankenversicherungen als freie Unternehmen nicht per Gesetz zur Finanzierung der UPD verpflichten.

Der PKV-Verband stellt der UPD entsprechend dem Anteil der Privatversicherten sieben Prozent der gesetzlich vorgesehenen Fördermittel zur Verfügung. Das entspricht in diesem Jahr 364.000 Euro. Diese privaten Versichertengelder erhält die UPD zusätzlich zu den gesetzlichen Finanzmitteln.

Um zu vermeiden, dass ihre Mittel einfach in den großen Topf der UPD-Finanzierung fließen, hat die PKV in intensiven Verhandlungen erwirkt, dass diese Gelder ausschließlich und identifizierbar einem ganz neuen Zweck innerhalb der UPD dienen: Künftig soll ratsuchenden Menschen mit Migrationshintergrund gezielt ein muttersprachliches Beratungsangebot gemacht werden. Ihr Bedarf wurde bisher von der UPD nicht abgedeckt.

In Deutschland leben etwa 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Dies entspricht 19 Prozent der Gesamtbevölkerung. Gut drei Millionen Menschen haben ihre Wurzeln in der Türkei, 2,9 Millionen in den Nachfolgstaaten der ehemaligen Sowjetunion. Ihre Beratung bringt vielschichtige Herausforderungen mit sich. In der Zielgruppe befinden sich sowohl Menschen, die nicht lesen und schreiben können, und dadurch einem höheren Armuts- und Krankheitsrisiko ausgesetzt sind, als auch Menschen mit sehr hohem Bildungs- und Gesundheitsstand. Gleichwohl besteht für alle ein hoher Informations- und Beratungsbedarf aufgrund fehlender Kenntnisse über das deutsche Sozial- und Gesundheitssystem. Mangelnde Sprachkenntnisse erschweren die Orientierung und Nutzung der Angebote oft zusätzlich.

Insbesondere durch die sprachlichen Barrieren wird für diese Menschen ihre Situation als Patient erschwert. Allzu häufig sind die regulären Beratungsangebote auf deutschsprachige Verbraucher und Patienten ausgerichtet und gehen an den Bedürfnissen der Ratsuchenden mit Migrationshintergrund vorbei. Genau das will die private Krankenversicherung durch das muttersprachliche Beratungsangebot ändern.

Die UPD wird ab April qualifizierte Berater mit türkischen und russischen Sprachkenntnissen einsetzen, die über einen zweisprachigen, interkulturellen Ausbildungs- oder beruflichen Erfahrungshintergrund verfügen, um Ratsuchende in ihrer Muttersprache zu beraten. Zu dem Angebot gehören spezifische Internetauftritte und eine eigene Telefonhotline auf Türkisch und auf Russisch. Um den niedrigschwelligen Zugang zur muttersprachlichen Beratung zu gewährleisten, werden zeitnah zwei zusätzliche kostenlose eingängige 0800-er Telefonnummern zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus werden in vier Ballungsräumen mit besonders hohem Migrantenanteil direkt vor Ort muttersprachliche Beratungseinrichtungen angeboten. Die Standorte sind Berlin, Nürnberg, Stuttgart und Dortmund. Eine überregionale Kompetenzstelle soll überdies auf die interkulturelle Öffnung der gesamten unabhängigen Patientenberatung einwirken.

Muttersprachliche Verbraucher- und Patienteninformationen sollen vorzugsweise auf Türkisch und Russisch erfolgen. Um darüber hinaus Barrierefreiheit für weitere Ratsuchende mit Migrationshintergrund und mit sozialer Benachteiligung zu erreichen, werden die Patienteninformationen auch in einer besonders leicht verständlichen deutschen Version zur Verfügung gestellt. Zudem kann in begründeten Ausnahmefällen die Vermittlung von möglichst kostenfreien Dolmetscherdiensten in Anspruch genommen werden.

Die muttersprachliche Beratung ist ein sehr innovatives und in seinem Umfang ein in Deutschland bisher einmaliges Projekt. Wenn es um die Gesundheit der Menschen in unserem Land geht, sollten keine Sprachbarrieren im Wege stehen. Im vergangenen Jahr wurde viel über Integration gesprochen. Wer wirklich Integration in unserer Gesellschaft will, der muss in seinem Verantwortungsbereich ganz konkret etwas dafür tun. Die private Krankenversicherung ist dazu bereit und geht mit gutem Beispiel voran.