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PKV PUBLIK AUSGABE 02/2011

TITEL

Gesprächsstoff

Das PKV-Konzept für eine neue Gebührenordnung fördert die persönliche Zuwendung des Arztes


Die private Krankenversicherung hat ein umfassendes Modell für die Reform der Gebührenordnung für Ärzte entwickelt. Es basiert auf einer soliden betriebswirtschaftlichen Kalkulation und fördert die persönliche Zuwendung zum Patienten.

 

In einem sind sich die Ärzteschaft und die private Krankenversicherung völlig einig: Die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) bedarf einer grundlegenden Reform, nachdem sie seit Jahrzehnten in weiten Teilen nicht mehr aktualisiert worden ist. Daher hat der Verband der privaten Krankenversicherung (PKV) für die Reform der GOÄ ein umfassendes Modell erarbeitet, das dem Bundesgesundheitsministerium zusammen mit einem Vorschlag der Bundesärztekammer (BÄK) nun als Grundlage für die Neuentwicklung dient. Das Ministerium hat dem Bundestag offiziell mitgeteilt, dass es noch in diesem Jahr mit den fachlichen Vorarbeiten zur GOÄ-Novelle beginnen will.

Es liegt in der Natur der Sache, dass zwischen dem Erbringer einer Leistung und dem Kostenträger häufig unterschiedliche Vorstellungen über die angemessene Vergütungshöhe bestehen. Deswegen ist es zwingend erforderlich, dass eine neue GOÄ auf der Grundlage transparenter betriebswirtschaftlicher Kalkulationen gebildet wird. Das Konzept der PKV erfüllt diese Voraussetzung, es basiert auf den besten verfügbaren Kostendaten für die ambulante medizinische Behandlung.

Mehr Zeit für den Patientenkontakt nehmen

Das PKV-Modell sieht vor allem eine deutliche Stärkung der „sprechenden Medizin“ vor. Die persönliche Zuwendung des Arztes soll durch eine relativ stärkere Honorierung der aufgewendeten Zeit vergütet werden, während im Gegenzug rein technische Leistungen relativ niedriger vergütet werden sollen. Dies erhöht nicht nur den Anreiz, sich für den Patientenkontakt mehr Zeit zu nehmen, sondern erleichtert den Patienten gleichzeitig die Rechnungsprüfung. Zudem werden damit Fehlanreize zu medizinisch nicht notwendigen Mengenausweitungen unterbunden. Dass es solche Fehlanreize heute gibt, beweist zum Beispiel die Tatsache, dass in der Labormedizin die Pro-Kopf-Ausgaben für Privatversicherte fünfmal so hoch sind wie für Kassenpatienten (siehe Kasten unten auf der Seite).

Eines der Kernprobleme der geltenden GOÄ ist, dass sie den medizinisch technischen Fortschritt nicht berücksichtigt. Um zu verhindern, dass auch eine reformierte Gebührenordnung in wenigen Jahren wieder veraltet, muss ein Instrument zur laufenden Aktualisierung geschaffen werden. Auch dies ist im PKV-Modell enthalten.

Öffnungsklausel

Welchem Konzept die Reform auch folgen mag, die Gebührenordnung für Ärzte wird immer eine staatliche Verordnung mit starren Vorgaben bleiben. Sie lässt keinen Spielraum, um etwa innovative Lösungen zur Verbesserung der Behandlungsqualität zu erproben und einzuführen. Aus diesem Grund setzt die PKV auf die Einführung einer sogenannten Öffnungsklausel, die es Ärzten und PKV erlaubt, in gegenseitigem Einvernehmen und mit Einverständnis des Patienten/Versicherten von der Gebührenordnung abweichende Vereinbarungen im Sinne der Patienten zu treffen.

Allerdings erkennen viele Ärztefunktionäre die Chancen einer solchen Öffnungsklausel noch nicht. Dabei kämen Vereinbarungen abweichend von der Gebührenordnung für Ärzte nur zu Stande, wenn beide Seiten darin Vorteile sehen und beide die Verträge unterschreiben. Davor sollten die Verfechter selbstbewusster Freiberuflichkeit eigentlich keine Scheu haben.

Dies sieht offenkundig auch die Ärztebasis so. In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid unter 200 niedergelassenen Ärzten im Januar 2011 befürwortet die absolute Mehrheit von 57 Prozent der Ärzte die Einführung einer Öffnungsklausel, die es ihnen ermöglichen würde, gemeinsam mit der PKV von der staatlichen Gebührenordnung abweichende Vereinbarungen zu treffen.

Noch höher sind die Zustimmungsraten, wenn nach konkreten Inhalten möglicher Vereinbarungen gefragt wird: Fast 70 Prozent der Ärzte sind bereit, Qualitätsverträge außerhalb der Gebührenordnung abzuschließen. Mehr als 80 Prozent der befragten Ärzte könnten sich Verträge über eine Arzneimittelberatung vorstellen. Die große Mehrheit der Ärzte sieht also in der Möglichkeit zu eigenen Qualitätsverträgen mit der PKV keine Bedrohung, sondern vielmehr neue Chancen.

Bedenken der Ärzteverbände

Dennoch machen viele Ärztefunktionäre Front gegen solche neuen Vertragsinstrumente. Sie prophezeien düster, eine Öffnungsklausel führe zu „Dumpingpreisen“. Diese Sorge ist jedoch völlig unbegründet. Denn eine betriebswirtschaftlich sauber kalkulierte neue Gebührenordnung würde eine Preisuntergrenze bilden. Auf  deren Basis könnten dann mittels einer Öffnungsklausel besondere Vereinbarungen von Ärzten und PKV über Qualität, Menge und Honorierung aufsetzen. Ohnehin können Vereinbarungen abweichend von der GOÄ am Ende nur zu Stande kommen, wenn auch die Ärzte die entsprechenden Verträge unterzeichnen – sie hätten es daher selbst in der Hand. Die Sorgen der Ärzteverbände sind also bei ruhiger Betrachtung nicht nachvollziehbar.

Im Unterschied zum PKV-Modell mit seinen betriebswirtschaftlich kalkulierten Basisdaten für die neue GOÄ geht der Vorschlag der Bundesärztekammer, soweit er bisher bekannt ist, von einem „normativen Bewertungsansatz“ aus. Die Ärztekammer will also nicht die tatsächlichen Kosten zur Grundlage einer neuen GOÄ machen, sondern „normativ“ nach eigenem Gusto beziffern, welche Bezahlung sie entsprechend der ärztlichen Selbsteinschätzung für angemessen hält. Objektive betriebswirtschaftliche Daten können sich aber nur auf reale, nachvollziehbar kalkulierte Kosten beziehen. Für die von der Bundesärztekammer irgendwie einberechnete subjektive „Wertschätzung der ärztlichen Leistung“ die Formulierung „betriebswirtschaftliche Kalkulation“ zu benutzen, erscheint daher etwas verwegen.

Das Modell der Bundesärztekammer   

Die Bundesärztekammer beruft sich in ihrem Modell auf eine „empirisch abgestützte betriebswirtschaftliche Kalkulation ihrer Gebührenvorschläge“. Diese „empirische Abstützung“ scheint sich allerdings im Wesentlichen auf eine bloße Meinungsumfrage unter Ärzten zu beschränken, wie sie die einzelnen Gebührenpositionen jeweils kalkulieren. Das hat freilich wenig mit einer nachprüfbaren Datenbasis zu tun, sondern erinnert eher an eine Umfrage unter Fröschen zur Bestimmung des angemessenen Wasserstandes in ihrem Tümpel.

Schiefe Argumente

Wenig überzeugend ist auch der Verweis der Bundesärztekammer, seit 1983 sei der GOÄ-Punktwert nur um 14 Prozent angehoben worden, während die Inflationsrate rund 69 Prozent betragen habe. Entscheidend für die ärztlichen Einnahmen aus der Behandlung Privatversicherter ist nicht allein der Punktwert, sondern auch der Steigerungsfaktor und die erbrachte Menge an Leistungen. Die Fakten sprechen für sich: Die Pro-Kopf-Ausgaben für die ambulante Arztbehandlung von Privatpatienten sind seit 1983 von damals 240 Euro auf 822 Euro im Jahr 2009 gestiegen, also um mehr als 240 Prozent. Das ist mehr als dreimal so viel wie die allgemeine Preissteigerung in Deutschland.

Dennoch hat die Bundesärztekammer in einem offenen Brief an den Bundestag allen Ernstes behauptet, die Ausgabenentwicklung für ärztliche Leistungen in der privaten Krankenversicherung sei nicht so problematisch, weil die Pro-Kopf-Ausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung von 2008 auf 2009 mit 6,9 Prozent deutlich stärker gestiegen seien als in der PKV mit 2,1 Prozent. Hier hat die BÄK willkürlich ein einzelnes Ausnahmejahr herausgegriffen, doch die langfristige Entwicklung spricht eindeutig eine andere Sprache: Die Pro-Kopf-Ausgaben für die ambulante Arztbehandlung von Privatpatienten stiegen seit 1999 von damals 583 Euro auf 822 Euro im Jahr 2009, also um fast 41 Prozent – 1,7-mal stärker als in der gesetzlichen Krankenversicherung. Der einzelne Daten-„Ausreißer“ für 2009 beweist also gar nichts. Er kam nur deshalb zustande, weil die damalige Gesundheitsministerin kurz vor der Bundestagswahl 2009 eine milliardenschwere Sonder-Honorarerhöhung zu Gunsten der Kassenärzte verordnet hatte.

Ebenso wenig überzeugt die Behauptung der Bundesärztekammer, der Anteil der Ausgaben für ambulante privatärztliche Leistungen an den Gesamtausgaben der privaten Krankenversicherung liege seit 15 Jahren relativ konstant bei durchschnittlich 25 Prozent. Hier unterliegt die Bundesärztekammer einem Irrtum. Denn der Anteil der ambulanten privatärztlichen Leistungen (ohne Heilpraktiker) an den Gesamtausgaben der PKV ist in den letzten Jahren mitnichten konstant geblieben. Er stieg von 23,1 Prozent im Jahr 1999 auf 25,1 Prozent im Jahr 2009. Diese zwei Prozentpunkte Differenz bedeuten „in echtem Geld“ insgesamt 2,22 Milliarden Euro höhere Ausgaben. Angesichts dieser Fakten so tun zu wollen, als gäbe es gar kein Kostenproblem, heißt die Wirklichkeit zu verleugnen.

PKV bleibt eine budgetfreie Zone

Die seit 2009 geltende allgemeine Pflicht zur Versicherung bedeutet für die private Krankenversicherung eine Verpflichtung, im Versicherteninteresse für die Qualität und Bezahlbarkeit der Leistungen einzustehen. Letztlich liegt es im gemeinsamen Interesse von Ärzten und PKV, das Leistungsversprechen der privaten Krankenversicherung werthaltig und zu tragbaren Kosten für die Versicherten einzulösen. Denn die private Krankenversicherung ist und bleibt im Unterschied zur gesetzlichen Krankenversicherung eine budgetfreie Zone mit deutlich größeren Freiheitsgraden für die Ärzte.

Die PKV setzt auf sachliche Beratungen

Die private Krankenversicherung setzt darauf, dass ihr GOÄ-Modell diese Stärken betont, den Ärzten eine angemessene Vergütung sichert und beiden Seiten mehr Handlungsspielräume ermöglicht. Dabei setzt die private Krankenversicherung weiterhin auf sachliche Beratungen gemeinsam mit der Bundesärztekammer, den Vertretern der Beihilfe und dem Bundesgesundheitsministerium, um möglichst rasch zu einer tragfähigen Reform der Gebührenordnung für Ärzte zu kommen.

 
 

Ärzte-Irrtum über die Kosten der Labormedizin

Die Studie des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP), wonach die Laborausgaben pro Kopf bei Privatpatienten fünfmal so hoch sind wie bei gesetzlich Versicherten (PKV Publik 9/2010: „Labor zum Gelddrucken“) hat die Bundesärztekammer zu heftigem Widerspruch herausgefordert – der freilich nach hinten losging.

In einem offenen Brief an die Abgeordneten des Bundestages wies der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, die Behauptung der fünffachen Laborausgaben bei Privatversicherten zurück und sprach von „fragwürdigen, irreführenden Darstellungen“. Die Daten der WIP-Studie von 129 Euro Laborausgaben je PKV-Versicherten und 26 Euro je GKV-Versicherten nannte Hoppe einen Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Bei korrekter Vorgehensweise liege der Vergleichsfaktor wesentlich niedriger, nämlich 80 zu 26 Euro, behauptete der Ärztepräsident.

An diesen Zahlen ist zweierlei bemerkenswert. Erstens räumte Hoppe damit ein, dass selbst nach Berechnungen der BÄK die Ärzte bei Privatpatienten mehr als das Dreifache an Laborausgaben veranlassen. Schon dies wäre freilich ein viel zu großer Unterschied zu gesetzlich Versicherten, für den es keine medizinische Begründung gibt.

Zweitens musste die Ärztekammer wenig später auf Fragen nach möglichen Ursachen der Zahlenunterschiede einen großen Irrtum eingestehen: Sie hatte bei ihren Berechnungen ganz offensichtlich übersehen, dass fast die Hälfte der Privatversicherten beihilfeberechtigt ist und somit nur einen Teil ihrer Ausgaben für Laborleistungen von der PKV erstattet bekommt. Zu einem vollständigen Bild gehören daher auch die Ausgaben der Beihilfe, die in der Vergleichsrechnung des Wissenschaftlichen Instituts der PKV methodisch richtig berücksichtigt sind. In der Rechnung der BÄK hingegen fehlen sie – sodass hier etwa 40 Prozent des relevanten Kostenvolumens unberücksichtigt blieben. So wurde aus dem Versuch einer Gegendarstellung quasi eine Bestätigung der fünffach höheren Laborausgaben. Eine medizinische Begründung dafür gibt es von der Bundesärztekammer bis heute nicht.