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„Wir müssen die Ausbreitung des Coronavirus bremsen“

PKV-Verband

© Dr. Norbert Loskamp, medizinscher Leiter beim PKV-Verband

 

19.03.2020

Die aktuelle Lage zur Corona-Pandemie in Deutschland ist ernst. Das Robert Koch-Institut hat erstmals über 10.000 registrierte Infektionsfälle vermeldet. Über die notwendigen Maßnahmen zur Bekämpfung der weiteren Ausbreitung haben wir mit Dr. Norbert Loskamp, medizinischer Leiter beim PKV-Verband, gesprochen.

Herr Loskamp, in den letzten Tagen ist die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus stark angestiegen. Das Robert Koch-Institut hat die Gesundheitsrisiken als „hoch“ eingestuft und Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Bevölkerung dazu aufgerufen, soziale Kontakte einzuschränken. Ist die Ansteckungsgefahr in der Bevölkerung tatsächlich so hoch?

Das ist sie tatsächlich. Wir haben in den ersten Wochen des Infektionsverlaufs in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern, eine zehnfache Steigerungsrate innerhalb von zehn Tagen gesehen. Unbekannt ist zudem, wie viele Menschen sich schon mit dem Virus angesteckt haben, ohne es zu wissen und ohne dass es einen Labornachweis gibt. Das ist die sogenannte Dunkelziffer. Das stellt ein erhebliches Risiko dar, weil diese Personen ebenfalls Überträger sein können.

Gibt es Bevölkerungsgruppen, für die ein besonders hohes Krankheitsrisiko besteht?

Sich anstecken und krankwerden können prinzipiell Menschen aller Altersstufen. Besonders gefährdet für eine schwere Erkrankung sind vor allem Menschen ab 60 bis 70 Jahren – und dann vor allem Menschen mit Diabetes oder chronischen Lungenerkrankungen sowie Tumorpatienten. In diesen Erkrankungs- und Altersgruppen gibt es besonders viele Menschen, die schwer krank werden und möglicherweise auch versterben.

In den Medien wird jetzt sehr oft von der Infektionskurve gesprochen und davon, dass wir sie abflachen müssen. Was genau zeigt eine Infektionskurve und warum ist deren Verlauf generell wichtig?

Die Infektionskurve zeigt uns die Anzahl der Menschen an, die in einem bestimmten Zeitraum infiziert sind. Wir reden bei Corona von einem Zeitraum von zehn bis 14 Tagen. Und diese infizierten Menschen können einerseits das Virus weitergeben. Aber sie sind andererseits auch potentielle Patienten, die schwer erkranken und dann im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Bei den behandlungsbedürftigen Patienten geht man davon aus, dass ungefähr zehn Prozent schwer krank werden. Die genaue Anzahl der Patienten, die dann eine Intensivbehandlung brauchen, ist sehr schwer abzuschätzen. Man kann schätzungsweise von zwei Prozent ausgehen. Bei dieser Rate muss man sehen, ob die Kapazitäten für Intensivbehandlungen überhaupt ausreichen.

 

Interview Mit Dr. Norbert Loskamp zur Ausbreitung des Coronavirus

Ist denn das deutsche Gesundheitssystem auf die Herausforderung vorbereitet?

Grundsätzlich ist das deutsche Gesundheitssystem gut vorbereitet. Wir haben in Deutschland eine relativ hohe Anzahl von Intensivbehandlungsplätzen – höher als in Spanien, England oder auch Italien. Man muss aber auch sagen, dass hier irgendwann Kapazitätsgrenzen erreicht werden.

Von den rund 28.000 Intensivbetten kann man etwa die Hälfte freimachen, indem man keine geplanten Operationen mehr durchführt oder Patienten entlässt, bei denen es möglich ist. Für die Behandlung von Corona-Patienten würden dann rund 14.000 Betten zur Verfügung stehen. Wenn man jetzt davon ausgeht, dass wir zu einem bestimmten Zeitpunkt ungefähr eine Million Infizierte gleichzeitig haben und davon zwei Prozent intensivpflichtig werden, dann sind das 20.000 Patienten. Das ist eine enorme Anzahl. Die kann man bewältigen, aber dazu müssen sich die Krankenhäuser noch weiter vorbereiten.

Virologen gehen davon aus, dass bis zum Ende der Pandemie 60 bis 70 Prozent der Deutschen mit dem Coronavirus in Kontakt kommen werden. Wenn das ohnehin der Fall sein wird: Warum ist es dennoch so wichtig, die Ausbreitung zu bremsen?

Wenn die Infektionszahlen mit dem bisherigen Tempo weiter steigen, wären wir in einigen Wochen, vielleicht 2 Monaten, bei einer Zahl von mehreren Millionen Menschen, die gleichzeitig an dem Coronavirus erkrankt wären. Das würde die Behandlungskapazitäten der Krankenhäuser, insbesondere der Intensivstationen, definitiv überfordern. Deshalb muss die Verbreitung des Virus jetzt stark zurückgedrängt werden.

Was kann man denn selbst dafür tun, dass sich diese Kurve abflacht?

Also man muss sich an alle Maßnahmen halten, die im Augenblick überall verkündet und gefordert werden. Das heißt soziale Kontakte einschränken, möglichst auf die eigene Hygiene achten. Im Zweifel auch mal einfach zu Hause bleiben und so die Mitmenschen und sich selber schützen. 

 

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