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„Wir haben die Corona-Krise gut gemeistert“

© Stiftung Gesundheitswissen

 

23.07.2020

Professor Ferdinand Gerlach, Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, zieht im Interview mit dem Verband der Privaten Krankenversicherung eine erste Zwischenbilanz zur Corona-Pandemie. Inzwischen lässt sich erkennen, wo das Gesundheitssystem seine Stärken zeigte, so Gerlach, und was Deutschland aus dem bisherigen Verlauf der Pandemie lernen kann.

Herr Professor Gerlach, wir sind in die Krise im Blindflug gestartet. Was ist da instinktiv richtig, was vielleicht auch weniger gut gemacht worden? Und sehen wir heute klarer?

Ich denke, wir haben die Krise gut gemeistert. Ich persönlich bin froh, dass ich sie in Deutschland durchleben durfte und nicht in Italien, Frankreich oder gar Spanien.

Wir haben auch ein bisschen Glück gehabt. Wir waren zeitlich später dran, und wir konnten uns anschauen, was in Italien passierte, und uns vorbereiten. Aber wir sind am Anfang tatsächlich im Blindflug da rein. Im Gesundheitssystem haben wir eine Vollbremsung gemacht. Es wurden Operationen verschoben, Reha-Kliniken und Psychiatrien leer geräumt. Ganz viele Betten standen frei. Man hat Intensiv-Kapazitäten freigehalten und aufgebaut. Jetzt wissen wir, dass diese Vollbremsung so gar nicht nötig gewesen wäre. Aber hinterher ist man immer schlauer. Ich will nicht behaupten, ich hätte es vorher besser gewusst. Im Gegenteil, es ist richtig gewesen, erst auf Nummer sicherzugehen.

Inzwischen haben wir bessere Daten und wissen viel mehr über die Auslastung. Wir hatten Hunderttausende von leer stehenden Krankenhausbetten. Die Leute haben den Pflegekräften applaudiert, aber viele von denen waren gleichzeitig in Kurzarbeit. Psychiatrien und Reha-Kliniken standen leer. Auch viele Intensivbetten wurden Gott sei Dank nicht gebraucht. Das wussten wir vorher nicht. Inzwischen haben wir bessere Instrumente, mit denen wir sehen können, wie die Real-time-Auslastung des Gesundheitssystems ist.

 

Welche anderen Gründe gibt es außer dem Faktor Glück und Zeit dafür, dass wir in Deutschland etwas besser aufgestellt waren, als unsere europäischen Nachbarländer?

Zum Beispiel haben wir nicht wie in Bergamo zugelassen, dass 50 Prozent der Infizierten und Verdachtsfälle in die Krankenhäuser gegangen sind. Oder fast zwei Drittel, wie in Frankreich. Bei uns gab es die Praxen und die Testzentren der Kassenärztlichen Vereinigungen, die das verhindert haben. Wir hatten also den Vorteil, dass infizierte Patienten nicht ins Krankenhaus gegangen sind, um dort noch andere anzustecken. Das ist in den genannten Ländern ein Riesenproblem gewesen. Die Krankenhäuser waren die Superspreader.

Der ambulante Sektor hat funktioniert. Dann haben wir sehr früh das DIVI-Intensivregister aufgebaut. Vorher wussten wir nicht, wie viele Betten belegt sind und wie viel freie Intensivbetten und Beatmungskapazitäten zur Verfügung stehen. Das wissen wir jetzt durch eine freiwillige Initiative einer privaten Fachgesellschaft. Inzwischen ist es verpflichtend für alle, und das ist gut so.

Kann man sagen, dass es auch strukturelle Gründe gibt, dass die Leute zum Arzt gehen konnten?

Wir haben eine enorme Laborkapazität. Wir haben am Anfang sehr viel mehr getestet und deutlich schneller als alle anderen. Da haben uns unsere Strukturen geholfen.

Wir haben auch eine hohe Intensivkapazität, bezogen auf die Bevölkerung. Das haben wir jetzt noch einmal bestätigt bekommen. Die ist ungefähr dreimal so hoch pro Einwohner, wie in Italien.

Und da wir in der pandemischen Welle später dran waren, konnten wir früher reagieren. Wir haben Großveranstaltungen untersagt sowie Mund-Nasen-Schutz und Abstandsregeln eingeführt. Dadurch ist diese Überlastung des Gesundheitssystems, wie wir sie befürchtet haben, einfach niemals eingetreten.

Lernen wir im Augenblick etwas, was uns im Gesundheitswesen insgesamt auch mal hilft, wenn die Corona-Krise eines Tages hoffentlich überstanden ist?

Wir nehmen eine ganze Menge mit, das würde jetzt fast den Rahmen sprengen. Ich nenne als ein Beispiel den öffentlichen Gesundheitsdienst. Jahrzehntelang vernachlässigt, geradezu ausgeblutet. Wir haben gesehen, dass er fehlt und dass wir ihn dringend brauchen. Der wird jetzt personell besser ausgestattet und bezahlt. Die Ämter kriegen endlich die Digitalisierung, über die seit Jahren diskutiert wird, und können in Zukunft ihre Aufgabe hoffentlich besser übernehmen. Die Krise beschleunigt die Einführung digitaler Prozesse und verbessert die Kommunikation. Und daher bin ich sehr optimistisch, dass wir auch an anderen Stellen noch große Lernchancen haben und die Erkenntnisse nutzen können, um unser System stabiler und besser zu machen.

 

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