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PKV bleibt Innovationsmotor bei Arzneimitteln

14.08.2017

Das duale Krankenversicherungssystem aus GKV und PKV fördert den Markteintritt neuer Arzneimittel. Das belegt eine neue Studie des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP) über die Arzneimittelversorgung von Privatversicherten. Die Daten zeigen: Im ersten Jahr nach Markteintritt eines Medikaments nimmt die Zahl der abgegebenen Packungen in der PKV deutlich stärker zu als in der Gesetzlichen Krankenversicherung (plus 108 Prozent gegenüber plus 82 Prozent).

Auch im zweiten Jahr bleibt der Anstieg in der PKV mit 34 Prozent deutlich höher als in der GKV mit elf Prozent. Ab dem dritten Jahr lässt sich dann für die GKV eine stärkere Zunahme der Verordnungszahlen als in der PKV feststellen, sodass es allmählich zu einer Angleichung kommt.

Dass die GKV-Versicherten – zeitlich versetzt – die neuen Medikamente ebenfalls erhalten, ist ein Indiz dafür, dass es sich um Medikamente handelt, die letztlich ihren Platz in der Standardtherapie finden und damit allen zugute kommen.

Die größere Therapiefreiheit bei Arzneimitteln in der PKV kommt auch Herstellern und Apotheken zugute.

Den Arzneimittel-Herstellern kommt dank der PKV damit ein Mehrumsatz zugute, mit dem sie unter anderem ihre Forschungs- und Entwicklungskosten refinanzieren können. Grund dafür ist laut WIP die unterschiedliche Erstattungsweise in beiden Systemen: Zwar gelten die zwischen den Pharma-Firmen und dem GKV-Spitzenverband (im Benehmen mit dem PKV-Verband) verhandelten Preise für neue Arzneimittel gleichermaßen für Gesetzliche und Private Krankenversicherung. In der Verordnungspraxis ergeben sich aber deutliche Unterschiede: „In der GKV kommen eine Vielzahl von Steuerungsinstrumenten wie Arzneimittelvereinbarungen, Richtgrößenprüfungen, kassenspezifische Zielquoten, Selektivverträge und Arzneimittelrichtlinien zur Anwendung“, erläutern die Studien-Autoren Frank Wild und Christian Jacke. Bei zu vielen bzw. zu kostenintensiven Verschreibungen müssen Kassenärzte sogar finanzielle Nachteile in Form von Regressen befürchten.

Für den verordnenden Arzt ergibt sich dadurch in den ersten Monaten nach Zulassung eines neuen Medikaments ein Risiko, da er erst nach Abschluss der Preisverhandlungen beurteilen kann, wie es sich preislich im Vergleich zu etablierten Wirkstoffen einordnet und ob es aus Sicht der gesetzlichen Kassen wirtschaftlich ist. Also verhält er sich vorsichtig. „Vor allem bei teureren Medikamenten ist damit zu rechnen, dass der Arzt abwartend verordnet“, so das WIP.

Bei der Versorgung privatversicherter Patienten gibt es solche Sanktionen nicht. Die Mediziner können sich ausschließlich an den Vor- und Nachteilen der jeweiligen Therapie sowie an den Bedürfnissen ihrer Patienten orientieren. Außerdem erstatten die PKV-Unternehmen anders als gesetzliche Kassen auch Kosten für medizinisch notwendige, aber nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel, wovon die Versicherten ebenfalls profitieren.

Es gibt bei Privatpatienten auch keine Pflicht für Ärzte und Apotheker, vorrangig auf Generika zu setzen. Das sind Wirkstoffe, für die der Patentschutz abgelaufen ist und die nun von alternativen Herstellern kopiert und günstiger als das Original angeboten werden. Gesetzlich Versicherten müssen Apotheken ein solches Generikum statt der Originalarznei geben, sofern der Arzt das nicht ausdrücklich ausgeschlossen hat. Falls es einen Rabattvertrag gibt, ist die Apotheke zur Ausgabe des jeweiligen rabattierten Mittels verpflichtet.

Das führt dazu, dass in der GKV viel häufiger Generika als in der PKV eingesetzt werden. Unter den 100 umsatzstärksten Wirkstoffen im Jahr 2015 beträgt die Generika-Quote in der PKV etwa 62 Prozent. Zwar steigt die Quote seit Jahren leicht an, sie bleibt aber deutlich unter der GKV-Quote von 92 Prozent für die gleichen Wirkstoffe. „Die leichte Zunahme der Generikaquote in der PKV verdeutlicht aber, dass es auch bei Privatversicherten ein zunehmendes Kostenbewusstsein gibt“, analysiert das WIP. Dies sei bemerkenswert, da PKV-Unternehmen – anders als Krankenkassen – nicht in die Verordnungspraxis eingreifen können.

Erstmals untersuchte das WIP auch die Verordnung von Biosimilaren. Das sind Nachahmer-Präparate von biotechnisch hergestellten Arzneimitteln, für die der Patentschutz abgelaufen ist. Ähnlich wie bei Generika ist ihr Verordnungsanteil in der GKV größer. Es gibt aber auch in der PKV teilweise Verordnungsanteile von fast 40 Prozent.  Wie das WIP herausfand, gibt es bei der Verordnung von Biosimilaren deutliche regionale Unterschiede: Wenn die Quote für Kassenpatienten im Bereich einzelner kassenärztlicher Vereinigungen steigt, werden auch mehr Biosimilare für Privatversicherte verordnet. Das erhöhte Kostenbewusstsein der Ärzte übertrage sich also auf die PKV, so das WIP.

Die Unterschiede im Verordnungsgeschehen führen nicht nur zu mehr Therapiefreiheit für Privatversicherte. Arzneimittelherstellern und Apotheken kommt dadurch jedes Jahr ein Mehrumsatz in dreistelliger Millionenhöhe zugute. Die Privatversicherten gaben im Jahr 2015 etwa 874 Millionen Euro mehr für Arzneimittel aus, als wenn sie gesetzlich versichert gewesen wären. Dies ist ein Anstieg von 5,6 Prozent im Vergleich zu 2014. Insgesamt gab die PKV im Jahr 2015 etwa 2,9 Milliarden Euro für Arzneimittel aus. Als eine große Entlastung der Versicherten zeigte sich dabei der gesetzliche Herstellerrabatt: Ohne ihn wären die Arzneimittelausgaben der PKV um 113 Millionen Euro höher gewesen.