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"Ein gutes Leben mit MS ist möglich."

© DMSG

Prof. Dr. med. Judith Haas, Vorsitzende des Bundesverbandes der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) e.V.

 

29.05.2020

Sie zählt zu Deutschlands renommiertesten Experten auf dem Fachgebiet der Multiplen Sklerose (MS). Schon mit Beginn ihres Neurologiestudiums interessierte sich Frau Prof. Dr. med. Judith Haas für die immunologische Therapie der MS. Am Jüdischen Krankenhaus in Berlin hat sie ein anerkanntes nationales Referenzzentrum für die Behandlung der Krankheit aufgebaut. Sie ist Vorsitzende des Bundesverbandes der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) e.V. Zum diesjährigen Welt-MS-Tag am 30. Mai hatten wir die Gelegenheit, mit Frau Prof. Haas über die "Krankheit der 1.000 Symptome", die Heilungschancen und die Situation MS-Betroffener durch die Corona-Pandemie zu sprechen.

 

Frage: Frau Prof. Haas, viele Menschen können sich unter Multiple Sklerose immer noch wenig vorstellen. Können Sie die Erkrankung kurz beschreiben?

Haas: Die Multiple Sklerose ist eine chronisch entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems. Das Immunsystem des Menschen greift hier fälschlicherweise Gehirn und Rückenmark an und ruft dadurch Entzündungen hervor.

Frage: Multiple Sklerose gilt als die Krankheit der 1.000 Symptome. Können Sie uns das näher beschreiben und ist sie schwer zu diagnostizieren?

Haas: Die Entzündungsherde führen in Abhängigkeit von ihrer Lokalisation zu Ausfallerscheinungen. Sehstörungen, Taubheitsgefühl, Schwindel ,Gleichgewichtsstörungen und Lähmungserscheinungen sind die häufigsten Symptome. Da die Multiple Sklerose in 90 Prozent der Fälle in Schüben verläuft, bilden sich die Symptome insbesondere zu Beginn der Erkrankung meist vollständig zurück. Die Diagnose kann der erfahrene Neurologe häufig schon aufgrund des Beschwerdebildes stellen. Gestützt wird die Diagnose durch die Bildgebung mittels der Kernspintomographie und der Untersuchung der Rückenmarksflüssigkeit.

Frage: Wie viele Menschen sind in Deutschland erkrankt und ist überwiegend eine bestimmte Personengruppe betroffen?

Haas: In Deutschland sind mehr als 250 000 Menschen betroffen, davon sind 75 Prozent Frauen. Die Erkrankung beginnt in mehr als der Hälfte der Fälle zwischen dem 20. und dem 40. Lebensjahr, aber auch Kinder können schon an MS erkranken.

Frage: Was sind die größten gesundheitlichen Probleme und wie sieht der Krankheitsverlauf in den meisten Fällen aus?

Haas: In der Frühphase der Erkrankung steht sehr häufig eine abnorme Erschöpfbarkeit im Vordergrund, im späteren Verlauf eine schleichend zunehmende Behinderung, die insbesondere die Gehfähigkeit betrifft. Bei der primär progredienten Verlaufsform, die meist in höherem Lebensalter beginnt, schreitet die Erkrankung von Anfang an fort. Die Einschränkung der Mobilität ist bei der Mehrzahl der Betroffenen das größte Problem

Frage: Wie ist der Stand der medizinischen Forschung? Gibt es Aussicht auf Heilung oder geht es vielmehr um Fortschritte bei der Symptomlinderung?

Haas: Obwohl die Ursache der Erkrankung nach wie vor unbekannt ist, sind viele Faktoren aufgedeckt worden, die das Risiko und den Verlauf der MS beeinflussen. Eine erhöhte erblich bedingte Empfänglichkeit, bestimmte Virusinfekte und der Lebensstil beeinflussen das Risiko, an MS zu erkranken. Im Verlauf der Erkrankung ist es wichtig auf eine gesunde Ernährung zu achten, Sport zu treiben, Alkohol, Nikotin und Übergewicht zu vermeiden.

Nach wie vor ist die MS nicht heilbar, aber die Fortschritte in der Immuntherapie machen es möglich, die Krankheitsaktivität lange Zeit ganz einzudämmen, insbesondere wenn die Immuntherapie unmittelbar nach der Diagnosestellung beginnt und immer wieder dem Verlauf angepasst wird. MS-Betroffene können heute langfristig ein weitestgehend normales Leben führen. Auch in der Therapie der Symptome gibt es große Fortschritte. Im Vordergrund steht für jeden MS-Erkrankten die regelmäßige Physiotherapie, aber auch die Spastik, Schmerzen, Missempfindungen und die sehr häufigen Blasenstörungen können erfolgreich behandelt werden.

Frage: Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf MS-Erkrankte? Besteht ein erhöhtes Infektionsrisiko?

Haas: MS-Erkrankte haben kein erhöhtes Risiko, an Covid-19 zu erkranken. Die bisherigen Verläufe auch bei immunsuppressiv behandelten MS-Patienten geben keinen Grund zu besonderer Besorgnis. Dennoch sollten sich Patienten mit einer schwereren körperlichen Behinderung besonders schützen, da sie ohnehin stärker infektgefährdet sind.

Frage: Am kommenden Samstag, den 30. Mai ist Welt-MS-Tag. Warum ist dieser Tag so wichtig?

Haas: An diesem Tag wird weltweit auf die Multiple Sklerose aufmerksam gemacht, nicht nur um über die Erkrankung aufzuklären, sondern auch um für Verständnis für MS-Betroffene zu werben und die Erforschung dieser lebensbegleitenden Erkrankung zu unterstützen. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. wird an diesem Tag gemeinsam mit den Landesverbänden mit vielen Online-Aktionen diese Ziele verfolgen. Wir danken allen, die sich am Welt-MS-Tag so zahlreich engagieren und zeigen „Ein gutes Leben mit MS ist möglich.“

Am 30. Mai ist der diesjährige Welt-MS-Tag. Mehr dazu erfahren Sie auf den Seiten der DMSG.

 

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