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Ökonomen warnen vor Gebühren-Gleichmacherei

 

28.03.2019

Ihre Befürworter preisen sie als Allheilmittel, um eine angebliche Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland abzubauen: die einheitliche Gebührenordnung. Statt der bisherigen zwei Vergütungssysteme für Privatpatienten und gesetzlich Versicherte würde es dann künftig nur noch eine Honorarordnung für die Preise ambulanter Arztleistungen geben.

Klingt gut. Ist es aber nicht. Denn Gesundheitsökonomen warnen davor, dass eine einheitliche Gebührenordnung mit mehr Nach- als Vorteilen für alle Versicherten verbunden wäre.

In einem Artikel für den „Monitor Versorgungsforschung“ führen Prof. Eberhardt Wille aus Mannheim und Prof. Volker Ulrich aus Bayreuth aus, dass die einheitliche Gebührenordnung die flächendeckende ärztliche Versorgung bedroht und für die gesetzlich Versicherten kaum Verbesserung bei Wartezeiten verspricht. Also: hohes Risiko für vergleichsweise geringen Nutzen.

Die Probleme beginnen schon mit der Systematik der Leistungsansprüche in beiden Systemen:

Zwar handele es sich bei GKV wie PKV gleichermaßen um solidarische Versicherungssysteme, bei denen die Gesunden die Kosten der Kranken mittragen. In der PKV gebe es aber mehr Flexibilität bei der (tariflichen) Leistungsauswahl und anders als in der GKV eine „besonders niedrige Barriere beim Eintritt neuer innovativer Leistungen“.

In der GKV steht dagegen die Wirtschaftlichkeit der Leistungen im Vordergrund: Jede neue ambulante Leistung muss erst von einem Gremium aufgenommen werden (dem „Gemeinsamen Bundesausschuss“), bevor Versicherte einen Anspruch darauf bekommen. Außerdem sieht das Vergütungssystem zahlreiche Instrumente zur Mengenbegrenzung vor, um das Ausgabenwachstum zu steuern.

Das heißt: Ohne PKV – beziehungsweise das PKV-Vergütungssystem – hätten neue, innovative Leistungen es schwerer als bisher, von den Krankenversicherungen erstattet zu werden. Auch die Modernisierung der medizinischen Infrastruktur würde laut Ulrich und Wille „auf einen harten Prüfstand“ gestellt. 

Denn da nur elf Prozent der Versicherten in Deutschland in der PKV sind, glauben Wille und Ulrich, dass sich eine gemeinsame Gebührenordnung definitiv an der GKV orientieren dürfte. Eine Angleichung an die Vergütungssystematik der PKV würde nämlich – ohne die GKV-üblichen Instrumente der Mengensteuerung – zu einem enormen Kostenanstieg führen.

Durch eine Angleichung auf GKV-Niveau entstünde aber ein neues Problem: Denn obwohl der Privatversicherungsanteil in Deutschland bei nur elf Prozent liegt, sind diese Versicherten für rund ein Viertel der Praxisumsätze verantwortlich. Würde es für diesen „Mehrumsatz“ – nach Angleichung der Gebühren – keine Kompensation geben, fehle die „Basis der Finanzierung für Personal und Investitionen“, warnen die Professoren. „Viele Praxen könnten dem wirtschaftlichen Druck nicht standhalten. Entweder würde die Versorgungslandschaft weiter ausgedünnt und/oder die Versorgungsqualität müsste sinken.“ Oder aber der GKV-Beitragssatz würde sich deutlich erhöhen.

Bisher keine guten Nachrichten für gesetzlich Versicherte. Die angebliche Zwei-Klassen-Medizin würden Einheitspreise auch nicht beseitigen, analysieren Wille und Ulrich. Im Gegenteil: Es dürfte sich noch viel stärker als bisher ein Markt mit „Zusatzversicherungsangeboten für Premiumpatienten“ herausbilden, da der PKV das Angebot von Zusatzversicherungen nicht verwehrt werden könne. Die Schweiz und die Niederlande können hierfür als abschreckendes Beispiel gelten.

Und was die Wartezeiten betrifft, so zeigt eine einfache Rechnung: Ohne Privatpatienten würde sich – wegen deren geringen Marktanteils – die Wartezeit auf Termine beim Facharzt bestenfalls um einen Tag verkürzen. Und damit sind gegenläufige Effekte durch die erwähnten neuen Premium-Zusatzversicherungen noch gar nicht berücksichtigt.

Also nur eine geringe Verbesserung – und vielleicht sogar eine unnötige. Denn die Wartezeiten-Debatte ist laut Ulrich und Wille eher ein gefühltes Problem: Im internationalen Vergleich weise Deutschland „durchgängig die geringsten Wartezeiten auf Arzttermine“ auf.

„Die GKV zeichnet sich im internationalen Vergleich durch eine einmalige Kombination aus umfangreichem Leistungskatalog, unbegrenzter Wahlfreiheit zwischen Haus- und Fachätzten, geringen Wartezeiten der Patienten, moderaten Zuzahlungen und schnellem Zugang zu innovativen Behandlungsmöglichkeiten aus“, loben die Autoren den Status quo der medizinischen Versorgung in Deutschland. Diese Vorzüge erwüchsen für gesetzlich Versicherten auch aus der Dualität mit der PKV.

Ihr Fazit: Das Gesundheitssystem biete zahlreiche Möglichkeiten für eine Verbesserung. Dazu gehöre eine einheitliche Gebührenordnung „jedoch eindeutig nicht“.  Die „teilweise ideologische“ Debatte darüber lenke vielmehr von den echten Problemen des Gesundheitswesens ab.     

 

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