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Bürgerversicherung wäre „Operation am offenen Herzen bei einem gesunden Patienten“

17.01.2017

PKV-Verbandsdirektor Volker Leienbach spricht in einem Interview über die größten Risiken einer Einheitsversicherung: „Ich kann vor einem solchen gefährlichen Experiment nur warnen, sagte er der Branchen-Zeitschrift AssCompact. Abgesehen von den schlimmen Folgen für die medizinische Versorgung wären auch die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt dramatisch. Das Interview im Wortlaut:

Herr Dr. Leienbach, machen Sie sich Sorgen, dass eine mögliche Bürgerversicherung wieder so viel Aufmerksamkeit erfährt?

Zumindest sind wir vorbereitet. Denn momentan deutet ja in der Tat einiges daraufhin, dass die Verfechter eines Einheitssystems unter dem irreführenden Namen „Bürgerversicherung“ das Thema im Wahljahr wieder aufgreifen – obwohl es schon in den letzten Wahlkämpfen nicht gut angekommen ist. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass dieser „Ladenhüter“ auch diesmal wenig Anklang findet: Die Zufriedenheit der Bürger mit der medizinischen Versorgung erreicht derzeit historische Spitzenwerte – da dürfte es keine Risikobereitschaft zur Radikaloperation am dualen System geben, dem Deutschland eines der besten Gesundheitswesen weltweit verdankt.

Ich jedenfalls kann vor einem solchen gefährlichen Experiment nur warnen. Das wäre wie eine Operation am offenen Herzen bei einem gesunden Patienten. Wobei ja abgesehen von den schlimmen Folgen für die medizinische Versorgung auch die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt dramatisch wären: Die DGB-nahe Hans-Böckler-Stiftung geht davon aus, dass je nach Variante der Bürgerversicherung bis zu drei Viertel der 68.000 Jobs bei den privaten Versicherern verloren gehen würden – und sicher wäre auch der freie Vertrieb betroffen. Um 8.000 bedrohte Jobs bei Kaiser’s-Tengelmann zu retten, ließ SPD-Chef Gabriel nichts unversucht. Das zeigt den enormen sozialen Sprengstoff, wenn man hier mutwillig ein Vielfaches von Arbeitsplätzen angreifen würde.

Gelten denn – auch in Zeiten des Niedrigzinses – die alten Argumente noch? Etwa, dass die PKV das Gesundheitssystem stabilisiert und mit den Altersrückstellungen medizinischen Fortschritt und Mehrausgaben im Alter abdeckt?

Die PKV bildet selbst im seit Jahren schwierigen Niedrigzinsumfeld jährlich mehr als 10 Mrd. Euro zusätzliche Alterungsrückstellungen. Wir konnten die Vorsorge für die Privatversicherten in den vergangenen zehn Jahren verdoppeln – auf aktuell mehr als 220 Mrd. Euro. Das zeigt, wie verlässlich das Prinzip der Kapitaldeckung funktioniert.

Die eingangs erwähnte gute Versorgung in Deutschland müssen wir auch in Zukunft sichern – und zwar unter schwieriger werdenden Bedingungen angesichts unserer alternden Gesellschaft. Nur die PKV sorgt dafür finanziell vor und trägt damit sehr zur Stabilisierung bei. Zudem hält das duale System beide Teile auf Trab, die GKV ebenso wie die PKV. Das ist gut für medizinische Innovationen, denn es gilt wie sonst im Leben: Wettbewerb belebt das Geschäft – hier eben zu Gunsten aller Versicherten.

In der Beratungspraxis müssen die Versicherungsvermittler ihren Kunden die Beitragssteigerungen in der PKV erklären. Wie können sie das am besten tun?

Die Beiträge zur Krankenversicherung – egal ob gesetzlich oder privat – steigen grundsätzlich, weil auch die Kosten der medizinischen Behandlungen Jahr für Jahr steigen. Ein wesentlicher Treiber dabei ist der medizinische Fortschritt. Er beschert uns allen mehr Lebens- und Versorgungsqualität, aber er hat eben auch seinen Preis. So haben sich die Gesundheitsausgaben in Deutschland in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt. Dabei ist die reine Beitragsentwicklung bei uns sehr ähnlich wie bei den gesetzlichen Kassen. Deren Beiträge stiegen von 2007 bis 2017 pro Kopf jährlich um 3,2%, bei uns sind es 3,0%.

Doch während die GKV ihre Einnahmebasis jedes Jahr automatisch verbreitert, dürfen wir die Beiträge erst dann erhöhen, wenn der Kostenzuwachs eine bestimmte Schwelle überschreitet. Diese Vorschrift führt manchmal zu einem Wechsel von längeren Phasen der Beitragsstabilität – wie es die meisten Privatversicherten in den letzten Jahren erlebt haben – und dann sprunghaft ansteigenden Beiträgen. Dies würden wir unseren Versicherten gerne ersparen. Wir haben der Politik dazu schon vor Jahren konkrete Vorschläge vorgelegt. Und auch Verbraucherschützer sprechen sich für eine solche Reform aus. Doch leider hat der Gesetzgeber das bislang nicht aufgegriffen.

Warum wechseln dann trotzdem PKV-Versicherte in die GKV?

In den meisten Fällen schlichtweg deshalb, weil sie es müssen – zum Beispiel aufgrund veränderter beruflicher Verhältnisse. Schauen Sie: Die PKV hat in den vergangenen fünf Jahren 2% ihrer Versicherten verloren. Dieser Rückgang hat zuallererst damit zu tun, dass viele früher privatversicherte Selbstständige jetzt als Arbeitnehmer beschäftigt sind und deshalb zwangsläufig in die Gesetzliche Krankenversicherung wechseln mussten.

Was erwarten Sie 2017? Wird es überhaupt wieder mehr PKV-Versicherte geben?

Neben dem gerade erwähnten Effekt wirkt sich natürlich auch der bewusste Abschied der Branche von sogenannten Billigtarifen dämpfend auf den Nettoneuzugang aus. Und, nicht zu vergessen: Die Versicherungspflichtgrenze ist in den vergangenen fünf Jahren um über 13% angehoben worden (auf heute 57.600 Euro Jahresbruttoeinkommen). Die Hürden für eine private Krankenversicherung sind damit immer höher geworden. Gleichwohl gibt es Anzeichen, dass wir die Talsohle durchschritten haben und Ende dieses Jahres vielleicht schon wieder steigende Versichertenzahlen auch in der Vollversicherung vermelden können – denn im Bereich der Zusatzversicherungen geht es ja ohnehin weiter aufwärts.

Was halten Sie eigentlich davon, dass sich heute PKV und GKV gleichzeitig im Beratungsportfolio von Versicherungsvermittlern befinden?

Entscheidend ist für mich die Beratungsqualität in Sachen PKV – was jemand dann noch nebenher macht, ist seine Sache. Wobei die Möglichkeiten zur individuellen Absicherung in der GKV und damit auch der Beratungsbedarf an dieser Stelle ja recht übersichtlich sind.

 

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