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„Daten nicht im Sinne des Patienten zu nutzen, ist fahrlässig“

Prof. Dr. Ferdinand Gerlach

 

12.08.2020

Im Interview mit dem PKV-Verband erläutert Professor Ferdinand Gerlach, warum Deutschland bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems so weit zurückliegt – und warum es sich lohnt, Datenschutzbedenken und Versorgungschancen abzuwägen. Gerlach ist Allgemeinmediziner und Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen.

PKV-Verband: Herr Professor Gerlach, wir möchten mit Ihnen über die Digitalisierung sprechen: im Gesundheitswesen ein Thema, so haben Sie es selbst einmal ausgedrückt, mit Bedeutung für Leben und Tod der Patienten. Warum kommt der Digitalisierung eine solche Schlüsselrolle zu?

Prof. Dr. Gerlach: Die Digitalisierung ist ja kein Ziel, sondern ein Werkzeug. Gerade in der Corona-Krise sieht man, dass man mehrere solcher Werkzeuge sehr gut einsetzen kann, um eine komplexe Situation besser zu beherrschen. Wir haben ja im deutschen Gesundheitssystem vielfach noch die Zettelwirtschaft und den Fachstandard. Das heißt, die Informationen sind in irgendwelchen Kurven und Karteikarten – und wenn ich sie wirklich brauche, ist es sehr schwierig, sie zu erschließen.

 

Wie hätten wir in der Corona-Krise konkret von der Digitalisierung profitieren können?

Am Beispiel Corona würde uns zum Beispiel sehr interessieren, wie die Verläufe bei Patienten mit bestimmten Erkrankungen oder Medikationen sind. Dann könnte ich Hypothesen bilden und Fragen überprüfen: Ist es tatsächlich so, dass bestimmte Arzneimittel den Verlauf der Krankheit verschlimmern? Gibt es bestimmte Risikokonstellationen, wo Patienten besonders aufpassen müssen? Das könnte man gezielt in entsprechenden Studien überprüfen. Man könnte auch Patienten mit besonderem Risiko gezielt informieren und sie besonders schützen.

Ein anderes Thema sind die Meldewege, also vom Laborergebnis zum Robert-Koch-Institut. Das dauert alles viel zu lang, das ist fehleranfällig. Mit Digitalisierung wäre das quasi auf Knopfdruck möglich.

Ein positives Beispiel ist das DIVI-Intensivregister: Es gibt jetzt eine hohe Transparenz über die Auslastung im System. Wir können sehr genau sagen, wie viele Beatmungsbetten noch frei sind und müssen nicht Intensivstationen für Patienten freihalten, die vielleicht nie kommen. Wir können im Verlauf der Pandemie viel dynamischer reagieren und auch den Normalbetrieb weiterführen.

Warum sind wir noch nicht so weit? Hat das vor allem technische Gründe, fehlen Gesetze, ist die Gesellschaft nicht bereit?

Das ist sicher nicht mit einem Argument oder einer Ursache zu erklären. Allerdings steht Deutschland bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems auf einem Abstiegsplatz, auf Platz 16 oder 17 von 20. Es gibt andere Länder, die sehr viel weiter sind, Dänemark oder Estland zum Beispiel. Diese Länder haben eine andere Kultur.

Woran zeigt sich das?

Wir Deutschen diskutieren als Erstes, wenn es um die elektronische Patientenakte geht, welche Missbrauchsmöglichkeiten es gäbe und wie man sie verhindern kann. Das ist risikogeneigt. In Dänemark und Estland sagt man, es sei toll, was man machen und verknüpfen könnte, um Patienten noch besser zu behandeln. Ein dänischer Bürger hat nicht in erster Linie Angst, dass seine Daten missbraucht werden – sondern, dass er ins Krankenhaus kommt und die Ärzte nicht wissen, was mit ihm ist. Vielleicht nimmt er ein blutverdünnendes Medikament oder hat eine Allergie. Das ist die Grundproblematik: Wir haben eine tendenziell stark risikoorientierte Debatte. In diesen Ländern gibt es eine chancen- und nutzenorientierte Debatte. Was wir Deutschen brauchen, ist eine Balance: Wir müssen Chancen und Risiken abwägen.

Also geben wir dem Thema Datenschutz eine zu große Bedeutung?

Ja, zu einseitig zumindest. Datenschutz ist wichtig. Wir stehen auf dem Standpunkt, dass es auf jeden Fall fahrlässig und ethisch bedenklich ist, wenn Daten missbraucht werden. Es ist aber auch fahrlässig und ethisch bedenklich, wenn vorhandene Daten nicht optimal im Sinne des Patienten genutzt werden. Der Patient hat ein Anrecht darauf, dass seine Daten im Interesse des Patientenwohls optimal genutzt werden. Die Position des Sachverständigenrates ist, dass verantwortliches Teilen von Daten bedeutet, dass wir besser heilen. Wir versäumen im Augenblick ganz viele wichtige Entwicklungen – das ist. auch im Interesse der Patientensicherheit nicht gut.

 

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