• Vorlesen
  • A A A

„Digitalisierung bedeutet erstmal Investment – und dann Ersparnis“

© gematik-Geschäftsführer Markus Leyck Dieken (Foto: Marc-Steffen Unger)

 

06.08.2020

Gematik-Geschäftsführer Dr. Markus Leyck Dieken erläutert in der ersten Ausgabe unserer Digitalisierungs-Serie pkv.digital die Potenziale der Telematik-Infrastruktur. PKV-Pressesprecher Stefan Reker sprach mit ihm über das E-Rezept, die elektronische Patientenakte sowie den sicheren Datenaustausch unter Ärzten und zielführende Forschung.

Herr Dr. Leyck Dieken, ich möchte mit einem berühmt-berüchtigten Zitat des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt einsteigen: „Haben Sie Visionen? Dann gehen Sie zum Arzt.“ Nun sind Sie Arzt – und als Chef der gematik für die Telematik-Infrastruktur in Deutschland zuständig. Was ist Ihre Vision?
In der gematik geht es uns vor allem darum, dass wir eine klare Sicht bekommen. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland in Sachen Digitalisierung sehr weit hinten, aktuell Platz 18. Wenn das so bleibt, bleiben viele Chancen für die Menschen ungenutzt. Sie werden nicht erfahren, dass aktuelle Therapien existieren – und welche die beste ist. Ärzte werden nicht so rasch zu Schlussfolgerungen kommen, Apotheker Arzneimittel-Interaktionen möglicherweise nicht so schnell entdecken. Es gibt eine Fülle von Dingen, die in den nächsten Jahren vor uns stehen – und die wir nur dann nutzen können, wenn es in Deutschland eine Arena gibt, in der Digitalisierung im Gesundheitswesen stattfindet. Die gab es bislang nicht.

 

Was kann sich konkret zugunsten von Patienten ändern?
Seit der Corona-Pandemie kann man feststellen: Gäbe es bereits ein elektronisches Rezept, hätten viele Menschen gar keine Arztpraxis aufsuchen müssen, um ihr Rezept entgegenzunehmen – und das nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder, Großeltern oder andere. Zusätzlich werden diejenigen, die es möchten, in der elektronischen Patientenakte ihre Befunde ablegen können. Ich als Patient bleibe souverän: Ich sage, wem ich die Befunde gebe und wem nicht. Das kann dazu führen, dass Ärzte beispielsweise Doppeluntersuchungen einsparen.

Höchstes Sicherheitsniveau in allen Produkten

Sie sprechen das Thema Datenschutz an: Der Patient bleibt Herr seiner Daten. Können Sie das garantieren?
Was wir versprechen können ist, dass wir das mit Abstand höchste Sicherheitsniveau in all unseren Produkten anstreben und bereitstellen. Das sicherste Niveau, das wir in Europa haben, wird aus Deutschland kommen. Es wird zum ersten Mal einen Raum geben, wo Ärzte und Pflegende, insgesamt 2,9 Millionen Heilberufler, Gesundheitsdaten Ende-zu-Ende-verschlüsselt austauschen. Dieses System nennen wir Kommunikation im Medizinwesen, kurz KIM. Dieser sichere Raum ist von der Bundesregierung gewünscht, damit der Datenaustausch eben nicht mehr salopp über WhatsApp oder in einer offenen E-Mail läuft.

Wie schaffen Sie es, dass sich diese 2,9 Millionen Heilberufler auf den digitalen Weg machen? Sie alle müssen sich schließlich die nötige technische Infrastruktur in ihre Praxis legen und sie mit Daten füllen.
Wir sehen einen sehr unterschiedlichen Grad an Enthusiasmus. Interessanterweise wollen die, die noch nicht angebunden sind, unbedingt angebunden werden: die Pflege zum Beispiel. Sie möchte Teil der elektronischen Patientenakte werden und Daten über die Versorgung ihrer Patienten mit Ärzten und anderen Behandlern austauschen. Natürlich gibt es Investitionsbedarf. Ganz klar: Deutsche Kliniken werden in ihre Infrastruktur investieren müssen, um mit formatierten Daten in dieser Arena mitspielen zu können.

Hauptziel: forschungskompatible elektronische Akte

Auf welchem Stand sehen Sie die Anwendungen der digitalen Gesundheitsversorgung in fünf und in zehn Jahren?
Die Aussicht auf die kommenden fünf Jahre begeistert uns. Denn wir brauchen die forschungskompatible elektronische Akte. Sie geht weit über die elektronische Patientenakte 1.0 hinaus. All jene, die in der Forschung tätig sind, wünschen sich einen digitalen Ort, an dem wir strukturierte Daten über sehr viele Menschen ablegen, die freiwillig dazu bereit sind. Diese Daten lassen sich dann analysieren: Je schwerer eine Erkrankung ist, umso mehr werden diese Daten helfen, Ursachen aufzuklären. Wir wissen zum Beispiel bislang von kaum einer Autoimmunkrankheit, wie sie entsteht.

Worin liegt bei einer vollständig etablierten Telematik-Infrastruktur der Mehrwert für die Ärzte?
Ärzte werden weniger lang rätseln müssen, weil sie viele Befunde viel klarer vor sich haben. So können sie schneller zum Ziel, zur richtigen Therapie kommen. Letztlich geht es darum, dass der ärztliche Arbeitsablauf digital erleichtert wird. Das ist aktuell noch nicht der Fall – und wir wissen, dass wir die Ärzte für dieses Projekt gewinnen müssen, indem wir ihre einzelnen Arbeitsschritte erleichtern. Ein Beispiel: Wenn Sie heutzutage als Arzt einen Kur-Antrag schreiben, müssen Sie viele Felder erneut ausfüllen, die eigentlich längst bekannt sind. Das lässt sich digital rasch abbilden.

Ihr Versprechen ist also: nicht mehr, sondern weniger Bürokratie.
Es gehört zum Wesen der Digitalisierung, dass sie am Anfang Investment und auch Lernkurve bedeutet. Niemand von uns hat schließlich zu Beginn gewusst, wie man mit dem Smartphone umgeht. Aber am Ende muss Digitalisierung natürlich bedeuten, dass ich eine Aufwandsersparnis habe. Und daran arbeiten viele Kolleginnen und Kollegen in der gematik.

 

Ähnliche Artikel

Diese Webseite verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten und um Nutzerverhalten und Marketingmaßnahmen in pseudonymer Form zu analysieren. Indem Sie fortfahren, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies und stimmen den Webanalyse-Maßnahmen zu. Ihr Einverständnis können Sie jederzeit widerrufen. Nähere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Erweiterte Einstellungen