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"Die wirtschaftliche Lage der Apotheken ist sehr differenziert."

Fritz Becker, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands (DAV)

 

20.08.2020

Fritz Becker ist Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands (DAV). In der Reihe "PKV im Gespräch" beschreibt er, wie die Apotheken die Herausforderungen der Corona-Krise erleben. Dabei lobt er das deutsche Gesundheitssystem und das Zusammenspiel von Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung. Beim Thema Digitalisierung sieht er die Apotheken gut aufgestellt - und mit Blick auf den Online-Handel die "Apotheke vor Ort" klar im Vorteil.

PKV-Verband: Herr Becker, das erste Thema kann natürlich nur Corona sein. Wie haben die Apotheken die Herausforderung der Corona-Krise erlebt? Gerade zu Beginn, was waren die größten Probleme und wurden sie gemeistert?

Fritz Becker: Corona war wirklich eine Herausforderung für uns Apotheken. Es ging im März, April mit einer verstärkten Nachfrage nach Arzneimitteln von chronischen Patienten los. Wir hatten Lieferengpässe auf Seiten der Industrie. Dann kam die Frage nach der Hände- und Flächendesinfektion auf. In kürzester Zeit war alles ausverkauft. Wir haben uns wieder darauf besonnen, dass wir das früher selbst hergestellt haben. Aber seit etwa zehn Jahren dürfen wir das nach EU-Recht nicht mehr. Der Gesundheitsminister hat uns geholfen und eine Ausnahmeregelung geschaffen, sodass wir wieder beides herstellen konnten. Die Engpässe in Arztpraxen, Krankenhäusern und natürlich bei den Patienten konnten wir somit überbrücken und die Versorgung sicherstellen.

 

Was macht Corona wirtschaftlich mit den Apotheken? Wie ist die wirtschaftliche Lage aktuell?

Die wirtschaftliche Lage ist sehr differenziert. Die Apotheken, die in Fußgängerzonen oder Einkaufszentren sind, haben momentan echte wirtschaftliche Schwierigkeiten. Klassiker sind zum Beispiel Apotheken in Flughäfen. Sie haben alle Kurzarbeit anmelden müssen und sind weiterhin in echten wirtschaftlichen Nöten.

Deutschland gilt weltweit als vorbildlich für seinen Umgang mit der Corona-Krise. Warum ist Deutschland und das deutsche Gesundheitssystem so gut bisher durch die Krise gekommen ist?

Zum einen glaube ich, dass das Gesundheitsministerium mit Gesundheitsminister Jens Spahn an der Spitze hervorragende Arbeit geleistet hat. Auch die Zusammenarbeit mit Professor Wieler vom Robert Koch-Institut. Das war für mich vorbildlich. 

Sehen Sie auch strukturelle Bedingungen des deutschen Gesundheitswesens, das uns vom internationalen Vergleich abhebt?

Wir haben eine funktionierende Struktur. Zum einen die Gesetzliche Krankenversicherung und zum anderen die Private Krankenversicherung sowie das Bundesgesundheitsministerium, die eng zusammengearbeitet haben. Viele andere Länder haben das nicht. Entweder gibt es ein rein staatliches oder ein rein privates System. Das ist schon ein Teil des Erfolges hier in der Bundesrepublik.

Gibt es bestimmte Lehren, die Sie aus der Corona-Krise jetzt schon ziehen können? Gibt es Veränderungen, die sich empfehlen?

Was die Abgabe von Arzneimitteln zum Beispiel angeht, hat man Sonderregelungen getroffen. Da muss man sich überlegen: kann man die etablieren? Ich denke, man muss auch Vorräte schaffen, für Masken, für Schutzausrüstung. Das war in der Vergangenheit sehr stark zurückgefahren. Wichtig ist, dass solche Dinge auch wieder in der Bundesrepublik hergestellt werden.

Zum Thema Innovation? Wie wäre Ihre Vision? Wie soll, wie kann die moderne Apotheke in 20 Jahren aussehen?

Zunächst einmal muss man sagen, dass die Apotheken immer sehr innovativ aufgestellt waren und sind. Das ist stark bei uns im Backoffice, wo wir stark digitalisiert sind. Ich stelle mir vor, dass die Apotheke die Digitalisierung weiter stark nutzen werden, so z. B. in der Beratung und der Betreuung von Patienten. Das betrifft beispielsweise die berühmten Medikationspläne, die derzeit noch in Papier gefasst werden. Sowas muss digital gemacht werden, dass jede Apotheke, jeder Arzt darauf zurückgreifen und seine Verordnungen danach ausrichten kann. 

Das heißt die elektronische Patientenakte mit dem darin vorgesehenen Medikationsplan wird für Sie in den Apotheken neue Möglichkeiten bringen, Arzneimittel-Sicherheit zu gewährleisten und die Patienten individueller zu betreuen.

Die Arzneimittel-Therapiesicherheit muss in den Vordergrund rücken, für den Patienten und auch aus ökologischer Sicht, weil sehr viele Arzneimittel weggeworfen werden. Der Patient, der ordentlich seine Medikamente einnimmt und das mit seinem Therapieplan prüft, dem geht es einfach besser. 

Bei Digitalisierung denken viele automatisch an Online-Handel. Das ist bei Apotheken ein kritisches Thema. Was wird die Digitalisierung mit der Apotheke vor Ort machen? Was ist ihre Rolle?

Die Rolle der Apotheke vor Ort ist die ganz schnelle Betreuung des Patienten, die Nähe zum Patienten. Das ist im Online-Handel nicht. Der macht schlichtweg Rosinenpickerei. Die Akutversorgung muss immer die Apotheke vor Ort machen. Und die macht sie auch perfekt.

Herr Becker, wie bewerten Sie die Qualität der Arzneimittelversorgung in Deutschland, wenn Sie sich vergleichen, zum Beispiel mit unseren europäischen Nachbarn.

Ich finde es wunderbar, dass in Deutschland praktisch alle Innovationen zugelassen werden und im Prinzip jeder Patient die Möglichkeit hat, auf Innovationen zurückzugreifen. Wenn ich auf andere Länder in Europa schaue, müssen viele Patienten darauf verzichten. Weiterhin haben wir hier den riesen Markt der Generika. Der ist wichtig, weil viele Standard-Medikamente kostengünstig zu bekommen sind. Da haben wir das Problem, dass die Produktion dieser Wirkstoffe und die Herstellung der Medikamente weitestgehend aus Europa weggebrochen ist. Es muss versucht werden, die Produktion teilweise wieder nach Europa zurückzuholen, um hier Qualität zu sichern und die Lieferfähigkeit zu optimieren.

Eine Besonderheit des deutschen Gesundheitssystems ist die Dualität von gesetzlicher und privater Krankenversicherung. Wie erleben Sie das in der Praxis, beispielsweise bezogen auf Arzneimittel- Innovationen. Welche Effekte hat dieser Wettbewerb?

Ich bin ein absoluter Befürworter des dualen Systems. Es hat sich bewährt, dass die gesetzliche und private Krankenversicherung parallel nebeneinander existieren. Die PKV-Patienten bekommen einen Tick früher die Innovationen. Somit ist die PKV ein Beschleuniger für Innovationen.

Es zieht ein Wahljahr herauf. Und auch das Thema, was lernen wir aus Corona, wird eine Rolle spielen. Erste linke Politiker fordern, wir bräuchten mehr Staat im Gesundheitswesen. Wie ist da Ihre Meinung?

Wir brauchen nicht mehr Staat im Gesundheitswesen. Im Zusammenspiel der Leistungserbringer, der Verbände mit der Politik, entstehen die besten Lösungen. Allzu viel Staat verlangsamt die Geschichte.

 

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