• Vorlesen
  • A A A

Ärztemangel auf dem Land – wieso, weshalb, warum?

© iStock @Farknot_Architect

 

28.05.2019

In Deutschland fehlen 10.000 Ärzte – und das ist nur die Spitze des Eisberges. Denn bis zum Jahr 2030 wird die Hälfte aller Hausärzte in Rente gehen. Der Ärztemangel sorgt für Gesprächsstoff. Dr. Frank Schulze Ehring, Autor des PKV-Regionalatlas Bayern, erläutert die Gründe.

Was ist die wichtigste Aussage des PKV-Regionalatlas?

Jedes Mal wenn eine Praxis schließt, ist ein Vorurteil schnell zu hören: In der Stadt lebende Privatversicherte seien Schuld am Ärztemangel auf dem Land. Warum? Weil der Hausarzt im Bayerischen Wald oder in der Uckermark scheinbar keinen Praxisnachfolger findet. Selbst SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach glaubt, dass es die Ärzte in die Städte und Metropolregionen zieht, weil es dort viele Privatversicherte gibt. Dieses weit verbreitete Vorurteil ist Anlass genug, sich mit den Regionaldaten zur Verteilung von Ärzten und Privatversicherten auseinander zu setzen.

Die Daten sprechen eine klare Sprache. Privatpatienten unterstützen überproportional die Ärzte auf dem Land. Ärzte auf dem Land erzielen mit einer geringeren Zahl von Privatpatienten höhere Gewinne als ihre Kollegen in den Städten. Woran liegt das? Privatpatienten auf dem Land sind älter und gehen häufiger zum Arzt. Und noch viel wichtiger: Vom Umsatz, der durch Privatpatienten entsteht, bleibt für den Landarzt am Ende des Tages mehr übrig.

Geld ist unterschiedlich viel wert in den Regionen. Wir bezahlen zum Beispiel unterschiedliche Mieten und haben unterschiedliche Gehälter je nachdem, ob wir im Bayerischen Wald oder in München leben. Dies gilt natürlich auch für ärztliche Kosten. So entfallen zum Beispiel 52 % der ärztlichen Praxisaufwendungen auf Personal- und Gehaltskosten, die sich regional erheblich unterscheiden. Wir nennen das umgangssprachlich „Döner-Effekt“. Jeder weiß, dass der Döner auf der Maximilianstraße in München erheblich teurer ist als im Schnellrestaurant im Fichtelgebirge.

Im Ergebnis sind die Umsätze und Mehrumsätze, die durch Privatversicherte entstehen, auf dem Lande besonders wertvoll. 100 Euro Mehrumsatz sind für Ärzte auf dem Land einfach real mehr wert als 100 Euro für Ärzte in der Innenstadt von München, wo mit den ärztlichen Erlösen sehr viele höhere Praxismieten und Gehälter zu decken sind.

Was bedeutet Mehrumsatz?

Eine medizinische Behandlung kann je nach Art des Versicherungsschutzes des Patienten zu einer unterschiedlichen Vergütung führen. Im Allgemeinen ist dabei von einer höheren Vergütung im System der PKV auszugehen. Ein Beispiel ist der ärztliche Hausbesuch, der wird in der gesetzlichen Krankenversicherung mit rund 23 Euro, bei Privatversicherten mit bis zu 43 Euro vergütet. Im Ergebnis ist der Mehrumsatz der Umsatz, der entsteht, weil ein Patient nicht gesetzlich, sondern privat versichert ist.

Um jegliche Missverständnisse von vornherein auszuschließen. Der Mehrumsatz stellt keine Privileg-Veranstaltung oder Begünstigung der Privatversicherten dar. Wenn durch die Mehrumsätze der Privatversicherten, insbesondere auf dem Land, Praxismitarbeiter angestellt, neue Geräte und moderne Infrastruktur geschaffen werden können, dann profitieren auch ganz konkret gesetzlich Versicherte von dieser modernen Praxisausstattung.

Wie wurden die Daten des Regionalatlas erhoben?

Die Grunddaten kommen aus sehr unterschiedlichen Quellen. Von der Stiftung Gesundheit wissen wir, wo welche Ärzte ansässig sind. Aus der Statistik des Verbandes der Privaten Krankenversicherung (PKV) kennen wir die regionale Verteilung der Privatversicherten. Und wir haben aus dem Wissenschaftlichen Institut der PKV (WIP) Grunddaten zu den ambulant ärztlichen Mehrumsätzen in Deutschland erhalten. Mit all diesen Vorinformationen lässt sich ein Gesamtbild erstellen, wie viele Privatpatienten wo in Bayern welchen finanziellen Beitrag zur medizinischen Versorgung leisten.

Warum gibt es mehr Ärzte in der Stadt als auf dem Land?

Schuld daran ist auf jeden Fall NICHT der Privatversicherte. Denn der reale Wert der Mehrumsätze ist auf dem Land mit rund 65.000 € größer als in bayerischen Ballungszentren (ca. 53.000 €). Trotzdem liegt – wie bekannt – die Ärztedichte in den ländlichen Gebieten deutlich unterhalb städtischer Ballungsgebiete. Das heißt: Bei Ärztemangel auf dem Land kann es an fehlenden finanziellen Anreizen nicht liegen. Für die Standortentscheidung der Ärzte sind andere Kriterien, vor allem das (urbane) Arbeits- und Ausbildungsumfeld für Familien, maßgebend.

Die Unterschiede zwischen Stadt und Land werden sich in der Zukunft aufgrund des demografischen Wandels und der Urbanisierung weiter zuspitzen. Umso wichtiger ist es, dass sich in der Politik das Verständnis durchsetzt, dass eine gleichmäßigere Verteilung von Ärzten nicht eine Frage der Vergütung ist, sondern eine Frage, die vor allem die kommunale Infrastruktur und Standortpolitik berührt.

Umso befremdlicher ist es, dass SPD, Grüne und Linke, der Idee der Bürgerversicherung folgend, für eine Vereinheitlichung der bestehenden Gebührensysteme – Einheitlicher Bewertungsmaßstab (EBM) für gesetzlich Versicherte und GOÄ für Privatpatienten – eintreten. Eine Vereinheitlichung der Gebührenordnungen würde die Ungleichverteilung der Ärzte zwischen Stadt und Land nicht heilen. Gegenteiliges ist der Fall: Ländliche Regionen ständen bei einer Vereinheitlichung der Vergütungssysteme wieder einmal als Verlierer da. Denn gerade auf dem Land sind die für die Finanzierung und fortwährende Modernisierung der medizinischen Infrastruktur gewichtigen Mehrumsätze der Privatversicherten real mehr wert als in der Stadt.

Warum gibt es den Regionalatlas nur für Bayern?

Wir haben mal mit Bayern begonnen. Bayern steht für Deutschland insgesamt. Bayern ist ein typisches Flächenland mit zum Teil extremen Unterschieden zwischen Stadt und Land. Ähnliche Strukturmerkmale sind in Hessen und Nordrhein-Westfalen zu beobachten. Die PKV-Regionalatlanten Hessen und NRW sind deshalb in Planung.

Weitere Meldung

PKV-Regionalatlas Bayern zum Download

 

Ähnliche Artikel

Diese Webseite verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten und um Nutzerverhalten und Marketingmaßnahmen in pseudonymer Form zu analysieren. Indem Sie fortfahren, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies und stimmen den Webanalyse-Maßnahmen zu. Ihr Einverständnis können Sie jederzeit widerrufen. Nähere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Erweiterte Einstellungen