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„Geld ist nicht das entscheidende Kriterium, ob Ärzte aufs Land gehen“

© bvmd

 

24.06.2019

Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd) spricht sich deutlich gegen die sogenannte Landarztquote aus. Im Interview mit pkv.de erläutert der bvmd-Präsident Peter Jan Chabiera, worauf es vielmehr ankommen sollte – und welche Faktoren die Entscheidung der Ärzte wirklich beeinflussen.

Herr Chabiera, diverse Bundesländer setzen bei der Sicherstellung der medizinischen Versorgung auf die „Landarztquote“? Warum sind Sie dagegen?

Die Landarztquote funktioniert nicht und konterkariert eher die vielen konstruktiven Bemühungen, die Versorgung zu verbessern.

Zum einen setzt die Quote zu früh an. Zu Beginn des Studiums hat kaum jemand konkrete Vorstellungen, in welchem Fachbereich und welcher Art der Berufsausübung man arbeiten möchte. Diese verändern sich im Laufe des Studiums. Zudem benötigt die Quote ca. 12-18 Jahre bis erste Effekte spürbar sind. Das ist viel zu lange in Anbetracht der aktuellen Versorgungslage und Engpässe.

Zudem adressiert die Quote eine falsche Zielgruppe. Das gemeinsam mit den Fakultäten, der Universität Trier und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung durchgeführte Berufsmonitoring Medizinstudierende verdeutlicht, dass ungefähr die Hälfte der Studierenden definitiv kein Interesse an der Tätigkeit auf dem Land hat. Durch die Vermischung mit der Zulassung werden sich aber auch diese potenziellen Studierenden auf die Landarztquote bewerben, um überhaupt einen Studienplatz zu bekommen. Dies zeigen auch die hohen, zu den generellen Zahlen passenden Bewerbendenzahlen auf die Landarztquote in NRW. Anstatt auf Studieneinsteiger zu setzen, sollten lieber die Studierenden im fortgeschrittenen Studium oder Ärztinnen und Ärzte zu Beginn der Weiterbildung angesprochen werden, die bereits einen Fokus und Interesse an ärztlicher Tätigkeit auf dem Land und/oder der Allgemeinmedizin gefunden haben. Wir plädieren daher klar dafür, die Stärkung der Landärztlichen Versorgung nicht mit der Zulassung zu vermischen.

Schließlich erweckt die Quote erneut den Eindruck, die landärztliche Versorgung sei so unattraktiv, dass nur noch Zwangsmaßnahmen weiterhelfen. Damit konterkariert sie die Versuche u.a. der Kassenärztlichen Vereinigungen, ein positives Bild zu vermitteln. Nach durchaus gezielten Warnungen im letzten Jahrzehnt, um politische Veränderungen hervorzurufen, mussten die Akteure feststellen, dass zahlreiche Studierende und junge Ärztinnen und Ärzte aufgrund der kontinuierlichen negativen Werbung unnötig abgeschreckt werden. Dieser Effekt zeigte sich auch in Ländern, die bereits eine ähnliche Quote eingeführt haben. Zudem werden in der politischen Diskussion die Versorgungsengpässe in der Allgemeinmedizin einerseits und in der landärztlichen Versorgung andererseits vermischt. Das bereits erwähnte Berufsmonitoring Medizinstudierende und auch andere Untersuchungen zeigen aber, dass dies zwei getrennt zu betrachtende Herausforderungen sind, die auch unterschiedliche Lösungsansätze benötigen. Die Vermischung wird der Komplexität nicht gerecht und verhindert eine wirkliche Lösung der bevorstehenden Herausforderungen.

Was sind denn die Gründe dafür, dass viele Ärzte nicht aufs Land möchten?

Das sind natürlich sehr unterschiedliche, oft individuelle Gründe. Starke Tendenzen werden durch Arbeits- und Lebensbedingungen vor Ort hervorgerufen. Man muss sich auf einen anderen Lebensstandard einstellen: Wenn für die Partnerin oder den Partner kein Arbeitsplatz vorhanden ist oder nicht einmal eine Anbindung über die S-Bahn, wenn man nur die Möglichkeit hat, in Vollzeit mit 60 Stunden die Woche zu arbeiten und die Region zudem noch wenige attraktive Freizeitangebote bietet, dann ist es schwierig, Ärzte zum Gang auf das Land zu bewegen. Viele ländliche Regionen leiden unter genereller Abwanderung. Das betrifft nicht nur die Ärzte.

Speziell mit Blick auf die Medizin sind auch vehemente Defizite in der Versorgungsstruktur ein wichtiger Faktor. Nicht nur die Arbeitsbedingungen, sondern auch die Versorgungsstrukturen sind oft nicht mehr zeitgemäß. In vielen Regionen findet die ambulante Versorgung in vielen Einzelpraxen statt. Diese wären finanziell sogar attraktiv; aber viele Studierenden wollen später Familie und Beruf miteinander vereinbaren und sich fachlich auch mit anderen Ärztinnen und Ärzten austauschen bzw. im Team arbeiten. Auch für Ärztinnen und Ärzte, die noch einen Teil ihrer Tätigkeit an der Universität fortsetzen möchten oder anderweitige Projekte betreuen, ist es schwierig, dies fortzusetzen.

Das deckt sich mit einer internationalen Studie unseres Wissenschaftlichen Instituts. Demnach ist die Niederlassungsentscheidung auch in anderen Staaten vor allem von der Infrastruktur abhängig … und weniger von der Struktur des Gesundheitssystems und der Vergütung.

Dem stimmen wir teilweise zu. Im stationären Bereich ist das Gehalt – außer bei Führungskräften – ohnehin tariflich festgelegt. Im ambulanten Bereich spielt das Honorar durchaus eine große Rolle und Änderungen der Versorgungsstrukturen sind zwingend notwendig, um hochwertige Medizin leisten zu können und attraktive Arbeitsplätze anzubieten. Es ist aber bei den Studierenden zu früh. Viele beschäftigen sich noch nicht intensiv mit solchen ökonomischen Erwägungen. Das betrifft sie noch nicht.

Manche Kritiker der Privaten Krankenversicherung werfen ihr vor, dass sie schuld am Landarztmangel sei, weil es in den Städten mehr lukrative Privatversicherte gibt…

Ökonomische Anreize spielen eine Rolle in der Entscheidung für den späteren Arbeitsort. Aber laut unserem Berufsmonitoring, für das über 13.000 Medizinstudierende befragt wurden, gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass der ökonomische Faktor deutschlandweit der einzige Hauptfaktor dafür ist, wo sich junge Ärzte niederlassen. Auch die oben genannten Gründe, die gegen eine Niederlassung auf dem Land sprechen, sind ein relevanter Einflussfaktor, der unbedingt mitbedacht werden muss.

Wie könnte man denn mehr Ärzte aufs Land bringen?

Als erstes muss die Politik die Defizite in den Versorgungsstrukturen benennen und adressieren, um attraktive und zukunftsfähige Arbeitsplätze zu schaffen. Zweitens sollte man im Studium zum geeigneten Zeitraum die geeigneten und interessierten Leute herausfiltern, diese fördern, damit sie dann auch gern in den ländlichen Regionen arbeiten. Am Rande sei bemerkt: Wenn Mediziner nur deshalb aufs Land gehen, weil sie dadurch ihre Zulassung bekommen, aber eigentlich sofort wieder wegwollen, ist das auch nicht gut für die Versorgungsqualität. Hier erwarten wir klare und proaktive Signale der Politik und insbesondere der ärztlichen Selbstverwaltung ohne symbolpolitische Maßnahmen wie die Landarztquote.

 

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