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15.12.2016

PKV-Verbandsdirektor Volker Leienbach räumt im Interview mit FOCUS Online mit dem Mythos auf, dass die Beiträge in der PKV überdurchschnittlich stark steigen. „Vergleicht man die Beiträge mit denen der Gesetzlichen Krankenversicherung über die vergangenen zehn Jahre, war die Entwicklung der Beiträge in diesem Zeitraum fast identisch“, stellt Leienbach klar. Fakt sei aber auch, dass die steigenden Kosten des medizinischen Fortschrittes beide Systeme teurer machten.

FOCUS Online: Die Beiträge steigen zum 1. Januar 2017 bis den meisten privaten Krankenversicherungen stark an. FOCUS Online-Leser berichten von Beitragssteigerungen bis zu 40 Prozent. Auch Zusatzversicherungen werden teurer. Haben Sie schlecht gewirtschaftet?

Volker Leienbach: Vergleicht man die Beiträge der Privaten Krankenversicherung mit denen der Gesetzlichen Krankenversicherung über die vergangenen zehn Jahre, war die Entwicklung der Beiträge in diesem Zeitraum fast identisch. Die Gesetzliche Krankenversicherung ist pro Kopf und Jahr im Schnitt um 3,2 Prozent gestiegen, die PKV um 3,0 Prozent. Wir haben also gut gewirtschaftet.

FOCUS Online: Warum klaffen Realität und der Wahrnehmung der Versicherten so weit auseinander?

Volker Leienbach: Die Gesetzliche Krankenversicherung hat eine jährliche Beitragserhöhung, von der Sie zum Teil gar nichts mitbekommen: Mit jedem Euro, den Sie mehr verdienen, steigt auch ihr Krankenkassenbeitrag – zudem wird jedes Jahr die Beitragsbemessungsgrenze angehoben und auch die Zusatzbeiträge steigen. In der Privaten Krankenversicherung ist das anders, weil unsere Beiträge nicht an das Einkommen gekoppelt sind. Und anders als die Gesetzliche Krankenversicherung können wir die Beiträge erst nachträglich an die tatsächliche Kostenentwicklung anpassen, wenn ein Schwellenwert überschritten wurde.

FOCUS Online: Wie erklären Sie die hohen Beitragssteigerungen in diesem Jahr?

Volker Leienbach: Die Gesetze schreiben uns vor: Erst wenn die Leistungsausgaben um zehn Prozent (in manchen Tarif auch fünf Prozent) stärker steigen als vorher kalkuliert war, dürfen wir die Beiträge anpassen. Wenn die Ausgaben aber jedes Jahr z.B. nur um drei Prozent steigen, darf ich erst im vierten Jahr anpassen – dann bleibt der Beitrag drei Jahre unverändert, aber danach müssen auf einen Schlag die gesamten Jahre eingepreist werden.

FOCUS Online: Also haben sich die Versicherer verkalkuliert?

Volker Leienbach: Nein. Die Kosten des medizinischen Fortschritts kann man eben nicht vorhersehen, sondern muss sie je nach Entwicklung dann real einpreisen – das gilt für GKV und PKV gleichermaßen. Wenn die PKV dadurch ihre Beiträge anheben muss, schreibt das Gesetz vor, dass sie neben den Leistungsausgaben  dann auch alle anderen Kalkulationsgrundlagen aktualisieren muss. Und ein ganz wesentlicher Faktor ist dabei der Zins, zu dem die Alterungsrückstellungen am Kapitalmarkt angelegt werden können. Bisher haben die Versicherer meist mit einem Zins von 3,5 Prozent gerechnet. Den hat die Branche 2015 sogar noch deutlich übertroffen. Allerdings nur, weil die Unternehmen noch viele höher verzinste Anlagen aus früheren Jahren hatten, die nach und nach auslaufen. Heute gibt es einen deutlich geringeren Zinssatz, das Sparziel bleibt aber gleich. Was die Zinsen zurzeit nicht hergeben, muss deswegen durch eine höhere Vorsorge ausgeglichen werden, sodass der Beitrag steigt. Aber man darf nicht vergessen: Die Rückstellungen sind eine solide Vorsorge fürs Alter für alle Versicherten.

FOCUS Online: An stabile Beiträge glauben viele offenbar nicht mehr. Nach aktuellen Zahlen hat die PKV in den vergangenen fünf Jahren per Saldo 189.000 Versicherte verloren. Wie wollen Sie dem entgegenwirken?

Volker Leienbach: Der leichte Rückgang der PKV-Vollversicherten von 2012 bis 2015 um insgesamt 2,1 Prozent ist die logische Folge gesetzlicher Vorgaben. So wurde im selben Zeitraum die gesetzliche Einkommensgrenze zum Wechsel in die PKV um 10,6 Prozent erhöht, von 50.850 Euro im Jahr 2012 auf heute 56.250 Euro Jahresbruttoeinkommen. Das schränkt den Kreis der Versicherten mit Wahlfreiheit natürlich immer mehr ein. Zugleich ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse auf einen historischen Rekordstand gestiegen, dadurch mussten zigtausende privatversicherte Selbstständige beim Wechsel in eine sozialversicherungspflichtige Anstellung in die GKV wechseln, ob sie nun wollten oder nicht. Das sind zwangsläufige Entwicklungen, die mit der Frage der Leistungsfähigkeit oder Popularität der PKV rein gar nichts zu tun haben. Von einem Trend kann erst recht keine Rede sein, denn der negative Wechsel-Saldo zwischen GKV und PKV hatte seinen Tiefpunkt 2013, seitdem schwächt sich dieser Effekt von Jahr zu Jahr deutlich ab – und dürfte schon bald wieder in einen Positiv-Saldo zu Gunsten der PKV münden.

FOCUS Online: Wie steht es um die Finanzsicherheit der PKV?

Volker Leienbach: Ich will nicht beklagen, dass die Zinsen so sind wie sie sind. Die kapitalgedeckten Alterungsrückstellungen der PKV haben sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt, heute haben wir über 220 Milliarden Euro auf der hohen Kante. Wenn die mit fünf Prozent verzinst werden, ist das Ergebnis natürlich schöner, als wenn sie nur mit zwei Prozent verzinst werden. Aber selbst bei niedrigen Zinsen ist es doch immer noch besser, als gar keine Vorsorgepolster zu haben und alle zukünftigen Kosten der jüngeren Generation zuzuschieben, so wie es in der Gesetzlichen Krankenversicherung geschieht. Dort gilt nämlich ein reines Umlageverfahren, finanzielle Vorsorge wird nicht getroffen.

FOCUS Online: Müssen junge Versicherte, die jetzt abschließen, später damit rechnen, das ihre Beiträge ähnlich explodieren wie aktuell?

Volker Leienbach: Nein. Wenn in einem Tarif der Rechnungszins abgesenkt wird, ist der neue Rechnungszins mit dem neuen Beitrag bis ans Lebensende einkalkuliert. Sollte der Zins dann konstant bleiben, ist dafür also keine weitere Beitragsanpassung erforderlich. Aber natürlich weiß niemand, wie sich das Zinsniveau in der Zukunft weiter entwickeln wird. Doch Alterungsrückstellungen werden auf jeden Fall gebildet – so habe ich im Alter ein sicheres Polster, das Beitragssteigerungen bremst. Ein Effekt, den es in der Gesetzlichen Krankenversicherung nicht gibt. Hier werden zwingend immer weniger jüngere Versicherte für die stark steigenden Krankheitskosten von immer mehr Älteren zahlen müssen.

FOCUS Online: Können Krankheitskosten überhaupt noch voll versichert werden? Die Ausgaben im Gesundheitssystem steigen seit Jahren enorm – muss der Staat hier eines Tages sowieso zuschießen?

Volker Leienbach: Der Staat – das sind ja auch wieder die Versicherten – dann eben als Steuerzahler. Es ist also nur die Frage, ob Sie das Geld über Beiträge oder Steuern eintreiben. Wenn man aber das Geld über Steuern aufbringt, konkurriert das Gesundheitssystem mit anderen Ausgaben wie Militär oder Rente oder Verkehr – und dann entscheidet der Finanzminister über den Etat der Gesundheitsversorgung. In Ländern wie Spanien oder Griechenland können Sie beobachten, wohin das im Krisenfall führen kann. Das verhindern Sie nur über eine Beitragsfinanzierung.

FOCUS Online: Ein Argument für eine Bürgerversicherung lautet, dass dort die steigenden Kosten in einer größeren Versicherungsgemeinschaft besser verteilt werden könnten, weil jeder einzahlt. Brauchen wir also doch einen Systemwechsel?

Volker Leienbach: Wir haben ja gerade gesagt, dass die Umlagefinanzierung der GKV zu Problemen führen wird, wenn steigende Ausgaben für immer mehr Ältere auf immer weniger Beitragszahler im erwerbsfähigen Alter treffen. Ich sehe nicht, wie das Problem kleiner werden sollte, wenn wir einfach mehr Menschen in dieses Umlage-System holen. Die Bürgerversicherung ist reine Ideologie. Sie geht schon verfassungsrechtlich nicht und vor allem würde sie die medizinische Versorgung für alle Patienten in Deutschland rapide verschlechtern.

FOCUS Online: Gibt es Pläne, zumindest den Erhöhungsmechanismus für die Versicherten transparenter zu machen?

Volker Leienbach: Wir haben konkrete Vorschläge für eine Änderung der Kalkulationsvorschriften vorgelegt, um zu einer regelmäßigen, stetigeren Beitragsanpassung zu kommen. Hätten wir das in den vergangenen zehn Jahren gehabt, wäre die Beitragsentwicklung völlig unauffällig gewesen. Die Zahlen vom Beginn unseres Gesprächs zeigen: Wir sind sogar unter den Erhöhungen der Gesetzlichen Krankenkassen geblieben.

 

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