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Experten und Bürger diskutieren gemeinsam über ärztliche Versorgungspraktiken

 

27.09.2019

„Viel hilft viel – oder etwa nicht?“ – so lautete die zentrale Frage der sechsten „Sprechstunde“, zu der am gestrigen Abend die Stiftung Gesundheitswissen und ZEIT DOCTOR einluden. Was sind Ursachen für Fehlversorgung? Welche Rolle spielen Ärzte und Patienten? Wie lässt sich Überversorgung verhindern? Das Thema rund um Versorgungspraktiken in Deutschland sprach die Menschen offenbar an. Der denkmalgeschützte Meistersaal unweit des Potsdamer Platzes war gut gefüllt.

Moderatorin Corinna Schöps, Redaktionsleiterin von ZEIT DOCTOR, führte durch den Abend und band dabei das Publikum mit ein. Mit Kärtchen konnten die Zuhörer an geeigneter Stelle über ihre Erfahrung mit der ärztlichen Versorgung abstimmen.

Nicht immer sind medizinische Diagnostiken und Behandlungen sinnvoll. Manchmal behandeln Ärzte mehr als medizinisch notwendig. Für Patienten kann sich die Überversorgung negativ auf das gesundheitliche Wohlbefinden auswirken oder sogar gefährliche Folgen haben. Unter-, Über- und Fehlversorgung sei auch in Deutschland Realität, sagte Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Gesundheitswissen, in seiner Begrüßungsrede.

Experten sehen mehrere Gründe für Fehlversorgung

Doch was sind die Ursachen für Missverhältnisse in der medizinischen Versorgung? Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es wohl nicht. Das zeigte die Diskussion der Experten auf dem Podium.

Prof. Dr. Alena Buyx, Professorin für Medizinethik an der Technischen Universität München und Mitglied des Deutschen Ethikrates, verwies auf die Ökonomisierung im Gesundheitswesen. „Fehlanreize sind ein medizinethisches Problem“, sagte die Wissenschaftlerin. Das Problem entstünde, wenn kaufmännische Abteilungen Ärzte dazu anhielten, mehr Einkünfte zu generieren. Prof. Dr. David Klemperer, Internist und Professor für Sozialmedizin und Public Health an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, knüpfte daran an: Vielen Kliniken ginge es aber nicht zwangsläufig um Rendite, sondern lediglich um ihre Existenz. Der ökonomische Druck sei hoch.

Auch eine zunehmende diagnostische Breite erschwere eine ausgewogene Versorgung, gab Dr. Anne Letsch, Oberärztin des Palliativbereichs der Klinik für Hämatologie und Onkologie der Charité Berlin, zu bedenken. Immer neue Medikamente vergrößerten zwar das Therapieangebot, könnten aber nicht den erwünschten Therapieerfolg einlösen. Die Onkologin sprach dabei aus ihrem beruflichen Alltagserfahrungen: Gerade schwerkranken Patienten helfe es manchmal mehr, auf spezielle Behandlungen zu verzichten, weil so Lebensqualität bei etwa gleicher Lebenserwartung erhalten bleiben könne. Dr. Hans-Otto Wagner, Facharzt für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, bestätigte diese Ansicht. Der Mediziner warnte, dass unnütze Diagnostiken und Therapien zur Verschwendung wichtiger Ressourcen führe. Das berge ein großes gesellschaftliches Risiko.

Die Patienten spielen ebenfalls eine wesentliche Rolle, da schienen sich alle Experten einig. So nehme die Erwartungshaltung zu. „Die Patienten glauben an die Machbarkeit von Gesundheit“, sagte Allgemeinmediziner Wagner. Das sei nicht immer einlösbar. Besonders dann nicht, wenn die Ursachen von körperlichen Leiden psychosoziale Ursachen hätten. Die Erwartungen der Patienten übten wiederum Druck auf die behandelnden Ärzte aus. Das führe dazu, dass einige Mediziner versuchen würden, mit umfangreicheren Behandlungen zu reagieren. „Ich muss auch mal einen Patienten nach Hause schicken, der damit nicht so zufrieden ist“, so Wagner. 

Bessere Kommunikation kann Defizite in der Versorgung verhindern                

Welche Lösungen gibt es? Auch hier überschnitten sich die Ansichten der Experten: Das Wichtigste sei die richtige Kommunikation. Das Stichwort laute „sprechende Medizin“, meint Letsch. Ärzte sollten mehr Freiräume bekommen, um die Patienten über den tatsächlichen Nutzen von Therapien aufzuklären. „Ärzte und Patienten müssen gemeinsam schlüssige Ergebnisse und Ziele für therapeutische Maßnahmen setzen“, schlägt Klemperer vor. „Shared Decision Making“ müsse weiter Einzug in den Behandlungsalltag finden. Ebenso sei eine Stärkung des Primärarztsystem wichtig, findet Wagner. Angesicht der im europäischen Vergleich hohen Anzahl an Arztkontakten pro Patient fordert die Medizinethikerin Buyx gar einen „Kulturwandel“.

 

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