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„Die Digitalisierung ist sozusagen ein Zubrot“

© ALM

ALM-Vorsitzender Dr. Michael Müller

 

05.10.2020

Die medizinischen Labore erhalten in Zeiten der Corona-Pandemie besondere Aufmerksamkeit. Im Interview erklärt Dr. Michael Müller, Erster Vorsitzender des Verbands der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM), wie die Digitalisierung den Labormedizinern hilft – und wie er eine optimale digitalisierte Patientenversorgung in der Zukunft einschätzt. Mit ihm sprach PKV-Pressereferentin Christina Betz.

Herr Dr. Müller, eine Lehre der Corona-Pandemie ist, dass Deutschland bei der Digitalisierung deutlich hinterherhinkt. Wie könnte sie ganz konkret den Labormedizinern helfen?

Für die fachärztlichen Laboratorien ist Digitalisierung bereits seit Jahrzehnten ein wichtiges Thema: Schon seit den 90er-Jahren übermitteln wir einen Großteil unserer ärztlichen Befunde an die zuweisenden Praxen auf elektronischem Weg. Aber es gibt noch viel zu tun: Positive Befunde werden künftig auf einem strukturierten, standardisierten elektronischen Weg an das Gesundheitsamt gemeldet –früher geschah das per Zettel und Fax. Auch die Überweisung für das Labor und die Befundrückübermittlung werden zunehmend digitaler, so dass der Anteil an niedergelassenen Praxen und Krankenhäusern, die digital miteinander vernetzt sind, steigt.

 

Welche Innovationen sind für Sie besonders wichtig?

Das sind zum Beispiel die Methoden und die Technik, was die Übertragung von Daten angeht. Es ist wichtig, etwa die Daten für die elektronische Patientenakte zu standardisieren und zu strukturieren, damit alle verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten diese Daten verstehen, gleich darstellen und damit für die Nutzerinnen und Nutzer gewinnbringend einsetzen.

Wie sieht die für Sie optimale, digitalisierte Patientenversorgung in zehn Jahren aus?

Der erste Teil dieser Optimierung der Digitalisierung ist wohl der langweiligste: Es käme darauf an, sich einmal zu überlegen, wie die Daten, die wir für die Digitalisierung benötigen, strukturiert und standardisiert sein sollen. Und wenn wir einmal wissen, wie wir digital miteinander sprechen wollen, sind alle möglichen Anwendungen denkbar. Dann wären Körperfunktionen, Befunde, Bilder, Fragestellungen, Kommunikation und die Abfrage von Informationen digital verfügbar, das stelle ich mir in zehn Jahren halt so vor sind. Ich bin ganz sicher, dass künstliche Intelligenz, die algorithmenbasierte Versorgung, zunehmend Raum einnehmen wird, ohne – und das halte ich für genauso wichtig – die persönliche, individuelle Beziehung zwischen Ärztin oder Arzt, Patientin oder Patient infrage zu stellen. Denn das wird immer so bleiben: Zwei Menschen sitzen oder stehen sich gegenüber, um ein Patiententhema besprechen. Die Digitalisierung ist sozusagen ein Zubrot: eine Unterstützung dieser Beziehung – und kein Ersatz.

Wie groß ist das Verständnis unter den Ärzten und Patienten für den eingeschlagenen Weg in Richtung Digitalisierung?

Es ist – wie im richtigen Leben – völlig normal: Es gibt die, die ganz hektisch und ungeduldig sind. Die würden schon heute gern das haben, was wir vielleicht erst in zehn Jahren erreicht haben. Dann gibt es viele, die offen und konstruktiv sind, auch bereits digitale Anwendungen nutzen. Und es gibt den Skeptiker- und den Ablehnerteil. Je mehr wir gewinnen, die sagen, dass sie einen Nutzen von der Digitalisierung haben, desto besser ist es natürlich. Dabei helfen gute Ergebnisse und die Beachtung von Risiken wie Datensicherheit und technische Sicherheit. Wer hat Kontrolle über meine Daten? Was passiert, wenn ich die Daten einem anderen gebe? Wie geht er damit um? Auch wenn viele Menschen in anderen Bereichen relativ sorglos mit ihren persönlichen Daten umgehen, müssen wir dieses Thema hier mit bedenken. Durch Kommunikation, durch Erklärung und die Erklärung des Nutzens wird man das aber beherrschen können.

 

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