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Digitale Gesundheit: Chatten statt faxen

© Siilo

 

21.09.2020

Der Hausarzt, der einen Patienten an einen Spezialisten überweist; der Facharzt, der eine zweite Meinung einholt – sie beide haben eines gemeinsam: Sie kommunizieren mit Kollegen über sensible Informationen. Am häufigsten per Telefon, manchmal per Fax oder Brief, und auch per Smartphone-Messenger wie WhatsApp. Doch jeder dieser Kanäle hat seine Tücken: Anrufe enden bisweilen in Warteschleifen, Faxe haben schlechte Qualität, die Post dauert lange, WhatsApp ist datenschutzrechtlich zumindest bedenklich. Hier kommt Siilo ins Spiel: Mit seiner gleichnamigen App ermöglicht das Unternehmen medizinischen Fachkräften sicheres Instant-Messaging. Der vom PKV-Verband initiierte Venture-Capital-Fonds Heal Capital investierte jüngst 9,5 Millionen Euro in das Digital-Health-Unternehmen.

Siilo funktioniert im Prinzip ähnlich wie andere Messenger auf dem Smartphone: Nutzer können in Echtzeit Nachrichten, Dateien, Fotos und Videos austauschen sowie Sprach- und Videoanrufe tätigen. Im Gegensatz etwa zu WhatsApp oder Slack fokussiert Siilo jedoch konsequent auf den medizinischen Bereich. Als Herzstück bezeichnen die Macher die sogenannte Fälle-Funktion. Sie hilft, medizinische Sachverhalte zu besprechen, ohne mit vielen anderen Fragestellungen und Details durcheinanderzukommen. Diese Besprechungen können unterschiedlich angelegt sein: bilateral zwischen behandelnden Ärzten, abteilungsintern mit einer festgelegten Gruppe oder als größer angelegte Kommunikation unter Siilo-Nutzern. Ein Mediziner-Verzeichnis ermöglicht, schnell Kontakt zu anderen Experten aufnehmen zu können. Wer sich bei Siilo registrieren lassen möchte, muss sich als Arzt oder medizinische Fachkraft (zum Beispiel durch den Heilberufeausweis) identifizieren. Der Siilo Messenger ist kostenfrei in den gängigen App-Stores verfügbar.

Bundesärztekammer fordert sichere Messenger-App

Sassan Sangsari ist Ärztlicher Leiter bei Siilo. Während seines Medizinstudiums in Kanada und auch bei seiner Tätigkeit in der Herzchirurgie der Uniklinik Köln ist ihm eines immer wieder aufgefallen: „Ärzte nutzen gern ihre Handys, vor allem Messenger-Apps, um schnell, niederschwellig und ganz unbürokratisch Dinge des klinischen Alltags zu besprechen.“ Sie mögen es, ihr Privatleben auf diese Weise zu organisieren – und übertragen diese Gewohnheit auf den beruflichen Kontext. „Die Mittel, die uns der offizielle Dienstweg eigentlich vorgibt, können einfach nicht mehr mithalten“, sagt Sangsari. Gemeint sind Fax und Telefon. Auch die Bundesärztekammer fordert eine „sichere Messenger-App zur innerärztlichen Kommunikation“ (im Video ab Min. 7:21).

 

Eine repräsentative Umfrage des Deutschen Datenschutzinstituts ergab bereits 2017, dass rund 98 Prozent der Krankenhausärzte Messenger-Dienste wie WhatsApp nutzen – mehr als die Hälfte von ihnen auch, um Befunde ihrer Patientinnen und Patienten zu übermitteln. Die Hälfte der Befragten speichert Fotos von Patienten oder Befunden im Kameraverzeichnis ihres Smartphones.

Hohe Anforderungen der Datenschutzkonferenz

Vor dem Hintergrund des geltenden Datenschutzes, insbesondere der europäischen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), ist das nicht unproblematisch. Der niederländische Chirurg Joost Bruggeman bezog die neuen Regelungen in die Entwicklung seines Produkts ein – er gründete Siilo kurz vor Beschluss der DSGVO im Jahr 2016. Viele Akteure im medizinischen Bereich waren zunächst unsicher, was die DSGVO für sie bedeute, berichtet Daniel Pourasghar, Deutschland-Chef und zuständig für die internationale Expansion bei Siilo. Im vergangenen Jahr habe die Datenschutzkonferenz der unabhängigen Datenschutz-Beauftragten des Bundes und der Länder dann die Anforderungen an digitale Messenger im Krankenhaus-Bereich definiert. „Die Messenger müssen zum Beispiel eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung haben und eine Containerlösung sein“, erläutert Pourasghar: „Die Daten müssen also auf dem Telefon getrennt von anderen Apps verwahrt werden.“ Beides trifft auf Siilo zu. Außerdem werden die App-internen Informationen auf dem Gerät nach 30 Tagen gelöscht. Auch außerhalb des Telefons legt Siilo Wert auf eine möglichst kurze Datenspeicherung: Sie lagern auf Servern innerhalb der EU – aber nur so lange, bis sie an das Empfänger-Gerät übertragen werden können. Anschließend werden sie vom Server gelöscht. Nach eigenen Angaben ist Siilo die einzige Messenger-App in Deutschland, die nicht nur DSGVO-konform ist, sondern den Anforderungen der Datenschutzkonferenz entspricht.

 

© Siilo 2020

Daniel Pourasghar, Vice President Siilo

 

Darüber hinaus gilt auch bei der Nutzung von Siilo die ärztliche Schweigepflicht. Diese Verantwortung trägt jede Ärztin und jeder Arzt nach wie vor selbst. „In diesem Sinne sind wir ein technisches Hilfsmittel wie Fax und Telefon“, erläutert Sassan Sangsari. Wer welche Daten mit wem teilen darf, regele das Gesetz – nicht die Technik. Insbesondere für große Chats, die eher der Fortbildung dienen, müssten Daten anonymisiert werden. Siilo hat dafür eine Verwisch-Funktion entwickelt, die personenbezogene Informationen unkenntlich macht.

Siilo – der Name des Unternehmens spielt auf die Vision des Gründers Joost Bruggeman an: weg von isolierten Datensilos und hin zu globaler Vernetzung. „Wir wollen die Arbeitsabläufe von Medizinern vereinfachen und den Zugang zu Fachwissen erleichtern“, erläutert Daniel Pourasghar. Das gesamte Gesundheitssystem solle so effizienter werden.

Stichwort: Intersektorale Kommunikation

Intersektorale Kommunikation ist das Stichwort. Christopher Ahlers und Erik Rafflenbeul berichten aus der Praxis: Ahlers ist niedergelassener Radiologe in Wiesbaden und einer von deutschlandweit rund 23.000 Siilo-Nutzern. Er schätzt vor allem die schnelle Information bei Akut-Fällen. „Zuweisende Haus- und Fachärzte nehmen über Siilo Kontakt mit uns auf, um einen dringenden Untersuchungstermin anzufragen oder Informationen zu gemeinsamen Patienten zu übermitteln“, berichtet Christopher Ahlers. So könne er zum Beispiel ein anstehendes MRT einplanen. Leitet er selbst eine Klinikeinweisung ein, informiert er via Siilo den behandelnden Arzt vorab über seinen Befund.

Erik Rafflenbeul, Oberarzt in der Kardiologie und Angiologie in der Schön Klinik Hamburg-Eilbek, bestätigt die Überwindung der Sektorengrenzen: „Die Chef- und Oberärzte unserer Klinik tauschen über Siilo zum Beispiel Laborbefunde, Echobilder und Fotos mit niedergelassenen Ärzten aus.“ Für ihn hat die App vielfachen Nutzen. Sie ersetze die früher übliche asynchrone Kommunikation und ermögliche immensen Wissenszuwachs und -austausch. Auch die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie nutze die Kommunikationsplattform Siilo Connect, erklärt Rafflenbeul: „Hier vernetzen sich Mediziner, besprechen Herzkatheterfilme und informieren über Fortbildungen.“

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist der Bedarf dezentral zusammenzuarbeiten besonders deutlich geworden. Mehr als 100 Klinik- und Expertennetzwerke haben sich binnen kürzester Zeit auf Siilo registriert, berichtet Daniel Pourasghar. Das Unternehmen hatte seine Servicegebühr für die Plattform Connect als Beitrag zur Pandemie-Bekämpfung ausgesetzt.

Für Erik Rafflenbeul und Christopher Ahlers ist klar: Der Weg führt zur Netzwerkmedizin. „In Sachen Digitalisierung hängen wir in Deutschland sehr hinterher“, meint Ahlers: „Dabei kann sie uns vor allem in der Medizin sehr weiterbringen. Noch gebe es einen Flickenteppich an unterschiedlichen Kommunikationsmitteln und daher viele Medienbrüche. „Ich würde es sehr begrüßen, wenn sich noch mehr Ärzte auf einen Kanal einigen, um effizienter arbeiten zu können“, fordert der Radiologe. Erik Rafflenbeul weiß: „Natürlich gibt es auch unter Ärzten Skeptiker der Digitalisierung. Aber immer mehr erkennen auch den Nutzen und die damit verbundenen Chancen der neuen Möglichkeiten.“ Für sich selbst, aber letztlich vor allem für ihre Patienten.

 

Siilo

Gegründet im Jahr 2016 von dem niederländischen Chirurgen Joost Bruggeman, zählt das Unternehmen mittlerweile 250.000 aktive Mitglieder weltweit. Die meisten Nutzer gibt es nach wie vor im Heimatmarkt Niederlande, wo rund 70 Prozent der Hausärzte über Siilo kommunizieren. Jeden Monat werden rund um den Globus mehr als 20 Millionen Nachrichten ausgetauscht. Mit etwa 23.000 Mitgliedern in Deutschland ist das Unternehmen Marktführer unter den datenschutzkonformen Messenger-Diensten. In den vergangenen zwölf Monaten wuchs Siilo hierzulande um 250 Prozent.

Mehr über Siilo

 

© Siilo 2020

Siilo-Gründer Arvind Rao und Joost Bruggeman

 

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