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Corona in Deutschland: Eine Zwischenbilanz von Ärztepräsident Dr. Klaus Reinhardt

16.07.2020

Im Interview mit dem PKV-Verband zieht der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt, eine erste Zwischenbilanz zur Corona-Pandemie in Deutschland. Im Mittelpunkt stehen dabei die großen Herausforderungen der Corona-Krise für die Ärztinnen und Ärzte in den Praxen und Krankenhäusern. Daneben gibt Reinhardt aber auch eine Einschätzung dazu, wie sich das deutsche Gesundheitssystem im internationalem Vergleich in dieser ungewöhnlichen Härteprüfung geschlagen hat.

Herr Dr. Reinhardt, wir wollen Zwischenbilanz ziehen nach einigen Monaten Corona in Deutschland. Mal ganz klischeehaft gefragt: Wie geht‘s uns denn heute? Also den Ärztinnen und Ärzten, gerade auch gesundheitlich, denn sie hatten ja viele Berührungspunkte mit dem Virus?

Es waren nicht nur Ärztinnen und Ärzte in Niederlassung und Klinik, sondern auch das Pflegepersonal und medizinische Fachangestellte, die Außergewöhnliches geleistet haben. Und das Außergewöhnliche bestand zu Beginn der Pandemie im Wesentlichen darin, dass wir nicht ausreichend Schutzmasken und Schutzkleidung hatten und uns damit auch selber gefährdeten. Die Zahl des erkrankten Gesundheitspersonals ist mit ungefähr 20.000 angegeben, etwa elf Prozent aller Infizierten. Man war also im Gesundheitswesen in besonderer Weise gefährdet.

 

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Welches waren denn ganz konkret die großen organisatorischen Herausforderungen? Sie hatten die Schutzausrüstung schon angesprochen - was kam da noch hinzu?

In den Sprechstunden der niedergelassenen Kollegen musste natürlich dafür gesorgt werden, dass potenziell infizierte Patienten mit Symptomen nicht mit vulnerablen Gruppen in der Praxis aufeinandertrafen, um weitere Infektionen zu vermeiden. Das hat die meisten vor große Herausforderungen gestellt. Diese sind aber sehr pragmatisch, innovativ und mit sehr viel Engagement gelöst worden.

Jetzt sind wir im internationalen Vergleich – Stand heute – in Deutschland gut durch die Krise gekommen. Da gehört wahrscheinlich auch ein bisschen Glück dazu. Aber was hat Ihrer Auffassung nach unser Gesundheitswesen dazu beigetragen? Wo sind wir vielleicht auch besser aufgestellt als andere?

Wir sind deutlich besser aufgestellt, weil wir ein sehr leistungsfähiges und ein sehr gut ausgerüstetes ambulantes Versorgungssystem haben. In dieser Form gibt es das vielleicht noch in Österreich, in der Schweiz, aber sonst fast nirgendwo, auch nicht im übrigen europäischen Ausland. Außerdem verfügen wir bezogen auf die Bevölkerung über die größte Kapazität an Intensivbetten in ganz Europa oder sogar weltweit. Das bedeutet, wir waren nie an einem Punkt, wo Beatmungsplätze oder Intensivplätze so knapp waren, dass wir Allokationsentscheidungen treffen mussten zwischen zwei Patienten. Das ist glücklicherweise an uns vorbeigegangen, anders als in Frankreich, Italien und Spanien.

Hat sich denn in Corona-Zeiten auch bewährt, dass wir in Deutschland noch ein paar freiheitliche Elemente in der Versorgung haben? Sagt das auch etwas aus über unser Gesundheitssystem und seine Stärken, dass die Verantwortung des Einzelnen noch eine gewisse Rolle spielt und nicht nur eine gelenkte Bürokratie?

Ob jetzt die Verantwortung des Einzelnen in dem Kontext wirklich von Bedeutung war, weiß ich nicht. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass die Dualität unseres Versicherungssystems von großer Bedeutung ist – auch wenn uns das häufig im politischen Raum als nicht mehr zeitgemäß, unangemessen oder als Zweiklassenmedizin vorgeworfen wird. Solche Vorurteile oder Fehlauffassungen werden und immer wieder gebetsmühlenartig vorgehalten. Man kann feststellen: In den staatlich gelenkten Systemen in England, Holland, auch in Spanien und Italien ist es bei weitem schlechter gelaufen, als in dem Mix-System, in dem wir seit 60 Jahren leben. Und in dem deutlich stärker privat organisierten System, nämlich in den Vereinigten Staaten, ist es auch ganz schlecht gelaufen.

Nun gibt es im linken Spektrum schon wieder Politiker, die sagen, aus Corona müssen wir jetzt eine Lehre ziehen und im Grunde unser Gesundheitssystem ganz umkrempeln.

Wer das meint, der soll nach England fahren und sich anschauen, wie die Coronakrise in London verlaufen ist. Und das sagt eigentlich alles aus, wenn man nur die Verfassung und Struktur eines Gesundheitswesens betrachten möchte. Corona liefert jetzt wirklich wenig gute Argumente dafür, das duale Krankenversicherungssystem zu verändern.

 

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