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"Aktuelle" Wartezeiten-Studie auf alter Rechtsgrundlage

Wartezimmer in Arztpraxis

© istock: isayildiz

 

29.06.2020

„Geht zum Arzt, BITTE “, appellierte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gemeinsam mit den Kassenärzten Ende Mai in der BILD. Mit Beginn der Corona-Pandemie war die Zahl der Arztbesuche deutlich zurückgegangen. Niedergelassene Fachärzte für Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen etwa verzeichneten in den ersten Monaten der Krise bis zu 50 Prozent weniger Patientinnen und Patienten in ihren Praxen.

Wie aus der Zeit gefallen erscheinen da aktuelle Medienberichte über eine neue Wartezeiten-Studie des Essener Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung RWI. „Kassenpatienten müssen doppelt so lange auf einen Arzttermin warten wie Privatversicherte“, fasst DIE ZEIT die Ergebnisse zusammen. Die Wissenschaftler hatten bei rund 1.000 Facharztpraxen in ganz Deutschland nach Terminen gefragt und dabei festgestellt, dass Privatversicherte schneller und mit größerer Wahrscheinlichkeit einen Arzttermin bekommen.

Wartezeiten-Studie mit begrenzter Aussagekraft über allgemeine Versorgungslage

Es überrascht nicht, dass die Befürworter einer Bürgerversicherung in der Studie Belege für eine vermeintliche Zwei-Klassen-Medizin suchen. Dabei ist die Erhebung offensichtlich nicht dazu geeignet, allgemein verbindliche Aussagen über die tatsächlichen Wartezeiten auf einen Arzttermin in Deutschland zu treffen:

  • Die RWI-Studie ist mit ihrem Erscheinen bereits überholt. Die Feldstudie mit den fingierten Anrufen fand zwischen April 2017 und Mai 2018 statt. Im Jahr 2019 jedoch hat der Bundestag das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) beschlossen, um die Wartezeiten für Versicherte der gesetzlichen Krankenkassen zu verkürzen. Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigung vermitteln jetzt bundesweit und rund um die Uhr Termine bei Haus- und Fachärzten.
  • Die RWI-Studie betrachtet nur Termine für nicht dringende Diagnostik wie Allergietest, eine Magenspiegelung oder einen Hörtest. Der Fokus liegt also auf alltäglichen Routine-Untersuchungen beim Facharzt. In Notfällen und bei akutem Behandlungsbedarf gibt es überhaupt keine Wartezeiten-Unterschiede zwischen Kassen- und Privatversicherten. Das zeigt eine Wartezeiten-Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP).

„Objektiv betrachtet haben wir keine generelle Wartezeitproblematik“, kommentiert Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die Ergebnisse der RWI-Studie in der F.A.Z.. Die KBV ermittelt in ihrer jährlichen Versichertenbefragung die tatsächlichen Wartezeiten der Patienten. Der Großteil der befragten Personen hatte im Jahr 2019 sofort einen Termin beim Haus- oder Facharzt erhalten. Etwa 70 Prozent der Menschen in Deutschland warteten maximal eine Woche auf ihren letzten Arzttermin.  

Einheitliche Vergütungsordnung: Höhere GKV-Beiträge, keine kürzeren Wartezeiten

Wie die RWI-Studie, weist auch die KBV-Versichertenumfrage unterschiedliche Wartezeiten von privat und gesetzlich Versicherten nach. Die Studienautoren des RWI führen diesen Umstand auf die höhere Vergütung für medizinische Behandlungen durch die Private Krankenversicherung zurück. Eine Angleichung der beiden Vergütungssysteme hätte jedoch starke negative Auswirkungen auf die ambulante Versorgung:

Mehr als 6 Milliarden Euro würden nach Berechnungen des WIP den niedergelassenen Haus- und Fachärzten verloren gehen, würde der PKV-typische Mehrumsatz entfallen. Einer Arztpraxis würden dadurch im Schnitt etwa 50.000 Euro pro Jahr weniger für Personal oder die Einführung neuer innovativer Behandlungsmethoden zur Verfügung stehen. Eine Kompensation dieses PKV-Mehrumsatzes durch die Gesetzliche Krankenversicherung würde dort zu deutlich höheren Beitragssätzen führen. Gleichzeitig würden sich die Wartezeiten für Kassenpatienten aufgrund des Anteils der PKV-Versicherten in der Gesamtbevölkerung von rund zehn Prozent nicht spürbar verkürzen.      

„International betrachtet stehen wir spitzenmäßig da.“

Das deutsche Gesundheitssystem mit GKV und PKV bietet allen Versicherten die im europäischen Vergleich kürzesten Wartezeiten. Repräsentative nationale und internationale Erhebungen zeigen, dass Patienten in anderen Ländern sehr viel länger auf medizinische Behandlung warten müssen als hierzulande. „International betrachtet stehen wir spitzenmäßig da“, weist Gassen auf die Leistungsfähigkeit für alle Versicherten hin. Diese Einschätzung bestätigt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Deutschland führe im internationalen Vergleich eine Phantomdebatte über die Wartezeiten, schrieb die OECD im Jahr 2017. In ihrem aktuellen Ländervergleich „Waiting Times for Health Services: Next in Line“ hat sie ihre Einschätzung erst kürzlich untermauert.

 

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