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Keine Lust aufs Landleben? Warum Ärzte lieber in der Stadt arbeiten

Keine Ärzte auf dem Land

© istock: @sergeyIT

 

14.05.2019

Video-Aufrufe bei YouTube, Anzeigen bei Ebay, Vermittlungsprämien – um neue Ärzte von einer Praxisübernahme zu überzeugen, legen sich einige Gemeinden in Deutschland ganz schön ins Zeug. Denn auf dem Land gestaltet sich die Suche nach neuen Ärzten zunehmend schwieriger. Immer öfter droht Landarztpraxen die Schließung, weil Ärzte, die in den Ruhestand gehen, keinen Nachfolger finden.

Die jüngsten Daten des Bundesarztregisters der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zeigen, dass Deutschlands Städte ein deutlich dichteres Ärztenetz aufweisen als in ländlichen Regionen. Die eigene Praxis auf dem Land scheint für viele Ärzte keine attraktive Vorstellung mehr zu sein. Wer daran etwas ändern möchte, muss die Frage beantworten, warum sich der ärztliche Nachwuchs lieber für die Stadt entscheidet.

Folgen Ärzte nur dem Geld und nicht den Kranken?

Eine populäre Erklärung für den Landarztmangel wird gerne von den Befürwortern einer Bürgerversicherung angeführt. „Die meisten Ärzte zieht es dorthin, wo es viele Privatversicherte gibt, an denen sie deutlich mehr verdienen“, behauptete erst kürzlich Karl Lauterbach, Gesundheitspolitiker und SPD-Fraktionsvize im Bundestag, in den Saarbrücker Nachrichten. Für die Behandlung von Privatversicherten erhalten niedergelassene Ärzte in der Regel deutliche höhere Honorare als für Kassenpatienten. Dieser sogenannte Mehrumsatz betrug im Jahr 2016 immerhin mehr als 6 Mrd. Euro bzw. durchschnittlich 53.000 Euro je niedergelassenem Arzt.

Allgemeiner Trend zur Urbanisierung verschärft Landarztmangel

Der These Lauterbachs widerspricht der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages (WD). Die Urbanisierung sei eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, der sich auch beim ärztlichen Nachwuchs beobachten lasse, lautet die Einschätzung des WD (PDF-Dokument) zur geringen Anziehungskraft des ländlichen Raums.     

Das Leben in der Stadt passt besser zur individuellen Lebensplanung junger Mediziner. Bei einer Umfrage zu den Berufserwartungen von Medizinstudierenden lagen sogenannte „weiche“ Kriterien bei der Wahl des zukünftigen Arbeitsplatzes vorne. Den angehenden Ärzten waren eine funktionierende Verkehrsanbindung, gute Jobaussichten für den Partner, Kitaplätze und Schulen für die Kinder sowie kulturelle Freizeitangebote wichtig. Das Einkommen spielte dagegen eine untergeordnete Rolle.

Flexible Arbeitszeiten und Teilzeit-Boom

Damit einher geht ein Wandel in der Arbeitswelt, den Wissenschaftler regelmäßig der sogenannten „Generation Y“, also jenen Männern und Frauen, die in den 80er und 90er Jahren geboren wurden, zuschreiben. Sie bevorzugen flache Hierarchien, das Arbeiten im Team sowie flexible Arbeitszeiten. Die zukünftigen Mediziner messen der Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf einen hohen Stellenwert zu, wie eine Befragung der Landesärztekammer Hessen herausfand. Bei Vertragsärzten liegen Anstellung und Teilzeit im Trend, vermeldete die KBV bereits 2016 – Bedürfnisse, die sich nur schwer mit dem Bild des Landarztes als Einzelkämpfer in Einklang bringen lassen.

Urbanisierung ist ein internationales Phänomen

Die Urbanisierung in der ambulanten Versorgung ist kein rein deutsches Phänomen. Eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der Privaten Krankenversicherung (WIP) zur regionalen Verteilung von Ärzten hat gezeigt, dass sich die Ärzte in OECD-Ländern mit vergleichbarer Wirtschaftskraft ebenfalls bevorzugt in Ballungszentren ansiedeln – unabhängig von den vorhandenen Vergütungssystemen.

Ärzte auf dem Land profitieren überproportional von Privatversicherten

So stellt sich zuletzt die Frage, ob Ärzte in den Städten überhaupt so viel stärker von den höheren Honoraren der Privatpatienten profitieren wie von Karl Lauterbach behauptet. Das Ergebnis des PKV-Regionalatlas Bayern (PDF-Dokument), in dem eine alters- und kostenadjustierte Berechnung der Mehrumsätze vorgenommen wird, ist eindeutig: Die Landarztpraxen in Bayern haben 2017 überproportional von den Mehrumsätzen der Privatversicherten profitiert.

Während zum Beispiel im urbanen München mit 281 niedergelassenen Ärzten fast doppelt so viel Ärzte auf 100.000 Einwohner kommen wie im Landkreis Wunsiedel (146), fallen in München die durchschnittlichen Mehrumsätze im Realwert mit 37.851 Euro je niedergelassenem Arzt deutlich geringer aus als im Landkreis Wunsiedel mit im Schnitt 67.656 Euro.

 

Dr. Christina Arentz zum Landarztmangel in Deutschland

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