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Anlage: Antworten des PKV-Verbands auf Fragen der ZEIT-Redaktion

21.09.2017

Anlage
zum Faktencheck „Der Riss im System“, aus DIE ZEIT Nr. 39/2017 (21.9.2017)

Antworten des PKV-Verbands auf Fragen der ZEIT-Redaktion

Frage 1.) Wie viele Bluter sind bei privaten Krankenversicherungen in Deutschland vollversichert?

Antwort: Die Bluterkrankheit ist in den allermeisten Fällen eine angeborene Krankheit. In der Kindernachversicherung der PKV wird jedes neugeborene Kind ohne Gesundheitsprüfung (also völlig unabhängig von etwaigen Erkrankungen oder Behinderungen) aufgenommen – ebenso wie in der Gesetzlichen Krankenversicherung. Daher wird es auch in der PKV eine Reihe von Blutern geben. Aber statistische Daten zu Versichertenzahlen in Bezug auf einzelne Krankheiten liegen dem PKV-Verband nicht vor.

Frage 2.) Wie hoch sind die kumulierten Ausgaben der privaten Krankenversicherungen für die Patientengruppe der Bluter in Deutschland?

Antwort: Statistische Daten zu den Ausgaben für diese Patientengruppe liegen dem PKV-Verband nicht vor.

Frage 3.) Wieviel Hartz-4-Empfänger sind in der PKV vollversichert?

Antwort: Anders als in der Gesetzlichen Krankenversicherung wird die Höhe des persönlichen Einkommens bei einem Versicherungsverhältnis in der Privaten Krankenversicherung nicht erhoben, da für die PKV-typische risikoäquivalente Kalkulation nur der individuell gewählte Leistungsumfang und das persönliche Alter sowie der Gesundheitszustand bei Vertragsbeginn relevant sind. Statistische Daten zu Ihrer Frage liegen dem PKV-Verband daher nicht vor.

Frage 4.) 2012 hat das WIP eine Studie veröffentlicht zur Einkommenssituation von Privatversicherten. Das Fazit: „Damit kann widerlegt werden, dass in der PKV hauptsächlich Personen mit hohen Einkommen versichert sind.” In der Studie fehlt allerdings als Vergleichsmaßstab die Einkommenssituation der gesetzlich Versicherten. Warum wurde dieser weggelassen? Und wie hoch sind deren Einkommen in dem von Ihnen verwendeten Datensatz?

Antwort: In der erwähnten Studie zur sozioökonomischen Struktur der PKV-Versicherten zeigte das Wissenschaftliche Institut der PKV (WIP), dass 19,6 % aller Privatversicherten ein Einkommen oberhalb der Versicherungspflichtgrenze aufwiesen. Dies ist ein Beleg dafür, dass ein Großteil der Privatversicherten eben nicht zu „Besserverdienenden“ zählt, wie vielfach behauptet wird.

Von dieser Aussage losgelöst ist der Vergleich mit der GKV. Durch gesetzliche Regelungen (vor allem die Versicherungspflichtgrenze) erlaubt der Gesetzgeber nur einem kleinen Teil der GKV-Versicherten, sich überhaupt in der PKV zu versichern. Vergleiche mit den Pflichtversicherten in der GKV wären daher schief und wissenschaftlich nicht seriös. In der Gruppe der Versicherten, die freiwillig in der GKV versichert sind, verfügten nach den damaligen Daten mehr als die Hälfte (54,1%) über ein Einkommen oberhalb der Versicherungspflichtgrenze.

Frage 5.) Wir haben unabhängige Forscher gebeten, die Einkommenssituation der Privatversicherten und der gesetzlich Versicherten zu untersuchen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Privatversicherten deutlich höhere Einkommen haben. Möchten Sie dazu Stellung nehmen?

Antwort: In der Öffentlichkeit entsteht der Eindruck vermeintlich besonders wohlhabender Privatversicherter insbesondere dadurch, dass der Gesetzgeber für Arbeitnehmer eine „Versicherungspflichtgrenze“ von z.Zt. 57.600€ Jahres-Brutto vorschreibt, sodass landläufig viele glauben, jeder Privatversicherte müsse mehr als diese Summe verdienen. Das ist aber ein gravierender Irrtum. Tatsache ist: Weniger als 12 Prozent der Privatversicherten sind solche Arbeitnehmer oberhalb der Versicherungspflichtgrenze.

Bei den Versicherten der PKV handelt es sich um eine sehr heterogene Gruppe. Die größte Personengruppe in der PKV bilden die Beamten und Pensionäre sowie deren Familien, und zwar aus allen Besoldungsgruppen – wobei es in Deutschland weit mehr Beamte in unteren und mittleren Besoldungsgruppen gibt als im höheren Dienst. Sehr unterschiedliche und zum Teil durchaus geringe Einkünfte gibt es auch in der privatversicherten Personengruppe der Selbstständigen.

Frage 6.) Die PKV sehen sich selbst als Innovationsmotor im deutschen Gesundheitswesen. Können Sie uns ein Medikament nennen, das ohne die PKV heute nicht auf dem Markt wäre?

Antwort: Gerne möchte ich Ihre Frage umfassend beantworten und Ihnen dabei mehrere konkrete Beispiele nennen, bei denen die PKV als Innovationsmotor gewirkt hat:

Im System der Gesetzlichen Krankenversicherung bestehen relativ hohe Eingangs-Hürden für Innovationen. Einschränkungen wie zum Beispiel der Erlaubnisvorbehalt des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) sind in der Privaten Krankenversicherung explizit nicht vorgesehen. In der PKV muss eine Innovation im Wesentlichen wissenschaftlich anerkannt, zugelassen und medizinisch notwendig sein. Die PKV übernimmt nicht nur im vertraglichen Umfang die Kosten für Untersuchungs- oder Behandlungsmethoden und Arzneimittel, die wissenschaftlich überwiegend anerkannt sind. Sie leistet darüber hinaus auch neue oder innovative Methoden und Arzneimittel, die sich in der Praxis als erfolgversprechend bewährt haben oder die angewandt werden, weil keine schulmedizinischen Methoden oder Arzneimittel zur Verfügung stehen.

Der Erlaubnisvorbehalt und die anschließende Aufnahmedauer einer Innovation in das Honorarsystem der GKV (Einheitlicher Bewertungsmaßstab, EBM) führen im System der GKV zu Aufnahmeverfahren von bis zu 10 Jahren und länger. Zahlreiche Experten weisen auf diesen Tatbestand ausdrücklich hin. „Es dauert bis zu zwölf Jahre, bis eine Leistung im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) gelandet ist“, stellt z.B. der Gesundheitsökonom Prof. Jürgen Wasem fest („Ärzte-Zeitung“ vom 9.5.16.).

Daher kommt z.B. der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Frank Ulrich Montgomery, in der „Ärzte-Zeitung“ vom 24.1.17 zu dem Fazit: „Die Existenz der PKV führt mit einem hohen Leistungsversprechen dazu, dass auch das GKV-System versucht, einen hohen Versorgungsstandard trotz aller Sparbemühungen aufrechtzuerhalten. So fördert die PKV Innovationen bei Diagnostik und Therapie, genehmigt sie schnell und setzt damit die Krankenkassen in der Regel unter Zugzwang.“

Innovationen im Bereich der Arzneimittel:

Ursache für zahlreiche Verordnungsunterschiede zwischen GKV und PKV sind die umfassenden Steuerungsinstrumente, die der Arzt bei Verschreibungen für GKV-Versicherte zu beachten hat. Überschreitet der Arzt bei Arzneimitteln ein sogenanntes GKV-Richtgrößenvolumen, das bereits im Vorfeld festgelegt wird, kann zu Lasten des Arztes ein Regress ausgesprochen werden. Bei Privatversicherten ist der Arzt nicht an diese Regulierung gebunden. Gleichzeitig sind Privatversicherte nicht von Eigenbeteiligungen bei Arzneimittelpreisen oberhalb von GKV-Festbeträgen betroffen. Die Kostenerstattung endet in der PKV nicht beim Festbetrag.

Im Ergebnis führen diese Unterschiede auch dazu, dass Privatversicherte häufiger innovative Medikamente erhalten. So liegt der durchschnittliche Marktanteil der Privatversicherten bei den neuen Medikamenten des Jahrgangs 2014 bei 13,8% und damit deutlich über dem Privatversichertenanteil in der Gesamtbevölkerung (11,2%).

Diese Betrachtung wurde z.T. mit dem skeptischen Hinweis kommentiert, nicht jedes neue Medikament sei per se innovativ, sondern es gebe auch „Schein-Innovationen“. Daher ist besonders die folgende Erkenntnis interessant:

Vor allem Medikamente, denen vom G-BA im Rahmen der Nutzenbewertung ein „beträchtlicher Zusatznutzen“ (!) bescheinigt wurde, spielen in der PKV eine deutlich größere Rolle als in der GKV. Für innovative Medikamente aus den Jahren 2011-2013 mit beträchtlichem Zusatznutzen laut G-BA ergibt sich ein PKV-Marktanteil von 16,2% - also ein noch deutlich höherer Versorgungsgrad der 11,2% Privatversicherten. Auf diese Weise werden Innovationen im Arzneimittelbereich dadurch gefördert, dass sie trotz einheitlicher Preise überproportional aus der PKV finanziert werden.

Politische Gegner des dualen deutschen Systems haben diesen Innovations-Vorsprung der PKV wiederum als vermeintliches Indiz für die von ihnen behauptete „Zwei-Klassen-Medizin“ interpretiert. Doch bei diesen Medikamenten zeigt sich, dass ab dem Jahr 3 nach Markteinführung auch die Marktanteile der GKV deutlich ansteigen, sodass nach vergleichsweise kurzer Zeit alle Versicherten in Deutschland in den Genuss der Innovationen kommen. Die Frage, ob die entsprechenden Medikamente ohne den Türöffner-Effekt der PKV gar nicht oder erst Jahre später auf den deutschen Markt gekommen wären, können letztlich nur deren Hersteller beantworten. Dass die PKV-Erstattungspraxis die Markteinführungen erleichtert hat, ist jedenfalls evident.

Konkretes Einzelbeispiel: Kurzwirksame Insulinanaloga (v.a. bei Typ II-Diabetikern)

Diese Insulinanaloga haben – im Vergleich zu Humaninsulin – eine kürzere Wirkdauer. Durch den schnellen Wirkeintritt besteht keine Notwendigkeit für den Patienten, einen Spritz-Ess-Abstand zu berücksichtigen. Die Flexibilität in der Lebensführung steigt erheblich, was insbesondere Berufstätigen zu Gute kommt. Durch die kürzere Wirkdauer müssen keine Zwischenmahlzeiten zur Vermeidung eines starken Absinkens des Blutzuckerspiegels eingenommen werden. Dies reduziert die Gefahr einer Gewichtszunahme. Neben einer Erhöhung der Lebensqualität nimmt die Therapiezufriedenheit der Patienten zu. Diese und andere Vorteile von kurzwirksamem Analoginsulin werden in den Leitlinien der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) anerkannt.

In der GKV liegt der Fokus weniger auf dem Patientennutzen als auf dem therapeutischen Nutzen. So hat das IQWIG 2006 festgestellt, die Analoga brächten verglichen mit Humaninsulin keinen nachgewiesenen therapeutischen Zusatznutzen. Die Behandlungskosten mit Insulinanaloga seien etwa 30% höher. Der G-BA hat daraufhin diese Analoga aus den GKV-Leistungen ausgeschlossen.

Die PKV hat die Kosten dieser Insulinanaloga von Anfang an erstattet. Die PKV sicherte damit für dieses innovative Angebot von vornherein nicht nur eine Finanzierungsbasis, sondern weckte zudem im Systemwettbewerb bei den gesetzlichen Kassen Anreize, auf die Vorreiterrolle der PKV zu reagieren. So kam es zu mehreren Selektivverträgen zwischen Krankenkassen (insbesondere solchen mit vielen freiwillig Versicherten) und Arzneimittelherstellern. 2013 hat der G-BA seinen Beschluss aus dem Jahr 2006 aufgehoben und die kurzwirksamen Insulinanaloga in eine Festbetragsgruppe eingeordnet, sodass sie heute allen Versicherten in Deutschland zu Gute kommen.

Dieses Beispiel stammt aus der im März 2017 veröffentlichten Studie „Medizinisch-technischer Fortschritt als Ergebnis des Systemwettbewerbs zwischen GKV und PKV“, die ich dieser Mail als Anlage (PDF-Dokument) beifüge. In dieser Studie finden Sie weitere konkrete Beispiele für die Wirkung der PKV als Innovationsmotor, so z.B.:

  • Augenmedikament Jetera® (Ocriplasmin)
  • Prostatakrebsmedikament Zytiga® (Abirateron)
  • Brustkrebsmedikament Perjeta® (Pertuzumab)
  • Prostatakrebsmedikament Xtandi® (Enzalutamid)
  • Hautkrebsmedikament Yervoy® (Ipilimumab)

Die beigefügte Studie zeigt darüber hinaus zahlreiche Beispiele für die PKV als Innovationsmotor im ambulanten Versorgungssystem:

Konkretes Einzelbeispiel: Positronen-Emissions-Tomographie-CT (PET-CT)

Die PET bzw. die weiterentwickelte PET-CT ist ein diagnostisches Verfahren zur detaillierten Darstellung von Tumoren. Es werden Schnittbilder des Körpers (bzw. einzelner Organe) durch die Verteilung einer schwach radioaktiv markierten Substanz erzeugt und damit biochemische und physiologische Funktionen abgebildet. Krebsgewebe werden dann aufgrund eines gesteigerten Stoffwechsels der Tumorzellen erkannt.

In der GKV zeigt sich bei der PET-CT eine sehr lange Beratungs- und Beschlusszeit im G-BA. Erstmalig wurde 1998 durch den AOK-Bundesverband ein Antrag auf ambulante Zulassung gestellt, der vier Jahre später - bei einem an sich „vielversprechenden Verfahren“ – aufgrund fehlender wissenschaftlicher Studien abgelehnt wurde. Als Reaktion auf die ambulante Nichtzulassung ist im Jahr 2003 von den gesetzlichen Krankenkassen der Leistungsausschluss aus dem stationären Sektor beantragt worden. Seit 2007 ist das Verfahren durch den G-BA schrittweise aufgenommen worden. Erst seit Januar 2016 gibt es für die PET-CT eine eigene EBM-Gebührenordnungsposition für die GKV.

Die PKV hat die PET-CT von Anfang an sowohl in Krankenhäusern als auch in ambulanten Krebszentren erstattet, wenn sie medizinisch gerechtfertigt erschien, während die Beratung über Zulassung in der GKV-Versorgung mehr als 15 Jahre dauerte. In der PKV kann diese Art von Diagnostik zudem bei weit mehr Indikationen als im System der GKV angewendet werden.

Auch dieses Beispiel stammt aus der beigefügten Studie. Darin finden Sie weitere konkrete Beispiele für die Wirkung der PKV als Innovationsmotor in der ambulanten Versorgung, so z.B.

  • Kapselendoskopie bei unklaren Darmblutungen
  • Optische Kohärenztomographie (OCT) bei Augenerkrankungen
  • Genexpressionstest bei Brustkrebs
  • Computertomographie des Herzens (Cardio-CT)
  • Messung der Fraktionellen Flussreserve (FFR) bei Koronarer Herzkrankheit
  • Diagnostik des Prostatakrebs mittels MRT und Fusionsbiopsie
  • Hochintensiver fokussierter Ultraschall (HIFU) gegen Tumore

sowie weitere Beispiele für die Innovationsmotorik bei der zahnmedizinischen Versorgung und bei der Pflege sowie Pflegeberatung.

Bitte gestatten Sie, dass der PKV-Verband auch noch die in Ihrer ersten Anfrage pauschal gestellte Frage beantwortet, „ob es Private Krankenkassen braucht oder nicht“, auch wenn diese Frage jetzt nicht mehr aufgegriffen wurde:

Antwort: Ja, Private Krankenversicherungen sind nötig und gut für alle, und zwar aus vielen Gründen:

1.) Der Wettbewerb von GKV und PKV macht das deutsche Gesundheitssystem zu einem der besten der Welt. Er wirkt belebend im Interesse aller Versicherten, führt zu innovativen Lösungen und verbessert die Medizin in einem gemeinsamen Versorgungssystem mit freier Arztwahl und kurzen Wartezeiten für alle. In allen Ländern mit Einheitssystemen ohne diesen Wettbewerb sind die Wartezeiten sehr viel länger, Leistungen sind rationiert und so entsteht dort eine echte Zwei-Klassen-Medizin, in der nur Menschen mit hohen Einkommen Zugang zur Spitzenmedizin finden – außerhalb der Einheitsversorgung.

2.) 92% der Privatversicherten sind mit ihrer Krankenversicherung zufrieden oder sogar sehr zufrieden (Repräsentative Umfrage des Allensbach-Instituts, April 2017) Von solchen Zustimmungswerten können andere Branchen nur träumen.

3.) Jede niedergelassene Arztpraxis in Deutschland würde im Schnitt mehr als 50.000 Euro pro Jahr an Einnahmen verlieren, wenn es keine Privatversicherten gäbe (Quelle: WIP 2017). Jeder sechste Arzt fürchtet, dass er seine Praxis ohne Privatversicherte nicht mehr weiterführen könnte (EMNID-Umfrage Mai 2013). Ohne Private Krankenversicherung müssten tausende Ärzte, Zahnärzte, Physiotherapeuten und Hebammen aufgeben, die Versorgung würde schlechter.

4.) In der PKV wird nicht nur Solidarität der Gesunden mit den Kranken praktiziert, sondern auch Generationengerechtigkeit. Denn Privatversicherte sorgen für ihre im Alter steigenden Gesundheitskosten selbst vor. Diese kapitalgedeckten Alterungsrückstellungen betragen bereits mehr als 200 Mrd. Euro und wirken als stabile Vorsorge für die Folgen des demografischen Wandels. Diese Folgen stehen der GKV ebenfalls bevor, ohne dass dort jedoch eine vergleichbare Vorsorge bestünde. In der GKV finanzieren die Erwerbstätigen die Versorgung der Rentner mit. Wenn künftig immer weniger Junge immer mehr Älteren gegenüberstehen, wird das zunehmend problematisch, die nachfolgenden Generationen werden überaus stark belastet.

Beitragsvergleich PKV-GKV:

Da ich von einem Branchen-Kollegen gehört habe, dass Ihre Redaktion dort (offenbar im gleichen Zusammenhang wie Ihre Anfrage) den Fall eines Versicherten angesprochen hat, der seinen PKV-Beitrag als zu hoch empfinde und daher über einen Wechsel in die GKV nachdenke, möchte ich Ihnen gerne noch einige erläuternde Hinweise geben:

Viele PKV-Tarife umfassen deutlich über das GKV-Niveau hinausgehende Leistungen wie Chefarztbehandlung, Ein-Bett-Zimmer im Krankenhaus, sehr hohe Kostenanteile bei Zahnbehandlung und Zahnersatz sowie z.B. auch Heilpraktiker-Leistungen. Das alles muss ein seriöser Leistungs- und Beitragsvergleich natürlich berücksichtigen:

  1. Ein Arbeitnehmer würde bei einem Wechsel in die GKV dort als freiwillig Versicherter geführt. Das bedeutet inklusive Pflegeversicherung nach heutigem Stand einen Monatsbeitrag von 794 Euro (bei Kinderlosen 805 Euro) – jeweils abzüglich Arbeitgeberanteil wie auch beim PKV-Beitrag.
  2. Darüber hinaus wären zur Erlangung eines annähernd vergleichbaren Leistungsniveaus private Zusatzversicherungen für Krankenhaus, Zahnbehandlung etc. erforderlich, die in Summe nochmals mit schätzungsweise 200 bis 300 Euro pro Monat zu Buche schlagen würden. Insbesondere bei der Zahnversorgung ist zu berücksichtigen, dass die Leistungen in der GKV (nach Angaben des GKV-Spitzenverbandes) bei Zahnersatz auf weniger als 40 % der Kosten geschrumpft sind. Der weitaus größte Anteil dieser oft sehr hohen Rechnungen muss dort also privat abgerechnet werden. Zusätzlich würde je nach Höhe eines ggf. im bisherigen PKV-Tarif mitversicherten Krankentagegelds (als existenzsichernde Lohnersatzleistung bei Langzeit-Krankheit) auch dafür eine entsprechende Zusatzversicherung nötig, denn in der GKV ist dieses Tagegeld gedeckelt und i.d.R. deutlich niedriger versichert als bei PKV-Verträgen.
  3. Neben dem Beitrag sind in der GKV auch die geforderten Zuzahlungen zu berücksichtigen. Sie beliefen sich 2016 auf insgesamt 3,87 Mrd. Euro, für jeden GKV-Versicherten im Schnitt über 55 Euro im Jahr. Da Gesunde gar nicht davon betroffen sind, müssen Kranke dementsprechend ein Vielfaches dieser Summe an Zuzahlungen leisten.
  4. In der GKV richtet sich der Beitrag (anders als in der PKV) prozentual nach der Höhe des Einkommens. Bei Rentnern wird allerdings nicht nur die gesetzliche Rente mit dem Beitragssatz belastet. Zusätzlich muss auch auf die betriebliche Altersvorsorge (also z.B. auch auf die Lebensversicherungen beim Versorgungswerk der Presse) der volle Beitragssatz für Kranken- und Pflegeversicherung von derzeit rund 18 Prozent des gesamten angesparten Kapitals abgeführt werden. Bei einer Versicherungssumme von z.B. 25.000 Euro sind am Ende also rund 4.500 Euro an die GKV zu zahlen. Privatversicherte sind davon nicht betroffen – sie haben die entsprechenden Summen also quasi als Reserve für ihre PKV-Beiträge im Alter zur Verfügung.
  5. Freiwillig GKV-Versicherte (diesen Status hätten die Betroffenen voraussichtlich bei einem Wechsel in die GKV) müssen den prozentualen Beitrag sogar auf ihre sämtlichen Einkünfte zahlen, also auch auf Kapitalerträge, Mieteinnahmen und sogar auf die Einkünfte ihrer Ehepartner. Dies betrifft vor allem Selbstständige sowie Versicherte, die erst spät in die GKV gewechselt sind. Nach jüngsten Gerichtsurteilen müssen z.B. freiberufliche Ärzte oder Gastwirte beim Verkauf ihrer Praxis bzw. Gaststätte sogar auf die Veräußerungsgewinne GKV-Beitrag zahlen. Auch von diesen Beitragspflichten sind Privatversicherte nicht betroffen – und haben die entsprechenden Summen wiederum als Reserve für ihre PKV-Beiträge zur Verfügung. All das müsste natürlich in einem seriösen Vergleich mit Blick auf die Beiträge im Alter berücksichtigt werden.

Beiträge im Alter:

Privatversicherte, die sich Gedanken über die Frage bezahlbarer Beiträge im Alter machen, sollten dabei berücksichtigen, dass in der PKV im Alter ganz automatisch eine Reihe finanzieller Entlastungen wirken, die den Monatsbeitrag beträchtlich senken:

  1. Für alle, die ab dem Jahr 2000 in die PKV gekommen sind, gibt es einen starken „Airbag“ zur Dämpfung der Beiträge im Alter. Sie zahlen einen „gesetzlichen Zuschlag“, dessen angesparte Summe ihren Beiträgen ab dem Alter 65 wieder zu Gute kommt. Dieser Zuschlag hat den jeweiligen Monatsbeitrag zunächst um 10 Prozent verteuert. Ab dem 60. Lebensjahr verringert sich der Beitrag automatisch, dann muss der Zuschlag nicht länger gezahlt werden. Auch die meisten Privatversicherten, die schon vor 2000 in der PKV waren, haben ihre Verträge um diese Vorsorge ergänzt.
  2. Mit Renteneintritt entfallen außerdem die Beiträge für das Krankentagegeld. Dieser Schutz vor Verdienstausfall bei langen Krankheiten im Beruf wird in der Rente nicht mehr benötigt. (Dies kann je nach Höhe des versicherten Tagegeldes durchaus bis zu einem Drittel und mehr des PKV-Beitrags ausmachen.)
  3. Privat versicherte Rentner erhalten von der Gesetzlichen Rentenversicherung einen Zuschuss zu ihrer PKV. Der Zuschuss beträgt derzeit 7,3 Prozent vom Zahlbetrag der persönlichen Rente, maximal die Hälfte des tatsächlichen PKV-Beitrags.
  4. Wer in finanziell schwieriger Lage seinen Beitrag reduzieren und Leistungen vergleichbar denen der GKV erhalten möchte, muss dazu nicht in die GKV wechseln, sondern kann dies ggf. ab Alter 55 im PKV-Standardtarif erreichen. Dies gilt insbesondere für langjährig Privatversicherte im Alter (die bereits vor 2009 in der PKV waren). Der Durchschnittsbeitrag im Standardtarif beträgt etwa 280 Euro im Monat, von denen bei Rentnern bis zu 140 Euro durch einen Zuschuss der Rentenversicherung abgedeckt werden können. Zugleich ist der Selbstbehalt auf 306 Euro begrenzt. Der PKV-Verband spricht sich dafür aus, diesen gut funktionierenden Sozialtarif auch für alle Neukunden seit 2009 zu öffnen, denen er durch das seither geltende Gesetz leider versperrt ist, das alle seit 2009 hinzugekommen Versicherten nur noch auf den Basistarif verweist.
  5. Wer befürchtet, dass seine Alterseinkünfte zu niedrig sind, um sich den Versicherungsschutz ungeschmälert leisten zu können, für den gibt es Angebote von Beitragsentlastungstarifen. Arbeitnehmer können in vielen Fällen auch für die Beiträge zu dieser individuellen Zusatzvorsorge den Arbeitgeberanteil nutzen.

Wir hoffen, mit diesen Auskünften bei Ihren Recherchen geholfen zu haben, und fügen zu Ihrer vertiefenden Information als Anlagen noch einige Informationsmaterialien mit wichtigen Fakten zur Funktionsweise der PKV bei.

 

 

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