• Vorlesen
  • A A A

Faktencheck: Zeit-Artikel vom 20. September 2017

Die Wochenzeitung Die Zeit berichtet in ihrer Ausgabe vom 20. September 2017 sehr tendenziös über das duale Krankenversicherungssystem in Deutschland. Allein der Satz „In ganz Deutschland gibt es zwei Klassen von Menschen: Privatpatienten und Kassenpatienten“ zeigt deutlich, dass die Verfasser das Ziel haben, eine angebliche Zweiklassenmedizin in Deutschland belegen zu wollen. Dabei lässt der Artikel allerdings eine differenzierte journalistische Aufarbeitung vermissen. Unter anderem wurden von der Redaktion nachweislich vorliegende Fakten (Anlage) bewusst weggelassen und Sachverhalte gekürzt wiedergegeben.

Zugang zur PKV:

Die Zeit schildert den Fall eines Beamten, der im Jahr 1997 von einer privaten Krankenversicherung angeblich aufgrund seiner Bluter-Krankheit abgelehnt wurde. Sie verschweigt, dass es damals in der PKV bereits längst die Öffnungsaktion für Beamtenanfänger gab, die der Antragsteller ohne weiteres hätte in Anspruch nehmen können. Ein Ausschluss aufgrund von Vorerkrankungen wäre damit nicht möglich gewesen, eventuelle Risikozuschläge begrenzt worden.

Weiter schreibt Die Zeit, „Solche Leute (Anmerkung: mit sicherem Einkommen) suchen die privaten Versicherer, in deren Club nicht jeder darf. Nur Beamte, Selbstständige und Angestellte, die mindestens 4.800 Euro brutto im Monat verdienen“. Mit dieser Formulierung wird suggeriert, dass die PKV diese Grenzen vorgibt. Richtig ist, dass die genannte Einkommensgrenze vom Gesetzgeber vorgegeben ist (§ 6 Abs. 1 SGB V). Ziel dieser gesetzlichen Regelung ist es, Versicherte möglichst lange an die Gesetzliche Krankenversicherung zu binden.

Kranke Menschen in der PKV:

Die Zeit versucht, den Eindruck zu erwecken, dass es in der PKV keine Menschen mit schweren Erkrankungen gebe. Als angeblichen Beleg dafür nennt sie die Bluter-Krankheit. Grundsätzlich liegen der PKV keine Zahlen über bestimmte Erkrankungen ihrer Versicherten vor. Dass die Zeitung aber versucht, aus der Zahl der Bluter in der GKV, die „etwa“ der Zahl aller Bluter laut „Schätzungen“ in Deutschland entspreche, abzuleiten, dass es in der PKV so gut wie keine Bluter gebe, ist unseriös.

Aus dieser gewagten Schätzung schließt Die Zeit, dass es in der PKV wenig Menschen mit hohen Kosten für Arzneimittel gebe. Das ist so nicht richtig. Zum Beispiel liegen Zahlen vor, denen zufolge die Zahl der HIV-Neuinfektionen in der PKV regelmäßig höher ist als in der GKV. Infolgedessen ist auch der Anteil der Menschen unter antiretroviraler Therapie in der PKV höher als in der Gesamtbevölkerung. Diese Versicherten benötigen sehr teure Medikamente, die selbstverständlich von der PKV bezahlt werden.

Die Behauptung, dass Privatversicherer „Schwerkranke fallen lassen“, ist schlichtweg falsch und rechtlich ausgeschlossen. Im Gegenteil: Der einmal vereinbarte Versicherungsschutz gilt in der Privaten Krankenversicherung ein Leben lang und kann – anders als in der GKV – nicht nachträglich eingeschränkt werden.

Einkommenshöhe der Privatversicherten:

Die Zeit stellt eine Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP) in Frage, derzufolge nur jeder fünfte Privatversicherte ein Einkommen über der Versicherungspflichtgrenze hat. Widerlegt werden soll diese Zahl mit einer Untersuchung, die zeige, dass das durchschnittliche Bruttoeinkommen in der GKV bei 2.286 Euro liege, das in der PKV bei 4.430 Euro. Nur: Diese Zahlen stehen überhaupt nicht im Widerspruch zur Studie des WIP. Dass das Durchschnittseinkommen in der PKV höher ist, liegt schon daran, dass der Gesetzgeber eine bestimmte Einkommenshöhe vorgibt, ab der Arbeitnehmer die GKV verlassen und sich privatversichern dürfen (§ 6 Abs. 1 SGB V). Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass nur eine Minderheit der Privatversicherten ein Einkommen über dieser Grenze hat. Darauf, dass aufgrund der gesetzlichen Vorgaben ein Vergleich der Einkommen beider Systeme immer schief und wissenschaftlich unseriös wäre, hat der PKV-Verband die Redaktion explizit hingewiesen.

Beitragshöhe:

Die Zeit schildert den Fall eines selbstständigen Stuckateurmeisters, der seit 22 Jahren privat versichert ist. Zu Beginn – also im Jahr 1995 – habe er 297 Mark monatlich an Beitrag gezahlt. Heute zahle er 503 Euro. Rechnet man seinen Selbstbehalt von 1.200 Euro jährlich mit ein, kommt man auf einen Beitrag von 603 Euro monatlich. In der GKV hätte sein Beitrag im Jahr 1995 770 Mark monatlich betragen. Dies entsprach damals dem Höchstbeitrag in der GKV. Die Zeit verschweigt allerdings, dass der Höchstbeitrag in der GKV im Jahr 2017 bei 683 Euro liegt. Bei einer regelmäßigen Einkommensentwicklung zahlt der Versicherte also auch heute in der PKV noch deutlich weniger als in der GKV. Unerwähnt bleibt auch, dass der Versicherte in den 22 Jahren sehr wahrscheinlich eine Summe im mittleren fünfstelligen Bereich gegenüber einer Versicherung in der GKV gespart hat. Darüber hinaus ist es wahrscheinlich, dass er im Laufe seiner Versicherungszeit mehrfach Beitragsrückerstattungen erhalten hat. Auch darüber gibt Die Zeit keine Auskunft.

Der Versicherte aus dem Beispiel sorge sich zudem darum, dass er seine Beiträge zur PKV später nicht mehr zahlen könne. So gehe es vielen Privatversicherten, schreibt Die Zeit dazu. Unerwähnt bleibt allerdings, dass Privatversicherte jederzeit das Recht haben, ihren Tarif zu wechseln. Auch auf die Möglichkeit, sich gegebenenfalls im PKV-Standardtarif zu versichern, wird nicht verwiesen, obwohl der PKV-Verband Die Zeit explizit darauf hingewiesen hat. Im Standardtarif, der für den geschilderten Fall in Frage kommt, beträgt der durchschnittliche Beitrag rund 280 Euro, die Leistungen entsprechen dem Niveau der Gesetzlichen Krankenversicherung.

Qualität der medizinischen Behandlung:

Im gesamten Artikel versucht Die Zeit den Eindruck zu erwecken, es gebe im deutschen Gesundheitssystem eine Zweiklassengesellschaft („Im Leben der meisten Deutschen gibt es den Moment, in dem sich entscheidet, zu welcher Klasse Mensch sie gehören.“). Allerdings gibt es im gesamten Artikel kein einziges Beispiel dafür, dass gesetzlich Versicherte medizinisch anders versorgt werden als Privatpatienten. Genannt werden höchstens Serviceunterschiede wie die Unterbringung im Ein- oder Zweibettzimmer oder angeblich kürzere Wartezeiten für Privatversicherte. Unerwähnt bleibt, dass Ersteres auch gesetzlich Versicherten über eine Zusatzversicherung oder gegen Selbstzahlung offen steht. Für eine unterschiedliche Terminvergabe werden zudem keine Belege genannt. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Wartezeiten in Deutschland im internationalen Vergleich für alle Versicherten mit am kürzesten sind.

Zudem wird verschwiegen, dass die große Mehrheit der Deutschen mit ihrem Gesundheitssystem zufrieden ist:

  • Allensbach-Institut 2017: 92 Prozent der Privatversicherten und 90 Prozent der gesetzlich Versicherten sind mit ihrer Krankenversicherung zufrieden oder sogar sehr zufrieden.
  • Forsa 2017: 84 Prozent der Menschen sind mit dem Gesundheitssystem zufrieden, sehr zufrieden oder sogar vollkommen zufrieden.
  • Healthcare Barometer 2017: 85 Prozent sind mit den Leistungen ihrer Krankenkasse bzw. Krankenversicherung zufrieden. Knapp zwei Drittel zählen das deutsche Gesundheitssystem zu den drei besten der Welt.

Innovationen:

Zum Stichwort Innovationen hat der PKV-Verband der Zeit auf drei Seiten eine umfassende Antwort mit mehreren konkreten Beispielen gegeben, warum die PKV für mehr Innovationen im gesamten System sorgt. Nicht eines der Beispiele wurde in dem Artikel aufgegriffen. Stattdessen wird lediglich das Verfahren im Arzneimittelbereich geschildert, ohne auf einzelne Medikamente näher einzugehen.

Hätten sich die Autoren beispielsweise auch die Rahmenbedingungen in der ambulanten ärztlichen Versorgung angesehen, so hätten sie bemerken können, dass es zuweilen länger als zehn Jahre dauern kann, bis eine Innovation in der Gesetzlichen Krankenversicherung anerkannt und auch vergütet wird. In der Zwischenzeit findet der Markteintritt der Innovation über die PKV statt.

Solidarität:

Die Zeit schreibt, dass es in der PKV keine Solidarität innerhalb der Versichertengemeinschaft gebe („Und selbst untereinander gilt vor allem das Gesetz des Marktes: Wer jung und gesund ist, zahlt wenig. Wer alt ist oder krank, zahlt viel.“). Diese Behauptung ist falsch. Es ist die Grundlage des Versicherungsprinzips, dass die Versicherten füreinander einstehen. Im Fall der PKV ist es so, dass die Gesunden für die Kranken einstehen. Auch darauf hat der PKV-Verband die Redaktion in seiner Mail explizit hingewiesen. Zudem wurde der Redaktion erklärt, dass Privatversicherte für ihre im Alter steigenden Gesundheitskosten durch die Bildung von Alterungsrückstellungen selbst vorsorgen. Dass die Beiträge steigen, weil jemand älter wird oder erkrankt, ist definitiv falsch.

Darüber hinaus hat der PKV-Verband die Redaktion darauf hingewiesen, dass es in der PKV auch Solidarität zwischen den Generationen gibt: Durch die Bildung von Alterungsrückstellungen werden die jüngeren Generationen nämlich nicht belastet.

Geradezu bizarr wirkt vor diesem Hintergrund der Vorwurf der Zeit, die Entlastung von Familien werde den gesetzlichen Kassen aufgebürdet, wobei der Steuerzuschuss von 14,5 Milliarden Euro nicht ausreiche. Die Zeit lastet es dem System der PKV damit allen Ernstes an, dass ihre Versicherten für sich und ihre Angehörigen die Beiträge selbst bezahlen und überdies als Steuerzahler die kostenfreie Familienversicherung in der GKV mitfinanzieren, ohne selbst davon profitieren zu können.

Der Vorwurf, dass Privatpatienten „nicht für die Differenz aufkommen“, wenn der Bund der Gesetzlichen Krankenversicherung nicht kostendeckende Beiträge für ALG-II-Empfänger überweist, geht ebenfalls ins Leere. Wenn Privatversicherte Arbeitslosengeld II beziehen, kommen sie nicht in die GKV, sondern bleiben in der PKV. Als sogenannte „Hilfebedürftige“ können sie in diesem Fall in den Basistarif wechseln. Der Beitrag des Basistarifes wird dann zunächst von der Versicherung halbiert, bevor die zuständige Behörde den Rest dazugibt. Diese Beitragslimitierung wird über eine Umlage zunächst von den übrigen Versicherten des Basistarifs und dann in zweiter Ebene von den übrigen Privatversicherten mitfinanziert. Was daran unsolidarisch sein soll, weiß wohl nur Die Zeit

Wahlfreiheit:

Welches Menschenbild sich hinter der Logik des Zeit-Artikels verbirgt, wird an dem Satz deutlich, es sei eine „deutsche Kuriosität“, dass man die Menschen zwinge, eine „Entscheidung zu treffen“, in welchem System sie versichert sein wollen. Offenbar hält Die Zeit ein Zwangssystem, in dem es keinerlei Wahlfreiheiten gibt, für eine bessere Lösung als ein System, in dem sich die Menschen selbst für eine für sie passende Versicherung entscheiden dürfen.

 

Diese Webseite verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten und um Nutzerverhalten und Marketingmaßnahmen in pseudonymer Form zu analysieren. Indem Sie fortfahren, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies und stimmen den Webanalyse-Maßnahmen zu. Ihr Einverständnis können Sie jederzeit widerrufen. Nähere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Erweiterte Einstellungen