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Aktuelle Wartezeiten-Umfrage der Grünen

21.04.2017

Mehrere Medien in Nordrhein-Westfalen berichten heute über eine von der Grünen-Bundestagsabgeordneten Maria Klein-Schmeink selbst initiierte und durchgeführte Telefonaktion, mit der sie unterschiedlich lange Wartezeiten für einen Facharzttermin bei gesetzlich und privat versicherten Patienten ermittelt haben will. Die Erhebung folgt einer bekannten Methode, mit der Mitarbeiter einzelner MdB in diversen Bundesländern immer wieder entsprechende Terminanfragen bei Ärzten vortäuschen, um damit Schlagzeilen für ein Einheitssystem zu erzeugen.

Auch Klein-Schmeink leitet aus ihren Ergebnissen die Forderung nach einer Bürgerversicherung ab. Allerdings stehen die ermittelten Wartezeiten im Widerspruch zu zahlreichen anderen Untersuchungen und sind im internationalen Vergleich noch immer wesentlich besser als die Wartezeiten in anderen Ländern. Zudem sind die Methoden der grünen Telefonabfragen zumindest fraglich.

Vorgehensweise der Grünen:

Frau Klein-Schmeink hat bei 405 Facharztpraxen in Nordrhein-Westfalen zweimal kurz nacheinander anrufen lassen. Die Testanrufer haben sich dabei einmal als gesetzlich versichert und einmal als privat versichert ausgegeben. Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Termin habe demnach 9 Tage bei Privatversicherten und 36 Tage bei gesetzlich Versicherten betragen.

Ergebnisse anderer Untersuchungen und Befragungen zu Wartezeiten:

  • Eine Befragung des Forsa-Instituts im Auftrag der Techniker Krankenkasse zeigt, dass für die große Mehrheit der Versicherten in den Bundesländern Rheinland-Pfalz, Hessen und dem Saarland die Wartezeiten auf einen Arzttermin in Ordnung sind. Demnach waren – wie im Bundesschnitt – 85 Prozent der Befragten zufrieden mit der Zeitspanne zwischen Terminvereinbarung und Termin.
  • Eine Untersuchung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zu Wartezeiten in der ambulanten Versorgung von 2016 zeigt zwar ebenfalls Unterschiede zwischen gesetzlich und privat Versicherten, diese sind aber bei weitem nicht so groß wie von den Grünen behauptet. Demnach erhielten 68 Prozent der gesetzlich Versicherten innerhalb einer Woche einen Termin, nur 13 Prozent mussten mehr als drei Wochen warten.
  • Die Betriebskrankenkassen (BKK) haben in ihrer Bevölkerungsumfrage für 2011 bei gesetzlich Versicherten eine durchschnittliche Wartezeit von 20 Tagen, bei Privatversicherten von 14 Tagen ermittelt – ein Unterschied von 6 Tagen.

Wartezeiten im internationalen Vergleich:

  • Nach einer Vergleichsstudie des „Commonwealth Fund“ erhalten in Deutschland 76 Prozent der Patienten noch am selben oder nächsten Tag einen Termin beim Hausarzt. Mit diesem Ergebnis liegt Deutschland auf Platz eins aller befragten Länder.
  • Bei den Wartezeiten auf Facharzttermine ist Deutschland ebenfalls „Klassenbester“: Nur drei Prozent der Befragten müssen zwei Monate oder länger warten. In den Niederlanden sind es mehr als doppelt so viele, in der Schweiz sogar dreimal so viele.
  • Auf planbare Operationen warten Patienten in vielen europäischen Staaten oft sogar monatelang. So beträgt die Wartezeit für Knie- und Hüftersatzoperationen nicht nur in Polen oder Spanien, sondern beispielsweise auch in Norwegen oft länger als ein halbes Jahr. 

Folgerichtig kommt daher die internationale Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zu dem Fazit: „Im internationalen Vergleich führt Deutschland eine Phantomdebatte über die Wartezeiten.“

Das Wissenschaftliche Institut der PKV (WIP) hat sich die Mühe gemacht, in einer aktuellen Studie Zahlen und Entwicklungen zur Gesundheitsversorgung in 23 Ländern zu vergleichen. Das Ergebnis: Beim Zugang der Patienten zu medizinischen Leistungen schneidet das deutsche Gesundheitssystem im Vergleich deutlich besser ab.

Fragwürdige Methodik der Telefonumfrage der Grünen:

  • Unspezifische Terminwünsche: Die Fraktionsmitarbeiter der Abgeordneten Klein-Schmeink haben zunächst lediglich nach einem Termin gefragt, ohne den Ärzten einen Hinweis darauf zu geben, ob es sich um ein dringendes Problem oder gar einen Notfall handelt. In den Unterlagen zur Erhebung heißt es: „Unsere Testanruferhaben sich jeweils mit dem Satz gemeldet „Ich bin privat/ gesetzlich versichert und hätte gerne einen Termin“. Weiter heißt es: „In der Regel gab es […] keine Nachfragen seitens des Personals.“
  • Keine Dringlichkeit: „Falls es Nachfragen seitens des Praxispersonals gab, wurden standardisierte Antworten gegeben, so dass beide Versicherungstypen mit dem gleichen Problem angerufen haben“, heißt es in den Unterlagen. Bei Nachfragen hätten die Testanrufer als Standardantwort unter anderem angegeben, „eine nachlassende Sehkraft soll untersucht werden“ oder „Hautausschlag am Arm“. Offenbar wurde also bewusst keine schwere Erkrankung für den Terminwunsch angegeben.
  • Bei Konkretisierungen gab es einen schnelleren Termin: Nachfragen habe es aber in der Regel nur bei Radiologen, Neurologen und Kardiologen gegeben. Auffällig ist dabei, dass die so ermittelten Wartezeitenunterschiede gerade bei den Kardiologen und Neurologen, die am häufigsten konkret nach den Beschwerden gefragt haben, mit am niedrigsten waren. Bei Radiologen – die dritte Arztgruppe, die häufig nach dem Grund des Anrufs gefragt hat – ist eine Terminvergabe ohne Überweisung durch einen anderen Facharzt ohnehin unüblich.

Mithin sagen die Ergebnisse der Grünen-Telefonaktion nichts über eine etwaige Dringlichkeit des Terminwunsches aus. Ohnehin ist hierzulande in Notfällen ein Termin noch am selben Tag die Regel. Auf diesen Aspekt weist zum Beispiel auch der Präsident der Landesärztekammer Hessen, Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, hin: In Notfällen und wenn ein Patient dringend behandelt werden müsse, komme es nicht zu Wartezeiten. Er warnte bereits im vergangenen Jahr bei einer ähnlichen Erhebung der Grünen-Bundestagsabgeordneten Kordula Schulz-Asche davor, aus deren Ergebnissen voreilige Schlüsse zu ziehen. Tatsächlich existierten keine Qualitätsunterschiede in der Behandlung von Privat- und Kassenpatienten. Mit der Problematisierung des Themas Wartezeiten werde „ein falsches Feindbild aufgemacht".