• Vorlesen
  • A A A

Faktencheck: "Pflege-Bahr" trotz Finanztest-Kritik für viele eine gute Wahl

26.10.2017

Die Zeitschrift „Finanztest“ hat in ihrer Ausgabe 11/2017 Pflegezusatzversicherungen getestet. Zutreffend weist das Blatt dabei auf die Finanzierungslücke hin, die dadurch entsteht, dass die gesetzliche Pflegeversicherung im Pflegefall stets nur einen Teil der Kosten deckt:

„Die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung haben sich verbessert, viele bekommen mehr Geld. Dennoch ist klar: In der Regel ist damit nur ein Teil der Pflegekosten gedeckt. Eine Lücke bleibt. Der Pflegebedürftige muss sie mit eigenen Mitteln schließen … Wer später weder seine Kinder noch Hilfe vom Sozialamt in Anspruch nehmen will, muss finanziell vorsorgen. Eine Möglichkeit sind private Pflegezusatzversicherungen“.

Das anschließende Ranking blendet einen wichtigen Teil dieser Tarife allerdings aus, und zwar die staatlich geförderten Pflegezusatzversicherungen (von Finanztest „Pflege-Bahr“ genannt). Nach Meinung der Autoren sind diese „nicht empfehlenswert“. Sie kritisieren, das Produkt sei „verhältnismäßig teuer“ und schließe nicht die Versorgungslücke.

Diese Wertung der Tester verkennt jedoch völlig die sozialpolitische Bedeutung und erklärte Zielsetzung der geförderten Pflegezusatzversicherung.

  • Die geförderte Pflegezusatzversicherung soll nach dem Willen des Gesetzgebers ein bezahlbarer Einstieg für jeden sein – unabhängig vom Alter oder etwaigen Vorerkrankungen. Für die Unternehmen gibt es einen Annahmezwang, Risikozuschläge sind verboten. Insbesondere Menschen mit geringem Einkommen sowie mit Vorerkrankungen wird eine private Vorsorge so überhaupt erst ermöglicht.
  • Wie Finanztest selbst feststellt, ist die Finanzierungslücke im Pflegefall individuell unterschiedlich und hängt unter anderem vom jeweiligen Pflegegrad und dem eigenen Vermögen zum Zeitpunkt der Pflegebedürftigkeit ab (z.B. Rentenhöhe, Mieteinnahmen etc.). Die pauschale Aussage, dass geförderte Tarife die Versorgungslücke in den häufigsten Pflegegraden 1 bis 3 nicht decken, ist somit falsch. In einigen Fällen kann der geförderte Tarif die Lücke schließen, in anderen vielleicht nicht. In vielen Fällen ist er eine sehr gute Ergänzung zur sonstigen Eigenvorsorge, da er – anders als ungeförderte Tarife – Mindestleistungen für jeden Pflegegrad bieten muss.
  • Viele Unternehmen bieten die geförderte Pflegezusatzversicherung in Kombination mit ungeförderten Tarifen an, wobei der Abschluss eines geförderten Tarifes in einigen Fällen zwingende Voraussetzung für den Abschluss der weiteren (ergänzenden) Absicherung ist. In diesen Kombinationen wird die Finanzierungslücke selbst bei geringem sonstigen Einkommen oder Vermögen deutlich verringert oder sogar ganz geschlossen. Daher ist die willkürliche Entscheidung von „Finanztest“, diese Kombinationen gar nicht zu berücksichtigen, sachlich nicht nachvollziehbar.

Verzerrt wird das Testergebnis zudem durch das willkürlich gewählte Alter der „Modellkunden“, was die Betrachtung zu Ungunsten der geförderten Pflegezusatzversicherung einschränkt.

  • In Anbetracht der Tatsache, dass mehr als 50 Prozent aller Versicherten in geförderten Tarifen jünger als 50 Jahre sind, erscheinen die „Finanztest“-Berechnungen z.B. auf der Basis eines 55-jährigen Modellkunden nicht gerade repräsentativ. Das Angebot der geförderten Versicherung wird oft auch von jungen Leuten angenommen, die mit nur 10 Euro Eigenbeitrag und 5 Euro staatlichem Zuschuss schon eine gute Vorsorge bilden können. Denn je früher man anfängt, desto niedriger ist der Beitrag und desto höher sind die Leistungen.
  • Die staatliche Förderung von 5 Euro im Monat wirkt sich prozentual umso stärker aus, je geringer der Einstiegsbeitrag ist, also je jünger die Versicherten bei Vertragsbeginn sind. Wer einen geförderten Tarif mit jungen Jahren abschließt, kann leicht eine Förderung von etwa einem Drittel (5 Euro bei 10 Euro Eigenbeitrag) erreichen. Je früher die Verträge abgeschlossen werden, desto höher sind auch die Leistungszusagen für den Pflegefall. So kann bei einem Eintritt mit 18 Jahren das abgesicherte Pflegetagegeld etwa doppelt so hoch sein wie bei einem höheren Eintrittsalter.

Hinzu kommt eine Reihe weiterer fachlich fragwürdiger Annahmen:

  • „Finanztest“ kritisiert, dass die Beiträge auch nach Eintritt der Pflegebedürftigkeit weiter gezahlt werden müssen. Das ist jedoch eine Vorgabe des Gesetzgebers.
  • „Finanztest“ kritisiert, dass das Sozialamt die Leistungen der Versicherung anrechnet. Dies gilt aber für alle Pflegezusatzversicherungen, auch die ungeförderten. Diese Kritik verwundert auch angesichts der von „Finanztest“ selbst geäußerten Einschätzung, dass sich die Vorsorge „für alle lohnt, die weder … Kinder noch Hilfe vom Sozialamt in Anspruch nehmen“ wollten. Oder anders herum formuliert: Die Gefahr besteht vor allem darin, ohne die Leistungen der Pflegezusatzversicherung zum Sozialfall zu werden, und nicht darin, dass das Sozialamt diese Leistungen dann anrechnet
  • „Finanztest“ stellt die These auf, dass in geförderten Tarifen die Beiträge wegen des gesetzlichen Kontrahierungszwanges stärker steigen könnten als in anderen Pflegetagegeldtarifen, weil die Versicherten ein höheres Pflegefallrisiko hätten. Selbst für chronisch Kranke sei „zweifelhaft, ob ihnen dieses Produkt nützt.“ Diese Vermutung ist falsch und wird durch die Tatsachen bereits widerlegt: Mehr als 50 Prozent der Versicherten in geförderten Tarifen sind jünger als 50 Jahre. In diesem Lebensalter sind schwerwiegende Vorerkrankungen aber noch sehr selten.
  • Die „Finanztest“-Empfehlungen zu Lasten der geförderten Pflegezusatzversicherung sind nicht nur sachlich unbegründet, sie sind auch sozialpolitisch fragwürdig. Denn dadurch werden Menschen, die aufgrund ihres Gesundheitszustands eine verbesserte Vorsorge besonders dringend benötigen, sowie Menschen mit geringem Einkommen, die sich einen anderen Tarif nicht leisten können, von jeglicher Vorsorge für den Pflegefall abgehalten.