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Faktencheck: Lancet-Studie zur Qualität von Gesundheitssystemen

30.05.2017

Eine internationale Studie der University of Washington in Seattle, die im Mai im Fachmagazin The Lancet veröffentlicht wurde, hat die medizinische Versorgung in 195 Ländern untersucht (Link). Deutschland landete dabei nur auf Platz 20. Die Aussagefähigkeit der Studie ist allerdings stark begrenzt und hat methodische Schwächen.

  • Es handelt sich bei der Studie nicht um einen umfassenden internationalen Vergleich von Gesundheitssystemen (wie die Schlagzeilen suggerieren).
  • Die Autoren der Studie befassen sich nur mit dem Aspekt der Qualität und zwar im Hinblick auf vermeidbare Sterbefälle.
  • Die Autoren errechnen, wie häufig die Bewohner der 195 untersuchten Länder an 32 ausgewählten Krankheiten sterben, die durch Impfungen verhindert oder durch eine rechtzeitige Therapie geheilt werden können.
  • Wie häufig diese Krankheiten doch als Todesursache genannt werden, weist den Forschern zufolge darauf hin, wie gut oder schlecht das Gesundheitswesen im betreffenden Land ist.
  • Zur Bewertung haben die Autoren einen ganz neuen Index entwickelt: den „Healthcare Access and Quality Index (HAQ-Index)“
  • Auf Basis dieses HAQ-Indikators ergibt sich eine Rangliste der einzelnen Länder, die die Fähigkeit des jeweiligen Gesundheitswesens bewerten soll, vorzeitige Sterbefälle bei diesen 32 Krankheiten zu vermeiden. Deutschland liegt hier auf Platz 20 (HAQ-Index = 86,4).

Das Autorenteam unter Leitung der University of Washington, Seattle weist selbst auf diverse Limitationen in ihrer Studie hin. Insbesondere die Methodik kann in Frage gestellt werden, da sich die Entwicklung des maßgeblichen Indikators „HAQ“ (auf dessen Basis das Länder-Ranking erfolgte) nicht vollständig erschließt. Zudem sind die Grundlagen der Vergleiche in den einzelnen Erkrankungen nicht klar. Krankheiten, die unbehandelt nicht tödlich enden, etwa viele chronische Erkrankungen, werden gar nicht einbezogen. Auch gilt zu berücksichtigen, dass Qualität und Aktualität von internationalen Gesundheitsdaten erfahrungsgemäß eher schlecht sind (insbesondere in Nicht-Industriestaaten). Grundlage der Lancet-Studie sind die Daten des „Global Burden of Disease“ Projektes der WHO. Die Daten beruhen auf einer Selbstauskunft der teilnehmenden Länder sowie Schätzungen und liegen oft nur in mangelhafter Qualität vor. Darüber hinaus gibt es methodisch noch weitere unklare Aspekte.

Wie alle Qualitätsindikatoren, versucht auch der neu erfundene „HAQ-Index“, die Komplexität der Realität auf eine einzelne Größe zu reduzieren. Diese grundsätzliche Stärke von Qualitätsindikatoren ist zugleich auch ihre Schwäche. Ob jemand an einer bestimmten Erkrankung verstirbt, die durch eine rechtzeitige Therapie hätte geheilt werden können, ist nicht nur dem Gesundheitssystem anzulasten, sondern u.a. einer unterschiedliche Verteilung von Risikofaktoren in den Ländern (genetische Disposition, Alkoholkonsum, Übergewicht, Umweltverschmutzung) , die die Lancet-Studie nicht einbezieht.

Auch ein Blick auf die Ergebnisse der Lancet-Studie macht skeptisch:

  • So rangiert etwa Griechenland auf Platz 19 und damit vor Deutschland. Seit Beginn der Finanzkrise steht das griechische Gesundheitssystem allerdings regelmäßig vor dem Kollaps.
  • Platz 1 der Studie belegt Andorra. Dieses Land hat weniger als 80.000 Einwohner, von denen sich 25 % in Nachbarländern behandeln lassen. Zudem sind in dem Pyrenäen-Fürstentum hohe Selbstbeteiligungen zu leisten, was für den Zugang zur Gesundheitsversorgung alles andere als vorbildlich ist.

Die Entwicklung eines neuen Qualitätsindikators ist sicher von wissenschaftlichem Interesse. Daraus jedoch abzuleiten, dass die Qualität des deutschen Gesundheitssystems schlechter als die des griechischen sei, ist nicht haltbar.

Die Ergebnisse der aktuellen WIP-Studie zum Zugang zu Gesundheitsversorgung (Link) bleiben von der Lancet-Studie unberührt, da ihren eine ganz andere Fragestellung und Methodik zu Grunde liegt. Das WIP belegt auf Basis eines umfassenden Quellenstudiums, dass der Zugang zur medizinischen Versorgung in Deutschland im internationalen Vergleich vorbildlich ist.