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Faktencheck zur Wartezeiten-Umfrage der Grünen

06.06.2016

In einer selbst initiierten und durchgeführten Telefonaktion hat die Grünen-Bundestagsabgeordnete Kordula Schulz-Asche in Hessen bei gesetzlich und privat versicherten Patienten unterschiedlich lange Wartezeiten für einen Facharzttermin ermittelt. Damit folgt sie einer altbekannten Methode, mit der Mitarbeiter einzelner MdB in diversen Bundesländern entsprechende Umfragen starten, um damit Schlagzeilen für ein Einheitssystem zu erzeugen.

Auch Schulz-Asche leitet aus ihren Ergebnissen die Forderung nach einer Bürgerversicherung ab. Allerdings stehen die ermittelten Wartezeiten im Widerspruch zu zahlreichen anderen Untersuchungen und sind im internationalen Vergleich noch immer wesentlich besser als die Wartezeiten in anderen Ländern. Zudem sind die Methoden bei der Durchführung zumindest fraglich.

Zur Durchführung:

Frau Schulz-Asche hat für die Untersuchung 370 Facharztpraxen in Hessen zweimal kurz nacheinander anrufen lassen. Die Testanrufer haben sich dabei einmal als gesetzlich versichert und einmal als privat versichert ausgegeben. Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Termin habe dabei 11 Tage bei Privatversicherten und 38 Tage bei gesetzlich Versicherten betragen.

Ergebnisse anderer Untersuchungen und Befragungen zu Wartezeiten:

  • Eine aktuelle Befragung des Forsa-Instituts im Auftrag der Techniker Krankenkasse zeigt, dass für die große Mehrheit der Versicherten in Rheinland-Pfalz, Hessen und dem Saarland die Wartezeiten auf einen Arzttermin in Ordnung sind. Demnach waren – wie im Bundesschnitt – 85 Prozent der Befragten zufrieden mit der Zeitspanne zwischen Terminvereinbarung und Termin.
  • Eine Untersuchung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zu Wartezeiten in der ambulanten Versorgung (PDF-Dokument) von 2014 zeigt zwar ebenfalls Unterschiede zwischen gesetzlich und privat Versicherten, diese sind aber lange nicht so deutlich wie bei Frau Schulz-Asche. Demnach erhielten 59 Prozent der gesetzlich Versicherten innerhalb einer Woche einen Termin, nur 10 Prozent mussten mehr als drei Wochen warten.
  • Die BKK hat in ihrer Bevölkerungsumfrage (PDF-Dokument) für 2011 bei gesetzlich Versicherten eine durchschnittliche Wartezeit von 20 Tagen, bei Privatversicherten von 14 Tagen ermittelt – ein Unterschied von 6 Tagen.

Wartezeiten im internationalen Vergleich:

In den meisten Ländern gibt es keine offiziellen Daten zu Wartezeiten auf eine ärztliche Behandlung. Ein direkter Vergleich ist daher schwierig. Dennoch lassen sich aufgrund von mehreren Umfragen und Datenerhebungen deutliche Aussagen treffen. Einen sehr guten Überblick gibt das Wissenschaftliche Institut der PKV (WIP) in seiner Studie Rationierung und Versorgungsunterschiede in Gesundheitssystemen (PDF-Dokument). Die Studie führt einige deutliche Zahlen zu den Wartezeiten in Deutschland auf:

  • Der Anteil der Deutschen, die weniger als einen Monat auf einen Facharzttermin warten mussten, liegt bei 83 Prozent. – Damit liegt Deutschland auf Platz 1 vor der Schweiz, den USA und Großbritannien.
  • 94 Prozent der Deutschen sagen, es sei einfach, hierzulande einen Hausarzttermin zu erhalten. Bezogen auf Fachärzte sagten dies immerhin noch 71 Prozent, womit Deutschland aber auf Rang 5 aller 27 EU-Länder liegt.

Fragliche Methode der Telefonumfrage der Grünen:

  • Keinen Hinweis auf Dringlichkeit: Die Testanrufer von Frau Schulz-Asche haben zunächst lediglich nach einem Termin gefragt, ohne den Ärzten einen Hinweis darauf zu geben, ob es sich um ein dringendes Problem oder gar einen Notfall handelt. In den Unterlagen zur Erhebung heißt es: Unsere TestanruferInnen haben sich jeweils mit dem Satz gemeldet „Ich bin privat/ gesetzlich versichert und hätte gerne einen Termin“. Weiter heißt es: In der Regel gab es […] keine Nachfragen seitens des Personals.“
  • Bei Konkretisierungen gab es einen schnelleren Termin: „Falls es Nachfragen seitens des Praxispersonals gab, wurden standardisierte Antworten gegeben, so dass beide Versicherungstypen mit dem gleichen Problem angerufen haben“, heißt es in den Unterlagen. Nachfragen habe es aber in der Regel nur bei Radiologen, Neurologen und Kardiologen gegeben. Auffällig ist dabei, dass die so ermittelten Wartezeitenunterschiede gerade in diesen drei Facharztgruppen, die konkret nach den Beschwerden gefragt haben, mit am niedrigsten waren (lediglich beim HNO-Arzt waren die Unterschiede noch kürzer).

Auf genau diesen Aspekt weist auch der Präsident der Landesärztekammer Hessen, Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, hin: In Notfällen und wenn ein Patient dringend behandelt werden müsse, komme es nicht zu Wartezeiten. Er warnte davor, aus den veröffentlichten Ergebnissen der Untersuchung von Frau Schulz-Asche voreilig Schlüsse zu ziehen. Tatsächlich existierten keine Qualitätsunterschiede in der Behandlung von Privat- und Kassenpatienten. Mit der neuerlichen Problematisierung des Themas Wartezeiten werde „ein falsches Feindbild aufgemacht", das das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten belaste (Frankfurter Rundschau vom 4. Juni 2016).

  • Dass die Untersuchung der Grünen bewusst eine bestimmte Tendenz haben soll, entlarvt sie im Übrigen selbst, wenn es darin heißt, dass man andere Ergebnisse zu den Wartezeiten in Deutschland nicht gelten lassen könne. So wird etwa die KBV-Untersuchung kritisiert, die sehr viel kürzere Wartezeiten ermittelt hat: „Im Unterschied zu dieser Erhebung wurden auch Wartezeiten beim  Hausarzt oder Fachärzten dazu gezählt, bei denen der Patient einfach in die Sprechstunde ohne Termin gegangen ist also 0 Tage Wartezeit hatte. Für Berufstätige ist dies aber oftmals schwer möglich.“

Wir finden: Offenbar trauen die Grünen also den Menschen nicht zu, bei akuten Beschwerden selbstständig eine Arztpraxis aufzusuchen, um Wartezeiten zu vermeiden. Wenn das das Menschenbild der Grünen ist, wundert die Forderung nach einer Einheitsversicherung für alle nicht mehr.