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PKV-Faktencheck: Kritik an "Pflege-Bahr" in der Zeitschrift Ökotest

02.04.2015

Der grundlegenden Analyse von „Ökotest“ (Ausgabe 4/2015), wonach die gesetzliche Pflichtversicherung nur unzureichenden Schutz bietet, ist uneingeschränkt zuzustimmen. Idealerweise wird dieser Bericht somit dazu beitragen, dass noch mehr Menschen die Vorsorge-Lücke in der Pflege erkennen und sich entsprechend absichern.

Schon seit über 30 Jahren bieten Unternehmen der Privaten Krankenversicherung auch Pflegeversicherungen an. Die Nachfrage war zunächst gering, zwischen 1984 und 1998 kamen gerade einmal 500.000 Verträge zustande. Demgegenüber ist die staatlich geförderte Pflegezusatzversicherung („Pflege-Bahr“) in den beiden Jahren seit ihrer Einführung bereits von mehr Menschen abgeschlossen worden als bei den ungeförderten Angeboten in den ersten 14 Jahren zusammen. Inzwischen sind es inklusive der rund 550.000 „Pflege-Bahr“ schon über drei Millionen Policen – wobei ein Drittel des Zuwachses in den beiden letzten Jahren erfolgte. Das zeigt, dass die staatliche Förderung ihr Ziel erreicht, die Menschen zu einem Einstieg in die private Vorsorge zu bewegen.

Der „Pflege-Bahr“ funktioniert nicht nur als Brücke zum Einstieg in eine zusätzliche Absiche­rung. Auch für sich genommen bietet er bereits einen guten Schutz zu interessanten Konditionen. Leider wird der Bericht von „Ökotest“ diesem Aspekt in vielerlei Hinsicht nicht gerecht:

● „Ökotest“ blendet die sozialpolitische Bedeutung und Zielsetzung des „Pflege-Bahr“ völlig aus. Insbesondere Menschen mit geringem Einkommen sowie Menschen mit Vorerkrankun­gen wird eine private Vorsorge auf diese Weise überhaupt erst ermöglicht. Diese besondere Solidarität und Vorsorgemöglichkeit, die durch den „Pflege-Bahr“ für die gesamte Bevölke­rung ermöglicht wird, spielt in der Bewertung von „Ökotest“ keine Rolle. Im Gegenteil: sie wird tendenziell und im Rahmen von Spekulationen über die zukünftige Beitragsentwicklung als Nachteil bewertet.

● „Ökotest“ stellt die individuelle Nutzen-Maximierung des einzelnen Versicherten in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. In einem fairen Test muss dann allerdings dieselbe Logik auch für die geförderten Tarife gelten. Bei allen in Ihrer Testgruppe für 35-Jährige aufgeführ­ten „Pflege-Bahr“-Tarifen zahlt der einzelne Versicherte effektiv nur zehn Euro Eigenbeitrag. Doch dieser aus der Kundensicht einzig relevante Nettobeitrag wird im Test willkürlich ausgeklammert, indem die 5 Euro staatliche Förderung wie ein Eigenbeitrag zu Lasten des Kunden berechnet werden. Beiläufig wird dies auch in dem Artikel eingeräumt: „Wenn man lediglich den Nettobeitrag betrachtet, also den Beitrag, den die Kunden nach Abzug der Förderung von fünf Euro pro Monat tatsächlich zahlen müssen, haben die Pflege-Bahr-Ange­bote die Nase leicht vorn.“

Wie „Ökotest“ aus dieser selbst ermittelten Tatsache, dass geförderte Zusatzversicherungen bezogen auf den tatsächlichen Zahlbeitrag die Nase leicht vorn haben, dann aber zu der Überschrift „Pflege-Bahr fällt voll durch“ gelangen kann und daraus den Ratschlag „Finger weg von staatlich geförderten Pflege-Bahr-Tarifen“ ableitet, ist nun wirklich nicht nachvollziehbar.

● „Ökotest“ rät seinen Lesern ausdrücklich: „Sichern Sie sich frühzeitig ab.“ Zu diesem grundsätzlich richtigen Hinweis passt dann wiederum nicht, dass beim „Pflege-Bahr“ nur Tarife für Eintrittsalter von 35 und 65 Jahren berechnet werden. Denn bereits ab Alter 18 wird die staatliche Förderung gewährt, und mit diesem frühen Eintrittsalter verbessern sich die Leistungen beträchtlich. In vielen der von „Ökotest“ aufgelisteten Tarife würde sich für denselben Beitrag von 10 Euro plus 5 Euro staatliche Förderung das monatliche Pflegetage­geld bei einem Eintrittsalter 18 gegenüber den im Test genannten Zahlen mehr als verdop­peln.

● Auch die Tatsache, dass die staatliche Förderung für viele Bürger als Einstieg zu einer darüber hinausgehenden Absicherung genutzt wird, blendet „Ökotest“ leider völlig aus. So wurden die vielfach nachgefragten Kombitarife (mit dem „Pflege-Bahr“ als Grundbaustein sowie der Aufstockung durch ungeförderte Tarife) willkürlich aus dem Test ausgegrenzt.

Hinzu kommt eine Reihe weiterer fachlich fragwürdiger Darstellungen:

● Die Kernthese von „Ökotest“, dass „wahrscheinlich überwiegend Kranke einen solchen Vertrag abschließen“, wird in keiner Weise belegt. Sie bewegt sich im Bereich der bloßen Spekulation. Die Tatsachen sprechen hingegen eine andere Sprache und hätten beim PKV-Verband ohne weiteres recherchiert werden können. 50 Prozent aller Verträge wurden von Menschen unter 50 Jahren abgeschlossen, aber weniger als 5 Prozent von Menschen in den sogenannten pflegenahen Jahrgängen:

- 13,9 Prozent entfallen auf die Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen,
- 14,4 Prozent auf die 30- bis 39-Jährigen,
- 21,7 Prozent auf die 40- bis 49-Jährigen,
- 27,7 Prozent auf die 50- bis 59-Jährigen,
- 17,5 Prozent auf die 60- bis 69-Jährigen,
- 4,8 Prozent auf die 70-Jährigen und Ältere.

● Fragwürdig ist die spekulative Annahme, „nach dem erstmaligen Auslaufen der fünfjähri­gen Wartezeit könnte es zu einer regelrechten Preisexplosion kommen“. Denn die entsprechenden Leistungen sind durch die risikoadäquate Kalkulation von vornherein einge­preist. Kalkulatorische Sicherheiten werden bei den spekulativen Vermutungen von „Ökotest“ ausgeblendet, ohne jeden stichhaltigen Grund wird eine unseriöse Kalkulation unterstellt. Zudem erweckt der Artikel wenig später den ebenfalls falschen Eindruck, die Versicherer würden sich an den gezahlten Prämien quasi bereichern („kassieren die Versicherer erst einmal nur Prämien“) und „feierten“ deswegen. Tatsache ist vielmehr, dass dieses Geld im Rahmen der Überschussbeteiligung für spätere Leistungen an Pflegebedürftige reserviert ist.

● Überdies lässt „Ökotest“ ausschließlich erklärte Kritiker und Gegner der geförderten priva­ten Pflegezusatzversicherung zu Wort kommen sowie einen Unternehmensvertreter, der sich entschieden hat, das Produkt nicht anzubieten – aber kein einziges Argument der Befürwor­ter des „Pflege-Bahr“ und niemanden aus den 24 Unternehmen, die diese Versicherung anbieten.

● Die Kritik, „Pflege-Bahr“-Tarife könnten die Lücken der gesetzlichen Pflegeversicherung „in keiner Weise schließen“, geht ebenfalls fehl. Denn es ist ausdrücklich gar nicht das Ziel des Gesetzgebers (weder bei der Pflegepflichtversicherung noch bei der geförderten Pflegezusatzversicherung), einen „Vollkasko“-Schutz zu erreichen. Dies wurde in der politischen Debatte vielmehr als eine verfehlte „Erbenschutz-Versicherung“ bezeichnet. Dementsprechend bestimmen die gesetzlichen Fördervoraussetzungen sogar eine Höchst­grenze der Leistungen. Niemand behauptet, dass mit dem „Pflege-Bahr“ die Versorgungslü­cke komplett geschlossen werde. Er stellt vielmehr einen bezahlbaren Einstieg für Jeder­mann dar. Denn für Menschen mit geringem Einkommen, die etwas für ihre Vorsorge tun wollen, sind Absicherungen in der von „Ökotest“ vorgeschlagenen Höhe oftmals zu teuer.

Verbrauchermagazine wie „Ökotest“ tragen eine große Verantwortung, weil sie vielen Bürgerinnen und Bürgern als vertrauenswürdige Ratgeber gelten. Die reißerische Aufma­chung des „Ökotest“-Artikels in Hinsicht auf den „Pflege-Bahr“ sowie seine sachlichen Fehler und Fragwürdigkeiten werden diesem Anspruch bedauerlicherweise nicht gerecht. Dadurch besteht die Gefahr, dass Menschen, die aufgrund ihres Gesundheitszustands eine verbes­serte Vorsorge besonders dringend benötigen würden, sowie Menschen mit geringem Einkommen, die sich einen Normaltarif (noch) nicht leisten können, von jeglicher Vorsorge für den Pflegefall abgehalten werden.

 

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