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Die 145-Euro-Illusion

Bertelsmann
 

16.02.2020

Die Bertelsmann-Studie "Geteilter Krankenversicherungsmarkt" widmet sich den finanziellen Folgen einer Zwangsvereinigung von Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung. Wir haben die Argumentation der Studie in einem Faktencheck auf ihre Seriosität überprüft.

1.) 145 Euro „Ersparnis“?

Die Bertelsmann-Studie behauptet, wenn alle Versicherten aus der Privaten Krankenver­sicherung (PKV) in die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) einbezogen wären, würde jedes GKV-Mitglied pro Jahr durchschnittlich 145 Euro an Beiträgen sparen.

Fakt ist: Die vermeintliche Ersparnis von 145 Euro (0,6 GKV-Beitragspunkte) im Jahr ginge voll zu Lasten der ärztlichen Versorgung. Die 145-Euro-Illusion von Bertelsmann beruht da­rauf, dass der PKV-Mehrumsatz für die Ärzte ersatzlos wegfiele. Damit fehlten jeder Arztpraxis im Schnitt über 54.000 Euro pro Jahr – wodurch sich die Wartezeiten und die Versor­gungsqualität für alle Patienten drastisch verschlechtern würden.

2.) Ausgleich für Honorarverluste der Ärzte?

Die Bertelsmann-Studie behauptet, wenn die durch den Wegfall der PKV anfallenden Honorarverluste der Ärzte ausgeglichen würden, würden die GKV-Mitglieder noch 48 Euro jährlich an Beiträgen sparen.

Fakt ist: Wenn nur der Teilbetrag des PKV-Mehrumsatzes ausgeglichen würde, der auf die ambulante Medizin entfällt (6,4 Milliarden Euro pro Jahr), schrumpft die vermeintliche Ersparnis schon auf 48 Euro im Jahr (0,2 GKV-Beitragspunkte),

In Wirklichkeit ist der Mehrumsatz der PKV jedoch mehr als doppelt so hoch: 13,2 Milliarden Euro pro Jahr (Stand 2017), die dem Gesundheitswesen insgesamt zu Gute kommen – von Krankenhäusern über Hebammen bis zu Physiotherapeuten. Wenn dem Gesundheitssystem dieses Geld nicht entzogen werden soll, dreht der Beitragseffekt gemäß Bertelsmann-Rechnung sogar ins Minus – die gesetzlich Versicherten müssen draufzahlen.

Der PKV-Mehrumsatz in der ambulanten ärztlichen Versorgung betrug im Jahr 2017 (neueste verfügbare Daten) 6,43 Milliarden Euro. Das entspricht für jede der 118.356 ambulanten Arztpraxen in Deutschland 54.319 Euro pro Jahr. Im Jahr 2016 (diese Zahl verwendet die Bertelsmann-Studie, Seite 27) betrug der Mehrumsatz 6,29 Milliarden Euro, das entsprach 52.572 Euro im Jahr je ambulanter Praxis. Quelle: WIP-Analyse 4/2019 „Mehrumsatz und Leistungsausgaben von PKV-Versicherten“, dort Seite 9.

3.) Ein realistisches Szenario?

Den Autoren der Studie ist selber klar, dass die von Bertelsmann vorgegebene Basis-These ein Muster ohne Wert ist. Sie räumen ausdrücklich ein (Seite 9 der Bertelsmann-Studie):

„Dabei handelt es sich um eine rein rechnerische Schätzung von Finanzierungseffekten für den hypothetischen Fall, dass alle gegenwärtig in der PKV vollversicherten Personen in der GKV versichert wären. Damit handelt es sich ausdrücklich nicht um ein realistisches, ‚umsetzungsnahes‘ Szenario“.

Fakt ist: Die Bertelsmann-Studie geht von dem Szenario aus, alle rund 8,7 Millionen Privat­versicherten würden auf einen Schlag zwangsweise in eine GKV-Einheitsversicherung um­gesiedelt. Dieses Szenario ist vollständig unrealistisch und klar verfassungswidrig: Das Grundgesetz schützt sowohl das Recht der Versicherten auf Vertragsfreiheit als auch die Grundrechte der Versicherungsunternehmen (Berufsfreiheit). Dieser verfassungsrechtliche Bestandsschutz wird in der Regel auch von Befürwortern einer „Bürgerversicherung“ aus­drücklich anerkannt.

4.) Auswirkungen der Demografie

Bertelsmann-Stiftungsvorstand Dr. Brigitte Mohn verweist zwar in ihrem Vorwort darauf, dass „in dem vor uns liegenden Jahrzehnt allein aus demographischen Gründen die Finanzlage der Kranken- und Pflegeversicherung wieder angespannter werden wird“ (Seite 5).

Fakt ist: Die Studie geht kurioserweise mit keinem Wort auf die Herausforderungen des demografischen Wandels und die Folgen der Alterung in Deutschland ein.

In der Konsequenz wird die nachhaltige und generationengerechte Demografie-Vorsorge der PKV mit ihrem Aufbau kapitalgedeckter Alterungsrückstellungen in einer Höhe von inzwischen mehr als 270 Milliarden Euro (www.zukunftsuhr.de) in der Bertelsmann-Studie gar nicht erst betrachtet. Die Alterungsrückstellungen der PKV finden in der Studie keine Erwähnung, obwohl sie eine wichtige zusätzliche Säule zur Finanzierung des Gesundheitswesens sein werden, wenn die Umlagefinanzierung der GKV infolge der Demografie absehbar in Probleme geraten wird (hohe Gesundheitskosten für immer mehr Alte bei gleichzeitig immer weniger erwerbstätigen Beitragszahlern).

Nach dem Bertelsmann-Szenario kämen als Zukunftslast für die künftigen GKV-Beitragszahler im umlagefinanzierten System noch zusätzlich die Krankheitskosten der alternden 8,7 Millionen PKV-Versicherten hinzu – ohne dass dafür vorher entsprechende Rückstellungen gebildet würden wie es derzeit im PKV-System geschieht.

5.) Folgen für die Qualität der medizinischen Versorgung?

Die vermutlich wichtigste Frage jeder Diskussion über die Weiterentwicklung des Gesund­heitssystems müsste lauten: Wie kann die medizinische Versorgung der Menschen verbessert werden?

Fakt ist: Die Bertelsmann-Studie diskutiert nicht ein einziges Versorgungsthema. Die Qualität der medizinischen Versorgung bleibt völlig außen vor.

6.) Ärztedichte und regionale Versichertenverteilung

Die Studie befasst sich ausgiebig mit der Prüfung der von Bertelsmann vorgegebenen These, ob die regionale Verteilung der Privatpatienten auch Auswirkungen auf die Standortwahl bei der Niederlassung von Ärzten haben könne. So heißt es auf Seite 8 der Studie (gelbe Markierungen durch PKV-Redaktion): „Neben der Finanzierung wird auch diskutiert, ob bzw. wie sich die Segmentierung des Krankenversicherungsmarktes auf die Versorgung der Versicherten auswirkt. (…) Die Hypothese dabei lautet: Regionen, in denen zahlungskräftigere Privatversicherte wohnen, mit denen die Ärzte höhere sogenannte Mehrumsätze erzielen, sind für Ärzte mit einer Zulassung zur Teilnahme an der ambulanten Versorgung im Rahmen der GKV (Vertragsärzte) attraktiver als Regionen mit vergleichsweise wenig PKV-Versicherten. In der Folge entziehen sich die Ärzte zunehmend den sozial schwächeren Regionen, in denen ein vergleichsweise hoher Anteil gesetzlich Versicherter lebt.“

Fakt ist: Dieses Narrativ von den Privatversicherten als Ursache für regionalen Ärztemangel wird von Bertelsmann und insbesondere von dessen Berlin-Repräsentant Stefan Etgeton seit Jahren immer wieder verbreitet. Die Studie kommt nun allerdings zu dem gegenteiligen Ergebnis:

▪ „Aus den Ergebnissen kann …. nicht abgeleitet werden, dass mit den Befunden der vorlie­genden Studie ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Wohnort der Versicherten und dem Niederlassungsverhalten der Ärzte belegt ist.“ (Seite 30).

▪ „Für den PKV-Anteil in Landkreisen ... zeigt sich kein statistisch signifikanter Zusammen­hang zur Fachärztedichte.“ (Seite 32).

▪ „Es kann allerdings nicht davon ausgegangen werden, dass mit den Befunden der vorlie­genden Studie ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Wohnort der Versicherten und dem Niederlassungsverhalten der Ärzte belegt ist.“ (Seite 39).

In der Bertelsmann-Pressemitteilung zur Studie (Seite 2, 2. Absatz) erklärt nun deren Berlin-Repräsentant Stefan Etgeton:

„Einen ursächlichen Zusammenhang konnten wir in der Studie zwar nicht nachweisen. Ich gehe aber davon aus, dass die im Schnitt 2,5-fach höhere Vergütung ärztlicher Leistungen für Privatpatienten die Anreize für Ärzte verstärkt, sich in den bereits gut versorgten Gegenden mit vielen Privatversicherten niederzulassen“.

Damit sagt der Bertelsmann-Repräsentant im Kern: Die Hypothese ist zwar wissenschaftlich widerlegt worden und jedenfalls nicht nachweisbar, man hält aber trotzdem an seinem kontrafaktischen Klischeebild fest. („Ich gehe aber davon aus…“). 

7.) Gesundheitszustand der GKV- und PKV-Versicherten

Die Bertelsmann-Studie versucht mit Hilfe von Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) die Ausgangsthese zu beweisen, dass der Gesundheitszustand der Privatversicherten besser wäre als jener der GKV-Versicherten.

Fakt ist: Die Datenbasis besteht aus unsicheren Befragungsdaten des SOEP, die also die bekannten Unwägbarkeiten einer Selbstauskunft aufweisen. Die auf dieser Basis aufgezeigten Unterschiede sind minimal und vielfach nicht signifikant.

Die Befragungsdaten werden zudem von den Auswertungen konkreter Leistungsdaten innerhalb der Studie selbst quasi dementiert. So zeigt die Tabelle auf Seite 22 den „objektiven Gesundheitszustand“ von GKV- und PKV-Versicherten, bezogen auf konkrete Krank­heitsbilder. Die Daten der diagnostizierten Fälle bei GKV- und PKV-Versicherten liegen meist sehr nahe beieinander und sind somit vielfach nicht signifikant.

Und bei Erkrankungen wie Krebs, Bluthochdruck und Demenz liegt der Anteil der konkret betroffenen Versicherten in der PKV sogar höher als in der GKV.

Die Autoren selbst kommen auf Seite 26 zu dem Ergebnis, dass die Leistungsausgaben pro PKV-Versichertem sogar höher sind als in der GKV, nämlich 2.950 Euro in der PKV zu 2.691 Euro in der GKV:

„Den höheren Beitragseinnahmen, die sich für die Privatversicherten unter der hypothetischen Annahme einer GKV-Mitgliedschaft schätzen lassen, stünden ebenfalls höhere Leistungsausgaben gegenüber. Unterstellt man für die PKV-Versicherten eine mengenbezo­gen unveränderte Inanspruchnahme in der GKV, ergäben sich für sie hypothetische Leistungsausgaben in Höhe von durchschnittlich 2.950 Euro je Versicherten, im Vergleich zu 2.691 Euro je GKV-Bestandsversicherten.“

Am Schluss dieses Absatzes auf Seite 26 der Studie folgt zudem der Hinweis auf „die im Vergleich zur GKV höhere Besetzung der PKV in den Altersgruppen zwischen 55 und 75 Jahren, die im Durchschnitt vergleichsweise hohe Kosten verursachen“.

Die Autoren räumen überdies ausdrücklich ein (auf Seite 9), der Ansatz ihrer Studie erlaube „keine Differenzierung zwischen Selektionseffekten und Verursachungseffekten“:

Insofern die beobachteten Unterschiede der Morbidität zwischen PKV- und GKV-Versicherten – zumindest zu einem Teil – dadurch verursacht wurden, dass die PKV-Versicherten von den Ärzten aufgrund höherer Vergütung mit besseren Methoden behandelt werden, wären sie nicht der Selektion zuzurechnen.“

Fazit: Von der Bertelsmann-Ausgangsthese der angeblich jüngeren und gesünderen Klientel der PKV bleibt am Ende in der Studie selbst so gut wie nichts übrig.

 

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